Adaptive Radiation

Systema M. Pavličenko Es bedeutet mir nichts, mit den Mädchen (tra noi ragazze: wie wir uns nennen) über Männer herzuziehen.
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Obsolete Eitelkeit

„Ihr sprecht von Wonnen, die ich nicht begehre.“ Stefan George

„Wer einst den Blitz zu zünden hat/ Muss lange Wolke sein.“ Friedrich Nietzsche

„Wir wissen heute, dass das Atmen nicht nur ein Verbrennungsvorgang ist.“ Antoine Laurent de Lavoisier

Mit dem Selbstverständnis einer vom Alter Abgesprengten nistet sich Marina Mancini in einer Abteilecke ein. Sie zuckt gesittet zusammen, wenn das pralle Leben in Gestalt einer ungehobelten Kleinfamilie sich an ihr reibt und stößt. Sie fährt über die Kamee auf ihrer Brust wie die Knallcharge in der Vorstadtkomödie.

Die Behauptung von Eigensinn und Noblesse erscheinen Marina kaum lohnend. Sie weiß, dass man von ihr nichts mehr erwartet außer einem milden Lächeln. Trotzdem fürchtet sie um ihre Frisur und behält darum den Hut (mit dem taktischen Trauerflor der frischen Witwe) auf. Beinah erleichtert ertappt sie sich auf der verwehten Spur einer obsoleten Eitelkeit.

Sie sollte nicht zu dankbar sein für das Ausbleiben direkter Grobheit.

Die Familie macht sich so breit wie sie nur kann. Im Augenblick behaupten die fetten Brassen Gebietshoheit ohne Mühe. Das sind sie gar nicht gewohnt: so uneingeschränkt schalten und walten zu können. Schon oft wurde ihnen klar gemacht, wo für sie der Hammer hängt. Die braven Leute tragen das Kainsmal der Gebirgsabstammung.

Zum Schein vertieft sich Marina in eine Zeitung. Sie will sich nicht so von allen guten Geistern verlassen fühlen. Die Erscheinung eines Mannes vor dem Coupéfenster verhilft ihr zu einer Phantasie. Plötzlich ist sie wieder jung und die Schönste in ihrem Viertel.

In der Gegenwart von Damals

Sie setzt den Fuß auf den Schemel, um den Schuh zu bewundern, den der alte Svevo ihr lüstern-devot auf den Fuß gezogen hat. Die Perversion als Profession; der Fußfetischist und Stiefellecker als Schuhverkäufer mit eigenem Geschäft von Moro Montanas Gnaden. Moro ist der Papa von Mario, dem Papa von Maria. Vielleicht hole ich doch noch mal kurz aus für die Säumigen in dieser Kunstkapelle.

Im Großen und Ganzen erzählen wir die Geschichte von Maria Montana, der ältesten Tochter und designierten Nachfolgerin von Don Montana, der seinen Vater zu beerben wusste nach einem Familienkrieg vom Feinsten.

Da war alles dabei, Brudermord inklusive.

Mario Montana ist der moderne Pate. Er diversifizierte, bis er vorderhand so legal operierte, dass staatsloyale Richter und Staatsanwälte seine Freundschaft nicht verschmähten. Man kennt und schätzt sich. Mario brilliert als Mäzen und Mentor. Aber das alles soll uns heute Morgen nicht beschäftigen.

Die Schönheit und ein bisschen auch die Dummheit erlauben es Marina nicht, unauffällig ihrer Wege zu gehen und eine passable Partie zu machen, Kinder in die Welt zu setzen und in Ruhe fett zu werden. Um hier einmal mit Klischees zu prassen.

Mario wirft ein persönliches Auge auf Marina. Deshalb betritt er nun den Schuhladen von Italo Svevo. Donna Svevo schmeißt sich gleich auf den Boden. Sie reißt Mario den Kaschmirschal vom Hals und hilft ihm aus dem Kammgarnmantel.

Kaffee für den Don.

Mario tut so, als fühlte er sich vom Zufall beschenkt. Er hetzt Marina über die Treppe seiner Gunst, vorbei an moribunden Topfgewächsen.

Der Scarpa-Patron wedelt Cannoli Siciliani für den Don herbei. Marina erlebt ihre Beförderung von einem Objekt der Begierde zur Favoritin des Favoriten, ohne mesmerisiert zu werden.

Kiesgefüllte Blumenkübel gliedern die Verkaufsfläche wie einen Hindernisparcours. An den Leder- und Schuhwichsegeruch haftet sich der Duft von Kaffee und brennendem Tabak. Marina vernimmt mehr als sie ihn riecht den Putzmittelätz, den ihre Wahrnehmung als Grundgeräusch verarbeitet.

Sie ist die Tochter einer konsequent ledig gebliebenen Zugehfrau … eine Geächtete, zu schön, um am Wegesrand der anderen der Verrottung preisgegeben zu bleiben. Der Don selbst spekuliert auf ein Wiedersehen in Windeseile. Am besten, man geht erst gar nicht auseinander.

