Bekenntnishafte Vereinzelung

Literatur Mehr zu Leslie Jamesons Essays „Es muss schreien, es muss brennen“
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Sehen Sie ferner https://www.textland-online.de/index.php?article_id=3296

*

Leslie Jameson spekuliert nicht. Sie vermeidet steile Thesen und verrät ihre Gegenstände nicht an feuilletonistisch knallende Formulierungen. Im ersten Essay beschreibt sie die Wirkung, die ein niemals von Menschen visuell identifizierter, nur auf der Basis von Audiodaten bekannter Wal zumal in den sozialen Netzwerken auslöste. Niemand weiß, ob der Blauwalbulle tatsächlich so isoliert existiert, wie es Tontechniker:innen auf einer Marinebasis vor der Küste von Washington vorkommt. Seine Stilisierung zum einsamsten Wal der Welt fußt auf einem kleinen Ausschnitt aufgeschnappter Signale. Die Autorin schreibt:„Die natürliche Welt hat sich immer als Fläche für menschliche Projektionen angeboten. Die Romantiker nannten es den pathetischen Irrtum ... Wir projizieren unsere Ängste und Sehnsüchte auf alles, was wir nicht sind.“

Das Ohr der Navy - Der alte Mariner Joe George züchtet Kobralilien

Eingebetteter Medieninhalt

„Wir sind wie der Reisende, der die heiße Schlacke eines Vulkans benutzt, um darauf Eier zu braten.“ Ralph Waldo Emerson

*

„Die natürliche Welt hat sich immer als Fläche für menschliche Projektionen angeboten. Die Romantiker nannten es den pathetischen Irrtum ... Wir projizieren unsere Ängste und Sehnsüchte auf alles, was wir nicht sind.“

Leslie Jameson erzählt zuerst von einemeinsamenWal, dessen im Stil von Brehms Tierleben 2.0 breitgetretenes Schicksal einen weltweiten Wust von Twitter- und Facebook-Bekenntnissen auslöste. Sie destilliert die niedrigen Beweggründe der Inbesitznahmen aus naturfälschenden Sentimentalitäten. Eine ihrer Gewährsfrauen heißt die Autorin im „großen Schwingungsbecken der ... (Anhänger:innen) willkommen“.

Leslie Jameson, „Es muss schreien, es muss brennen“, Essays, aus dem Englischen von Sophie Zeitz, Hanser Berlin, 25.-

„Mythisch beinah“ sind die Begriffe, die Bill Watkins beschreiben. Der polyglotte Akustikexperte desWoods Hole Oceanographic Institutein Massachusetts verfügt über ein Ausnahmegehör. Akustischen Spürsinn bewies Watkins bereits als kindlicher Jagdhelfer seines Seelen fischenden und Trophäen sammelnden Vaters in Guinea.

Der alte Watkins verkörperte den Großwildjäger als Missionar.

„Als Kind habe (Bill) mit seinem Vater Elefanten gejagt, erzählte ...Er konnte zwanzig Hertz hören, was für das menschliche Ohr extrem tief ist. Sie oder ich hören da gar nichts… Aber Bill hörte die Elefanten.“

Die Koryphäe agiert als Deuter eines aquatischen Säugers, der (nach menschlichem Ermessen) ohne jeden Kontakt zu Artgenoss:innen existiert. Seine popularisierte Isolation regt nicht zuletzt notorisch unglücklich Verliebte an.

Audiosignatur

Im Dezember 1992 fängt Obermaat Velma Ronquille auf derNaval Air Station Whidbey Island (fünfzig Kilometer nördlich von Seattle) einen mysteriösen Sound ein.

„Auf dem Stützpunkt kam der unendliche Pazifik als endliche Datenmenge an, die von einem am Meeresgrund verteilten Netzwerk von Hydrophonen aufgefangen wurde.“

Sie bittet den Tontechniker Joe George um eine Expertise. Der Kobralilien züchtende Experte identifiziert den Urheber als untypisch (und einzigartig) hoch singenden Blauwalbullen.Das Tier bekommt die Kennung52 Blue. Offenbar wird der Einzelgänger von seinen Artgenossen gemieden. Jedenfalls registrieren die Aufzeichnungen keinen Kontakt.

