Abdichtung der Information

Frankfurt am Main Goya hielt den Ausspruch für „eine Abdichtung der Information gegen die Erfahrung“ (Walter Benjamin).
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„Aber zu welchem Zweck ist die Erde denn erschaffen worden?“fragte Candide. „Um uns rasend zu machen“, lautete die Antwort. Voltaire 1758

Im Jahr der Barrikaden, Kaufhausbrände und Puddingattentate machte die schweigende Mehrheit Kulturrevolution. Im Oktober Neunundsechziger wählten Deutsche den ersten sozialdemokratischen Kanzler seit 1930. Die Zeit der parlamentarischen Langeweile war vorbei, als sich dreißig Abgeordnete der „Pünktchenpartei“ FDP zur SPD schlugen. SDS-Vorsteher Hans-Jürgen Krahl kommentierte den Brandt im Kanzleramt.

Krahl wollte einer „verknöcherten Republik die Krücken wegtreten“. Willy riet zum Wandel durch Annäherung. Er reiste nach Erfurt, um ein neues Kapitel in der Ostpolitik aufzuschlagen. Unterwegs zeugte ein Sicherheitsbeamter aus der Entourage Goya, der seinen Familiennamen von der amerikanischen Journalistin Chaska Coogan bekam.

Neunundzwanzig Jahre später

„Alle Welt spricht von Schönheit, obwohl doch Schmerz das Gefühl der Epoche ist“, erklärte Elke im ewigen Sommer Neunundneunzig. Goya hielt den Ausspruch für „eine Abdichtung der Information gegen die Erfahrung“ (Walter Benjamin).

Elke war bei Els-Schweizer, der Kunstbuch-Verlag residierte in der Münchner Straße auf drei Etagen. Der Verlag war das Hobby eines Erben, jeden Abend zog Els-Schweizer mit seinen Leuten um die Häuser im Bahnhofsviertel. Mittags fiel er beim „Schenk“ auf. Unter dem letzten Fischladen des Quartiers war ein Eiskeller, der am Main endete. Der Keller diente den sonderbarsten Schwärmen als Spielplatz. Ich komme darauf zurück.

Els-Schweizer war ein lärmender Langweiler, das sagte ihm keiner. Er umgab sich mit Günstlingen. Elke wohnte in einer Art Teeküche auf dem Dach des Verlagshauses. Sich auf der Terrasse sonnen zu dürfen, war was. In den Liegestühlen gingen Karrieren los. An manchen Nachmittagen lag der Verlag geschlossen da wie am Strand.

Elke arbeitete Els-Schweizer zu, sie war die einzige, die sich nicht irgendwie auch als Künstlerin sah oder zumindest hauptsächlich mit Künstler:innen zu tun haben wollte. Sie bewahrte einen schroffen Abstand zu den Hungrigen und zu den Gierigen. Kleinen Lichtern und lieben Leuten schanzte sie Aufträge zu.

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