Vor Begeisterung vergisst Mario seine Platzangst. Ja, ich erzähle euch von einem klaustrophobischen, schwindelsüchtigen, zudem abergläubischen Verbrecher, der seine Lektüre seit Jahren auf ein Buch beschränkt. Deshalb kennt er den Namen des achten Erzbischofs von Genua. Onorato kam nach einer sechsjährigen Sedisvakanz zu seinem Mandat.

Auch zu Marina fällt Mario eine Legende ein – und zwar eine mit zwei Fassungen. Marina aka Margareta von Antiochia (?* - ca. 305) verweigert dem in den Netzen des Ursprünglichen gefangenen Vater den Glaubensgehorsam infolge von Einflüsterungen einer christlichen Amme. Der Düpierte zieht die Debütantin vor Gericht. Der Richter verliebt sich in Marina. Die schöne Delinquentin lässt ihn abfahren. Im Gegenzug veranlasst er ihre Röstung. Unversehrt steigt sie vom Grill und avanciert so zum Vorbild. Es kommt zu Bekehrungen im Geist der Marina. Ihre Enthauptung übersteht sie aber nicht. In der Variante erscheint sie als Schäferin. Ihre Schönheit besticht einen Präfekten. Marina weist den Mächtigen zurück. Jener lässt sie verhaften und foltern. In ihrer Zelle begegnet ihr ein Drache. Von ihm verschlungen, zerschlägt sie ihn mit einem Kreuzzeichen.

Gleich mehr.

Vulnerabilität versus Fitness

Stabilisierend, transformierend, disruptiv ...

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Ach. Sie will das alles nicht mehr. Nicht mehr leben wie eine kaputte Dusche so leckend. Nicht mehr in einem Gespann mit Zukurzgekommenen laufen. Nicht länger möchte sie das Objekt mühevoller Verklärungsarbeit sein.

Sie verachtet Tizians kunstvolle Selbstaufgaben genauso wie seine linkischen Leftover-Verzauberungsversuche. Zugleich gibt sich Adalgisa, kurz Gisa, die Schuld an seinem Versagen. Sind am Ende nicht immer die Frauen schuld? Sie haben die Wahl und treffen die Entscheidungen.

Sie suchen sich ihre Loser und dann verfluchen sie sich selbst.

Physiologisch teuer

Inwiefern profitieren Pfauenhennen von der sexuellen Selektion? Alles dreht sich um fälschungssichere Signale und doch irrt Gisa an Stellen, wo sie sich lange für absolut trittsicher hielt.

Gisa denkt daran, wie wenig überzeugend sie Albertos Homosexualität zu finden das Bedürfnis gehabt hatte, bis er ihr eines Nachts mit Inaktivität bewies, was sie bis zu diesem Punkt auf der Karte ihrer Milieugemeinsamkeiten zumindest heimlich für einen Trick (im Rahmen einer Ambivalenz) gehalten hatte. Sonst wähnt sie sich stets ganz sicher, was die Präferenzen ihrer Freunde angeht. Alberto hatte sie überrascht und deshalb beschämt. Ihr Begehren, an sich ein schöner Zug, entblößte sie vor dem Gleichgültigen, wenn nicht sogar Indignierten.

Alberto ist so fleischlos sein eigener Herr; scheinbar unbestimmt auf all seinen Wegen. Fühlt er sich unbeobachtet, sieht man, wie zackig er ist. Er bewegt sich dann wie ein Dschungelkämpfer, die Umsicht im Anschlag; die Lautstärke aller Eigengeräusche heruntergedreht.

Ganz Ohr sein. Ein großes Ohr ist der Mensch, wenn er lauert. Dies oft mit aufgesperrtem Mund. Ja, Maul. Das Maul hört mit. Wir hören irgendwie auch mit dem Mund, doch bestimmt nicht mit den Augen. Das Ohr ist dem Auge ein starker Freund.

„Frauen haben im Allgemeinen mehr zu verlieren, wenn sie sich mit einem minderwertigen Mann paaren, da ihre Gameten teurer sind als die des Mannes.“ Quelle

Gisa kriecht durch ihren Alltag wie durch welkes Gestrüpp. Sie greift wieder einmal auf die Pfauen zurück. Die Hennen entscheiden sich (in einem Experiment) auch dann für den Hahn mit dem teuersten Gefieder, wenn der Schmuck einem Superhahn abgeknöpft und einem Durchschnittshahn angeklebt wurde. Das heißt, dass was sie für fälschungssicher halten, nämlich die Potenzpracht, bestimmt ihr Verhalten, ohne die Chance einer zweiten Evaluierung.
Das eröffnet den Täuschungsvirtuosen Tor und Tür.

Lange ist es her und ganz ist es vorbei. Doch selbst der in jeder Hinsicht durchgefallene Tizian hat eine Vergangenheit als schöner Schwan im Haifischbecken seiner Generation.

Pfauenhennen ziehen es vor, sich mit solchen Hähnen zu paaren, die übertriebene Prachtzeichen schmücken. Sie sind offensichtlich gesünder und kräftiger als ihre Rivalen. Folglich erscheinen die Ornamente (Pfauenaugen) als Marker der Überlebensfähigkeit. Quelle

Gisa lächelt über ihre Verhältnisse, obwohl sie die ausgeräumten Auslagen des Schuhhauses Svevo erschrecken. Der aufgegebene Geist in so vielen Kindheitsdingen. Gedanklich erhebt Gisa ihre Standardeinwände gegen das Handicap-Prinzip. Einige Experimente belegen, dass Pfauenhennen nicht unbedingt nach dem Klischee wählen, das den idealen Partner in der Mitte zwischen Fressfeind und Begehren platziert. Der überladene Hahn wird zum weichen Ziel für auf Pfauen abonnierte Greifer*innen. Der karge Konkurrent erscheint den Hennen zu dürftig.