„Auch wenn es schwer zu akzeptieren ist ... aber wie es aussieht, ist er in der ungeheuren Weite des Ozeans allein.“

Jahre später, George lebt längst im Ruhestand, spielt der alte Mariner der Essayistin einen Audioclip von52 Bluevor. Der Mitschnitt „hörte sich unheimlich an: ein schriller, pulsierender, bohrender Klang, das akustische Pendant eines trüben Lichtstrahls im dichten Nebel einer Vollmondnacht“.

Jameson trägt52 Blue-Memorabilia zusammen. Sie sichtet Epigramme und Kommentarspaltenergüsse von Fans deseinsamenWals, der eine kolossale Projektionsfläche für verfehlte Identifikationen bietet.

Manche empfangen „Signale aus der Tiefe“, die tiefgreifende Veränderungen stiften.

Bekenntnishafte Vereinzelung

Der alte Mariner Joe George züchtetKobralilien

Eingebetteter Medieninhalt

Die Marineluftbasis auf Whidbey Island im Puget Sound ist nicht nur ein Militärflughafen in einer pazifischen Förde. Solange der Kalte Krieg das Weltgeschehen bestimmte, diente der abgeschirmte Platz auch als Horchposten. Mit Hydrophonen (laut Wikipedia, „einem Gerät zur Wandlung von Wasserschall in eine dem Schalldruck entsprechende elektrische Spannung“) spürte man sowjetische U-Boote auf und analysierte die Audiosignaturen ihrer Aktivitäten. DasSound Surveillance System(SOSUS) unterlag einer hohen Geheimhaltungsstufe auch dann noch, als man damit nur noch Walgesänge filterte. Die in den Ozean hineinlauschenden Spezialist:innen arbeiteten sogar unter Ausschluss der limitierten Stützpunktöffentlichkeit. Daran erinnert sich Jahrzehnte später der Tontechniker Joe George im Gespräch mit Leslie Jameson.

Man isolierte sie; jene Frauen und Männer, die mit der Auswertung „der von Hydrophonen gelieferten Audiodaten zuständig waren“, sollten keinen Umgang haben mit dem ahnungslosen Rest der Besatzung.

„Das Gebäude war von mit Stacheldraht gekrönten Doppelzäunen umgeben. George sagte, manche Soldaten auf dem Stützpunkt hätten es für eine Art Gefängnis gehalten.“

Der bis zur Pedanterie gründliche George gab seine Sonderstellung selbst dann nicht auf, als er ins Reservist:innenglied zurückgestoßen wurde. Nah seiner beruflichen Wirkungsstätte etablierte er sich in bekenntnishafter Vereinzelung als Züchter fleischfressender Pflanzen.

Aus der Ankündigung

„So klug und radikal ehrlich: Seit Susan Sontag und Joan Didion hat niemand aufregendere Essays geschrieben als Leslie Jamison.“ Daniel Schreiber

Leslie Jamison ist eine der originellsten und couragiertesten Denkerinnen ihrer Generation. In ihrem neuen Buch erkundet sie die Tiefen von Verlangen, Intimität und Obsession und testet dabei auch die Grenzen ihrer eigenen Offenheit und ihres Mitgefühls für andere aus. Wie kann sie empathisch über menschliche Erfahrung schreiben, ohne ihre kritische Distanz zu verlieren? Wie ihr Beteiligtsein verarbeiten, ohne der Selbstbezogenheit zu erliegen? In Essays über so unterschiedliche Themen wie den „einsamsten Wal der Welt“, kindliche Erinnerungen an frühere Leben oder die Erfahrung, eine Stiefmutter zu sein, sucht sie nach neuen, ehrlichen Möglichkeiten erzählerischer Zeugenschaft.

Zur Autorin

Leslie Jamison, geboren 1983 und aufgewachsen in Los Angeles, ist die Autorin vonDie Empathie-Tests. Über Einfühlung und das Leiden anderer (2015), Die Klarheit (2018) und dem RomanDer Gin-Trailer(2019). Sie schreibt u. a. für die New York Times, The Atlantic und Harper’s, leitet das Non-Fiction-Programm der Columbia University und lebt mit ihrer Familie in New York.

10:17 21.04.2021
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentarfunktion deaktiviert

Die Kommentarfunktion wurde für diesen Beitrag deaktiviert. Deshalb können Sie das Eingabefeld für Kommentare nicht sehen.

Kommentare