Abschwächende Erklärungen

#DailyStorytelling Die meisten Missverständnisse im deutsch-deutschen Dialog verschärfen sich, wenn man erst einmal angefangen hat, einer dummen Bemerkung abschwächende Erklärungen folgen zu lassen
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Offiziell beginnt die Messe mit einem aufwändig gesicherten Rundgang des Staatsratsvorsitzenden. Der Besuch mit Tross entspricht einem jährlich wiederkehrenden Ritual und beinah einem Staatsakt. Ich muss deshalb besonders pünktlich auf meinem Posten sein. Anderenfalls käme ich noch nicht einmal in die Halle. Sie wird abgesperrt, solange die Nomenklatura sich die Ehre gibt. Das dauert eine Stunde, dann beginnt das normale Messegeschäft.

Honecker interessiert mich kein Stück. Ich ignoriere den Staatszirkus.

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Leipziger Messe 1980. Wie die meisten Westdeutschen mit Aufgaben in der DDR, komme ich privat unter. Während der Messezeit wohnt meine Wirtin bei einer Freundin. Jewa schiebt heute noch ihren Dienst in einer Gaststätte. Wir machen nur schnell die Übergabe. Jewa überlässt mir für dreißig Ostmark pro Übernachtung, gutes Geld nach ihren Maßstäben, ihre Einraumwohnung im vierten Stock einer Platte am Hauptbahnhof. Mit Dusche, kleiner Küche, Schrankwand und einer Couch zum Ausziehen.

Unter der Hand weitergegebene Privatadressen sind begehrt. Hat man einen Kontakt, bemüht man sich bis zu Bestechung, ihn zu halten. Für Hotelzimmer werden astronomische Preise verlangt. Eine Alternative dazu bieten Zimmervermittlungen. In Leipzig gibt es zwei. Bloß weiß man da nie, was man kriegt. Vielleicht was mit „Klo-halbe-Treppe“ und ohne Bad.

Ich habe in staatlich vermittelten Buden gehaust. Oft musste man durch das Wohnzimmer der Wirt:innen.

An ihrem Arbeitsplatz herrscht Jewa als Trinkgeldkönigin. Unser Arrangement bewährt sich schon ein paar Jahre, nie habe ich außerhalb der Küche auch nur eine Schublade aufgezogen.

Poliertes Resopal, soweit das Auge reicht. Jewa freut sich über die üblichen Geschenke, wir wechseln ein paar unverfängliche Worte. Ich achte darauf, in kein Fettnäpfchen zu treten. Die meisten Missverständnisse im deutsch-deutschen Dialog verschärfen sich, wenn man erst einmal angefangen hat, einer dummen Bemerkung abschwächende Erklärungen folgen zu lassen.

Wir kommen zum Geschäftlichen. Ich zahle im Voraus und tausche auch noch Geld für den Privatverbrauch. So umgehen alle Bundesbürger das 1:1 in den amtlichen Umtauschstellen, obwohl privater Umtausch ein Devisenvergehen darstellt. Ich verhandele nicht so hart wie ich könnte und lasse mich auf einen Wechselkurs von eins zu sechs ein. Eine bundesdeutsche Mark für sieben Ostmark wäre auch noch locker drin.

Dann wird es für Jewa Zeit zu gehen. Ich gucke Ostfernsehen, zwei Programme zum Gähnen.

Mir fällt die Decke auf den Kopf …

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