Das ist der Allgemeinplatz. Dagegen sprechen Beobachtungen, die zeigen, dass ökologische Faktoren die Entscheidungen der Hennen beeinflussen, und sie unter Umständen keine Präferenzdifferenz zwischen den Potentiellen erkennen lassen.

Gleich mehr.

Hypertrophie

„Nach der Handicap-Hypothese haben die Männchen mit den auffälligsten Farbtrachten schon deshalb gute Chancen bei den Weibchen, weil sie noch am Leben sind.“ Axel Buether

“The sight of a feather in a peacock’s tail, whenever I gaze at it, makes me sick.” Charles Darwin

Amotz und Avishag Zahavi beschreiben die Grundgedanken des Handicap-Prinzips als ‚ganz einfach: Vergeudung kann sinnvoll sein, weil man dadurch schlüssig zeigt, dass man mehr als genug besitzt ... Gerade der Aufwand … macht die Aussage zuverlässig.‘“ Wikipedia

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Nando wanzt an. Maria spürt einen Schwächling unter dem Imponierputz des Muskelmännchens alter Schule, und anstatt belustigt zu sein, empfindet sie die durchsickernde Schwäche fast schmerzhaft als Belastung. Die Schwäche weht sie an wie der Veilchenduft eines Inkontinenten. Maria kapiert nicht, warum ihr Vater Nando ein Mandat gegeben hat; wieso dieser Niemand aus Crotone im Kabinett der Montana‘esken Schießknechte einen namentlich gekennzeichneten Platz einnimmt.

Was für ein Fake von einem Killer, denkt Maria mit diskret gerümpfter Nase. Obwohl jung an Jahren, weiß die Tochter des Paten schon, dass Schwäche gefährlicher ist als Stärke; und dass man nicht nur intelligente Freunde braucht, sondern auch intelligente Feinde, um in einem gedeihlichen Checks & Balances nicht auf die schiefe Bahn von Fisher's Runaway Selection zu geraten.

Hypertrophie ist eine kompensierende Geste. In Wahrheit sind wir alle leptosome Ausdauerjäger*innen, es sei denn, wir sind bloß Kackvögel.

Maria schüttelt Nando ab.

„Verpiss dich”, sagt sie mit süßer Schärfe. Man kann das mit Humor nehmen. Es klingt jedenfalls nicht so bös wie es gemeint ist.

Verpiss dich. Wäre ich Supermarktleiterin, würde ich dich noch nicht mal die Einkaufswagen zusammenschieben lassen. Mit der Schärfe der Fortpflanzungsbereiten sondiert sie das genetische Territorium, in das sie von ihrem Vater Mario Montana eingewiesen wurde. Das ist deine Wiese, Baby. Da darfst du wählen. Im Übrigen ist die Welt zu gefährlich.

Der Witz ist, ich meine, allein deshalb lohnt es sich, diese Geschichte zu erzählen, dass Maria ihrem Vater glaubt. Mehr noch. Sie weiß, dass er recht hat. Das weiß sie natürlich nicht aus Erfahrung. Woher denn? Mein Gott, Maria ist zwanzig.

Also, woher weiß sie das? Ich sage, das ist Herrschaftswissen. Das hat Maria im Blut. Das schwitzt und pisst sie aus, wo es sein muss. Da ist kein demokratischer Filter, der sie verlangsamt. Sie ist eine Prinzessin, und Prinzessin-sein ist ein Job, dem Maria vorbildlich gerecht werden möchte.

Sie steigt in ein Taxi, es ist Samstag kurz vor halbzwölf im letzten prä-pandemischen Jahr. Die Leibwächter*innen schmeißen sich in ihre Limousinen und starten die Verfolgung. Don Montana würde sie eigenmächtig köpfen, wären sie so saumselig, Maria aus den Augen zu verlieren.

Normalität

Es ist nur ein Spiel. Das Spiel heißt Normalität. Mit dem Taxi zum Marktplatz, um angesichts des Budenzaubers einen Caffe bei Alfonso am Tresen zu trinken, heimlich entzückt von den verwitterten Visagen der alten Fischer und Bauern, die sich ihr Leben lang mit den Elementen herumgeschlagen - und nicht als Krämer und Kämmerer eine ruhige Kugel geschoben haben. Wer in Alfonsos Reich einen Fuß aufstellt, das heißt, das Recht hat, die antike Messingleiste am Thekensockel zu beanspruchen, hat einen Kampf überlebt und etwas vollbracht, was ihm zuvor kein Mensch zutraute.

Verstohlen bedenkt Maria ihre letzte Lektion in schwarzer Magie gestern kurz vor Abbruch des hellen Tages bei Donna Leone. Die Tanten und Großtanten in der Matrix rauchen alle noch, während in Marias Generation niemand mehr raucht. Die Alten rauchen, legen Karten und pendeln. Sie lesen den Kaffeesatz wie eh und je. Die Angst, die ihre Leben in einem Gewaltregime bestimmt, ließ sie wahnsinnig werden, jedoch auf eine mit dem Vaterunser des Pöbels synchronisierte Weise. Sie fallen nicht aus ihren Rollen. Vor allen verbergen sie ihren Kummer.

Maria stellt sich die Ahne nackt im Bett vor, eine Halbgreisin, so wie Gott sie schuf. Sie sieht ihr Schicksal vor sich. Sie wird ihren Mann überleben. Denn wenn er nicht genug Mut besäße, um vor der Zeit zu sterben, würde sie auch nicht mit ihm leben und Kinder haben können.

Es ist eine einfache Rechnung.

„Nach der Handicap-Hypothese haben die Männchen mit den auffälligsten Farbtrachten schon deshalb gute Chancen bei den Weibchen, weil sie noch am Leben sind.“ Axel Buether

Geschminkter Schatten

Daran gewöhnt, ihre Schatten zu ignorieren, entfährt Maria ein Laut des Entzückens, als Bruno neben ihr (wie aus dem Boden geschossen) auftaucht. Der feminine Krieger gestattet sich einen Caffee in der Aura seiner Herrin. Bruno schminkt sich zwar, erlaubt aber niemanden, ihn darauf anzusprechen. Täglich geht er ein hohes Risiko ein. Don Montana befiehlt vielen Akteuren aus dem Stamm der Maskulinisten. Würde einer Bruno auf seinen genderfluiden Stil auch nur spöttisch ansprechen, müsste Blut fließen. Bruno beweist seine tödliche Entschlossenheit, indem er solche Reaktionen provoziert. Seine Überlegenheit beweist sich in der Zurückhaltung der Macho-Derben und Dumpf-Herben unter den Gefolgsleuten.

Neue Allgemeinplätze/Nando versus Bruno

Wir wissen es alle, Darwin stellte sich nicht gegen die Frauenwahlrechtskampagne, weil er das Frauenwahlrecht schlankweg für ausgeschlossen hielt. Seinem vehement zur Schau gestellten Abolitionismus zum Trotz, erschienen ihm Schwarze keineswegs ebenbürtig. Wie wir alle, existierte Darwin in fabelhaften Widersprüchen. Frauen zählten für ihn zu einem geringeren Geschlecht. Gleichwohl erkannte er, dass die sexuelle Selektion einer auf weiblichen Präferenzen basierenden Transformation entspricht. So schuf er vollkommen neue Allgemeinplätze. Heute besiedeln wir sie ohne die Idee, übertrieben fortschrittlich zu sein. Das ist soweit kalter Kaffee. Fraglich bleibt, warum reagiert Maria auf Bruno positiv und auf Nando negativ.

Nandos äußere Stattlichkeit lässt sich nicht übersehen. Prächtige Bizeps- und Penisbeulen dekorieren den alten Ochsen. Nicht wenige halten Nando für intelligent und geschickt. Er zählt zu den studierten Verbrechern. Mit seinem Abschluss hätte er auch den Rechtsstaat stärken können. Was solls, Maria fühlt sich von ihm abgestoßen; eben so wie sie sich von Bruno angezogen fühlt. Ich sage, Nando repräsentiert die schneidige Vergangenheit. Bruno transportiert Zukunftsinformationen. Avishag Zahavi und ihr Mann Amotz hätten ihre Freude an ihm (gehabt).

Die Evolutionsforscher fanden heraus, dass wir alle auf Verlässlichkeit geeicht sind. Wir wollen uns sicher sein. Halten wir etwas für fragwürdig, tendieren wir dazu, es zu übersehen beziehungsweise nicht zu berücksichtigen. In Anbetracht der Zweifel, die viele an sich selbst haben, stellt sich die Herstellung von Glaubwürdigkeit kompliziert dar. Die Zuversicht steigt, so sagen es die Zahavis, wenn das Signal mit einem Handicap verbunden ist. Die berühmtesten Beispiele sind das Pfauenrad und die Löwenmähne.

“The sight of a feather in a peacock’s tail, whenever I gaze at it, makes me sick.” Charles Darwin

Darwin raufte sich die Haare, da er den biologischen Nutzen der Pfauenaugen nicht erkennen konnte.

Warum halten sich diese flamboyanten Zeichen im Informationsfluss der Evolution?

Die Antwort dient dem Zweck, Zweifel an der Stärke des Signalgebers auszuräumen. Wer sich ein leuchtendes Schmuckmerkmal leistet, erzählt so von seinen Überschüssen, sprich von seiner Potenz. Bruno schillert in den Farben seines geschlechtlichen Eigensinns. Seine Performance ist futuristisch. Das qualifiziert ihn zum idealen Gegenspieler zum gestrigen Nando.

„Ich halte, was ich verspreche“, sagt Bruno, ohne ein Wort zu verlieren, und Maria glaubt ihm ohne Weiteres. Bereitwillig knistert sie neben dem Subalternen. Sie lässt ihn Witterung aufnehmen. Sie gibt ihm eine Lockstoffzusatzprise. Zugleich achtet sie darauf, ob sich Bruno verleiten lässt und abgleitet in einen Zustand nachlassender Aufmerksamkeit.

Das darf nicht passieren. Nichts soll für Bruno selbstverständlicher sein als ein Leben in der Vorwärtsspannung.

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Tödlicher Liebreiz

Die Tochter des Paten hat passionierten Sex mit Professor Páscha auf dem Uniklo. Das erschöpft Maria Montana eine Weile und hält gleichzeitig die Spannung hoch. Sex ist für die Studierende auch ein kosmetisches Abenteuer. Bei jeder Begegnung mit der Koryphäe fragt sich Maria, ob ihre Hautpflegerin ganze Arbeit geleistet hat. Dann zieht sich Maria im Tennistraining eine Sehnenentzündung am Innenschenkel zu. In der Physiotherapie verfällt sie temporär einem kindlichen Greis mit goldenen Händen.

Eine Adduktoren-Tendopathie spielt Mario Montanas akademisch dilettierenden Tochter dem Physiotherapeuten Binh in die Arme.

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Ihn schmücken nicht nur die Titel der akademischen Hochform. Ágio Páscha trägt zudem einen sprechenden Namen griechischen Ursprungs. Sie haben bestimmt gedacht, das ist was Türkisches. In Deutschland würde Ágio Páscha als Professor Doktor Ostern (Ágio Pás-cha) kursieren.

„Orthodoxe Christen feiern zu Ostern die Auferstehung Jesu von den Toten. Das orthodoxe Ostern – in den Ostkirchen auch Páscha genannt – findet einige Tage nach dem Osterfest der westlichen Kirchen statt, da für die Bestimmung des Datums der Julianische Kalender verwendet wird.“Quelle

Akademisch dilettierend

Der unerhörte Liebreiz von Ágio Páschas Geliebten Maria ist jetzt noch nicht das Thema, so wenig wie die Stelldicheins auf den Klos der Universität von P. Beide, Lehrkraft und Studierende, lieben das Abortale in seinen internalen Spielarten. Eine Adduktoren-Tendopathie spielt Mario Montanas akademisch dilettierenden Tochter dem Physiotherapeuten Binh in die Arme.

Sie müssen sich stets vor Augen halten, dass Mario seine Tochter nirgendwo allein hingehen lässt. An der Peripherie des Geschehens lungern Leibwächter*innen herum, die übrigens keine Ähnlichkeit mehr mit dem Lino-Ventura-Typus haben. Der Wrestler hat ausgedient. Die Killer*innen sind zartwüchsig. Sie tauschen mit Maria ihre Kajalstifte. Sagen Sie ruhig divers und fluid, ich sage, das bleibt sizilianisch, auch ohne Schmerbauch, Dreitagebart und Lupara.

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Feudal-fidel

Der über alles informierte Mario lässt seiner Tochter freie Hand als zukünftiger Führungspersönlichkeit. Töchter sind die neuen Söhne nach dem aktuellen Mafia-Komment. Man setzt auf Frauenpower und Sizilianischen Feminismus. Das heißt, die Frauen können schießen und haben Nahkampfkompetenz. Mehr Feminismus geht doch gar nicht, sagt der Pate.

So wie man in den alten Zeiten in dunklen Gassen und verrufenen Häusern mit seinem Sperma hausieren ging, so kommt man jetzt feudal-fidel zur Sache. Same same but different eben.

Checks and Balances

Maria wünscht sich eine Jungfrau zum Mann. Aber noch nicht jetzt. Im Jetzt des Zenits ihrer sexuellen Explosivkraft checkt sie die Balance der Akteure im Feld. Ágio Páschas Mundgeruch erzählt schon von dem alten Mann, der er gleich sein wird. Binhs Einfühlungsgenie dient der Erkundung von Schleichwegen der Migration. Im Schatten der Magistralen, die der Mehrheitsgesellschaft vorbeihalten sind, erstreichelt er sich ne passable Wohnung, genug zu essen und solche Sachen. – Und Maria kapiert das Konzept. Kapiert es und goutiert es. Für sie ist der lautlos agierende Binh ein Bringer im unerklärten Bürger*innenkrieg um alle möglichen Ressourcen.

Maria und die Migration

Maria sitzt in einem Café und liest einen Bericht über die Gegend, in der das Café liegt. Die Rede ist von „Afrikanern und Kleinbürgern“. Die Leserin erkennt unverstandenen Rassismus. Unter den Afrikaner*innen sind gewiss genug Kleinbürger*innen (dies als Beispiel für nachholendes Gendern). Man identifiziert sie nur nicht als kleine Leute, die von ihrem Schlendrian getrennt wurden; die nicht mehr einkehren können in ihre kleinen Ich-Gehäuse. Auch Maria hat keine Chance auf das Glück eines kleinen Lebens. Sie trägt die Glock am Mann (umgangssprachlich) und eben nicht in der Handtasche, so wie die anderen Pastorentöchter. Dem Ernst der Lage als Tochter des Paten von … entspricht sie scharf rasiert.

Die Tochter des Paten

Maria liebt es, vermeintlich allein an einem Cafétresen Normalität zu simulieren. Die allzeit bewachte Tochter des Paten existiert in einem Sonderuniversum akuter Todesnähe. Ihre Ermordung ist beschlossene Sache. Es geht nicht um das Ob, sondern bloß um das Wann & Wie. Maria weiß das. Trotzdem bleibt sie cool. Die Erzählerin Ljudmila Michailowna „Systema“ Pawlitschenko schwafelt etwas von genetischem Mut. Das gibt es doch gar nicht.

Was zuvor geschah

Italien in seiner Prä-Pandemie-Verfassung. Maria Montana studiert Germanistik an der Universität von ... Die Tochter des Paten Mario führt ein Granden-Leben unter feministischen Vorzeichen. Sie darf all das, was früher den ältesten Patriarchensöhnen vorbehalten war. Maria lebt sich frenetisch aus. Vehement liest sie sich durch ihre Interessengebiete. Sie spielt Tennis und genießt eine Mafia-Spezialausbildung, die der Geheimhaltung unterliegt.

Aber das ist nicht unser Thema. Wir sind im Alltagsmodus. Von mir aus -trott. Maria im Café, bei der Massage, auf dem Laufband, in der Ambulanz ... im Hörsaal, auf einem Uniklo mit dem durchaus verheirateten Professor Doktor Ágio Páscha, den es seltsam berührt, von einer Studierenden mit gut gefülltem Schulterhalter geküsst zu werden. Maria legt zwar ihren Büstenhalter, aber doch nicht den Holster ab.

Die Bewaffnung törnt den alten Páscha an. Maria hat nichts gegen solche Benefite des Erotischen. Was geil macht, ist gut. So hat Maria es von Mario gelernt. Auch er kam als starker Mann/einst bei den Frauen vortrefflich an. Nun geht er gebeugt und sieht aus wie geschwefelt. Die Macht zersetzt ihn. Die vielen Todesurteile wiegen schwer auf seinem Gewissenskonto, während Maria für diese Not noch kein Empfinden hat. Sie genießt ihre Wirkung auf alles, was da kreucht und fleucht.

Gern nimmt sie einen Kaffee im Stehen am Tresen einer Bar.

So geht es weiter

Dynastischer Kleinhandel

Maria überlässt sich einer Phantasie, die sie in Rimini zum ersten Mal gestärkt hat. Darin führt sie in dritter Generation einen Kiosk. Der dynastische Kleinhandel wirkt sich physiognomisch aus. Alle damit Befassten sehen sich ähnlich. Sie sind auf die gleiche Weise robust und anfällig.

Maria pflückt Lachs von einem Avocadobett und verlängert den Tagtraum, bis sie in der Bar ihres Verweilens (Illycaffé, free WiFi, originelle Backpackerbewertungen und endlos-stummgeschalteter Rai Uno auf einem zweiundvierzig Zoll Plasmabildschirm) jobbt, so wie die meisten ihrer Kommilitoninnen in Cafés jede Menge Schichten abreißen, um sich soeben über Wasser zu halten. Sie stellt sich vor, wie der offenbar skandinavische Barista (Maria tippt auf Schweden) um sie herumstreicht und die Nähe ihres Hinterns eine Glut entfacht. Neben ihr saugt eine Frau ihren Smoothie aus einer aufgepeppten Schnabeltasse. Maria baut die Frau in ihre Geschichte ein. Die Frau trägt ein Kleid aus erhabener, reliefierte Rankenmotive zeigender Spitze, mit einem fest vernähten Chiffonüberwurf, der wie ein Schleier kaum anliegt.

Ob ihr der Tod einmal so gut angezogen begegnen wird?

Das internationale Auftragsmordwesen ist längst eine weibliche Domäne.

Maria beneidet das geringe Volk um den Verschleiß, der es umgibt. Verstohlen registriert sie abgewetzte Stellen, geborstene Kanten, gesplitterte Kacheln, den Routinen entgangene Staubinseln; antike Zeichen, die zurückweisen in die Zeit, als in Bars noch geraucht wurde. Maria fürchtet jede Auffälligkeit. Ihre Sicherheitschefin Clarice Carangaria erstattet dem großen Mario Bericht. Maria darf nicht den Eindruck einer Saumseligen erwecken. Man erwartet Tatkraft von der Designierten.

Normal ist der Ausnahmezustand

Nichts sollte uns mehr überraschen als der funktionierende Alltag. Aber das überrascht uns nicht. Etwas macht uns glauben, wir hätten einen Anspruch auf Wärme im Winter. Obwohl all die Geflüchteten am Rand unserer Strecken die Kunde von der permanenten Dysfunktionalität weitertragen.

Angeregt von Antonio Gramscis Erkenntnissen, ist Marias Vater schon von zehn Jahren dazu übergegangen, die auf Lampedusa gestrandeten und von ihm eingesammelten Migrant*innen nicht so zu missachten, wie es die schieren Machtverhältnisse erlauben. Mario versteht den Mehrwert des kaum halbwegs fairen Umgangs als Bollwerk gegen die Konkurrenz. Ihm ist man gewogen. Die Plantagenarbeiter*innen springen jederzeit für den Boss in die Bresche. Im Hinterland mafiöser Weitsicht entsteht eine neue Wehrkultur.

Clarice Carangaria ist eine Flüchtlingstochter, die es weit gebracht hat im Imperium der Montanas. Mario vertraut ihr seinen Augenstern an.

Geduldige Schatten

Es war stets die gleiche Leier auf einer Skala der Variantenarmut. Vorgedrehte Zigaretten in einer originellen Box. Der R4 oder die Ente. Die Kerzen auf dem verwitterten Sims. Das verzogene Fensterkreuz. Dalís zerlaufene Uhren. An der nächsten Ecke eine Kneipe, in der Alexis Korner's Blues Incorporated gespielt hatten.

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Was zuvor geschah

Der Anfang beschreibt eine Aussetzung da, wo andere in eine Gemeinschaft hineinwachsen. Clarice Carangaria verliert ihre angolanischen Eltern auf dem Weg nach Europa. Auf Lampedusa gerät die Waise (unbegleitete Minderjährige) an einen Tributpflichtigen in Mario Montanas Mafia-Imperium. Clarice geht durch die harte Schule der Feldarbeit. Sie existiert in der Erniedrigung und erfindet da eine Capoeira-Variante. Überbordenden Einfallsreichtum beweist sie, sobald es darum geht, einen Feind zu bekämpfen. Sie strukturiert, ordnet und mathematisiert das Thema, bis endlich das ganze Gebiet so überschaubar wie ein Kinderspielplatz erscheint. Martialische Typen mit Verbrecher*innenstammbäumen bis in die Steinzeit kapitulieren vor Clarices Raum-Zeit-Mühlen. Du machst die Mühle auf und kapitalisierst den Faktor Zeit. Du machst die Mühle zu und profitierst von einem Raumgewinn.

Die effiziente Verwaltung von Zeit und Abstand generiert Konfliktkapital. Clarices Management lässt sich schließlich auch der Pate erklären. Restlos überzeugt, vertraut Mario der Aufsteigerin sein Wertvollstes an.

Clarice betreut Marios Tochter Maria als Chefleibwächterin. Die Schatten der Frauen sind verzahnt. Die Betrachtungsmetaebene verschraubt ihre Körper vertikal. Für die Eingeweihten: Sie haben eine gemeinsame Zentrallinie.

So geht es weiter

Sie spielen mit dem Anfang. Maria und Binh suchen ungewöhnliche Orte für ihre Begegnungen. Sie klappern touristische Anziehungspunkte ab. In den Verhältnissen der Einheimischen erscheinen die Kathedralen, Schuldtürme und Zeughäuser beinah exotischer noch als sie Fremden vorkommen, die auf die Reiseführerhistorie spekulieren.

Binh erlebt sich als Navigator auf einer Expedition in das Ungewisse des vor Ort Eingemachten. Gemeinsam genießen Maria und Binh Überraschungen so wie ein Schauer erregender Kirchenorgelrausch. Eine Meisterin spielt sich in Form, und die Liebenden gewinnen ein neues Weißt-du-noch. Bald schert sich auch Binh nicht mehr um die geduldigen Schatten hinter Maria.

Binh fehlt alles, um im Montana-Reich präsentabel zu sein. Er müsste eine Protzuhr (Rolex Explorer II 1655 zum Beispiel) und noch mehr superwertvollen Schmuck sowie Markenklamotten vom Feinsten tragen und mit einem Maserati vorfahren. – Und das wäre die Understatement-Variante in einer Sphäre, in der man Respekt nur jenen zukommen lässt, die sich Respekt verschaffen können. Du kriegst da nichts geschenkt. Bedürftigkeit disqualifiziert dich.

Binh fühlt sich von dem Gedöns in keiner Weise angesprochen und deshalb auch nicht in Frage gestellt. Er muss keinen Ehrenmänner-Ansprüchen genügen. Marias Reichtum fließt wie Wasser aus der Quelle in seine Richtung. Warum sollte er auch nur für ein Eis bezahlen bei diesem Wasserfallgefälle?

Binh tut nichts weh, wenn Maria ihn an jedem Schalter überholt, um den männlichen Part auszufüllen. Sie atmet Geld. In ihrer Nähe ist es so da wie Kuhscheiße auf dem Weg zur Weide.

Einschub/ Biologisches Misstrauen

Binh bittet Maria, in seiner Gegenwart keine Stiefel und auch keine hochhackigen, farblich exaltierten Schuhe zu tragen. Er drängt auf die Verfolgung seiner ästhetischen Leitlinien.

Immer wieder höre ich, man könne sich leicht über Präferenzen hinwegsetzen, sofern ein Ausgleich im Angebot sei. Ich habe da kein Urteil. Axel Buether erwähnt in seinem Werk „Die geheimnisvolle Macht der Farben“ die Funktionen von Farben in den sieben Kategorien „Orientierung, Gesundheit, Warnung, Tarnung, Werbung, Status und Verständigung“. In jedem Fall muss das Objekt der Begierde diesen Anforderungen genügen. Wer also einer Person, die lackrote High Heels für ein probates Mittel zur Wertschöpfung hält, von ganzem Herzen widersprechen möchte, den bestimmt - nach Buether - ein biologisches Misstrauen zu seinem Widerspruch.

Sinnlose Schulterknöpfe

Gerade fällt mir ein, wie ich einmal als Patient im Krankenhaus an eine Schwester geriet, die mir ein Interesse nicht vorenthielt. Eine burschikose Attitüde kontrastierte den Typus, den ich bei Frauen meiner Generation nicht mehr identifizieren und bei Jüngeren überhaupt nicht entdecken kann. Ich wittere ihn mehr als ich ihn erahne bei apfelgesichtig ergrauten Floristinnen und Buchhändlerinnen in Wollpullovern mit wagenradgroßen, vermutlich sinnlosen Schulterknöpfen. Da verwest ein erotisches Wir.

So war sie, diese Krankenschwester, ursprünglich dazu bestimmt, mich attraktiv zu finden und von mir attraktiv gefunden zu werden. Heute stoße ich mich am Stereotypen und Seriellen. Es war stets die gleiche Leier auf einer Skala der Variantenarmut. Vorgedrehte Zigaretten in einer originellen Box. Der R4 oder die Ente. Die Kerzen auf dem verwitterten Sims. Das verzogene Fensterkreuz. Dalís zerlaufene Uhren. An der nächsten Ecke eine Kneipe, in der Alexis Korner aufgetreten war.

Was ich sagen will: wir hatten keine Wahl. Damals gab es noch Kuren, die über sechs Wochen gingen. Der Rekonvaleszent verblieb solange wie in einem mittelprächtigen Hotel. Ich nahm alle Anwendungen und Muskelaufbaustunden mit. Man drehte ein Video mit mir in der Hauptrolle, weil ich mich so akkurat-gelenkig bewegen konnte. Das war kein Wunder, hatte ich doch nie groß etwas anderes getan, als zu trainieren.

Die Krankenschwester, die mir in ihrer Dienstkleidung als zwanglose Wohltäterin angenehm aufgefallen war, kam als Lady in Red zu unserem ersten und einzigen Date. Sie trug ein Lackminirock zur Lackweste, mir brannten die Augen.

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Verabredet war eine Antwort auf die Frage, ob ich nach einer schweren Operation, über die wir ein anderes Mal gern reden können, noch zum Geschlechtsverkehr in der Lage sein würde. Darüber hatten die Schwester und ich uns (sie auf jeden Fall entspannter als ich und sowieso ungemein heiter) auf ihrer Station verständigt. Was für eine lustige Idee.

Und nun das. Roter Lack. Gibt es noch etwas Affigeres? Denken Sie an Buether: „Orientierung, Gesundheit, Warnung, Tarnung, Werbung, Status und Verständigung“. Wir machen das alle nicht zum Spaß. Wir wittern, genesen, warnen, tarnen, werben, prahlen und finkeln nach den Vorgaben unseres genetisch-sozialen Strichcodes.

Nackt war die Welt wieder in Ordnung, doch blieb das Unbehagen. Ich lehne mich jetzt mal aus dem Fenster. Ich glaube nämlich nicht, dass die Schwester in ihrem Lieblingsaufzug angefahren kam. Vielmehr glaube ich, dass sie dachte, mich so begeistern zu können. (Rot als Abwechslung zum Krankenhausweiß.) Natürlich gibt es keine Brücke über solche (wahrscheinlich gut im Sinne von animierend gemeinten) Missverständnisse.

Fisher’s Runaway Selection

“When you look at life think in terms of Karate. But remember that Karate is not only Karate. It is life.“ Gichin Funakoshi

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In der Kombination von Professor Axel Buethers Farbenlehre* und Ljudmila Michailowna „Systema“ Pawlitschenkos Patentochter-Epos „Tödlicher Liebreiz“ ergibt sich im Vorgriff auf den Nachgang folgende Überlegung.

*Axel Buether, „Die geheimnisvolle Macht der Farben. Wie sie unser Verhalten und Empfinden beeinflussen“, Droemer Knaur, 306 Seiten, 25,-

Charles Darwin glaubte an einen Swing von weiblichen Partnerwahlpräferenzen und männlichem Selektionsdruck. Maria Montana muss sich nur die Schießknechte ihres Vaters angucken, um zu erkennen, dass Darwin irrte. Der britische Statistiker und Evolutionstheoretiker Ronald Aylmer Fisher (1890 - 1962) griff Darwins Idee von einer natürlichen Optimierung auf, um ihr zu widersprechen. Fisher etablierte die sexuelle Präferenz als Komplementärkategorie zur natürlichen Selektion. Die Bevorzugung von Merkmalen führt nach der Sexy Sons Hypothesis zur Durchsetzung von männlich konnotierten Farben und Formen. Interessant ist hier die Geringfügigkeit eines Farbvorteils, der in evolutionären Prozessen mit aller Macht nach vorn getragen wird, ohne die Überlebenschancen der Merkmalträger zwangsläufig zu verbessern. Fisher nannte den mitunter kuriosen Vorgang Runaway Process. Auf dieser Strecke werden Selektionsnachteile (wie etwa ein beschwerlicher Federschmuck) solange weitergegeben, bis vitale Beeinträchtigungen das Experiment stoppen.

So kann der weibliche Schönheitssinn in die Irre führen. Die pfauenprächtigen Gefolgsmännchen ihres Vaters lösen in Maria eine gesunde Skepsis aus. Die designierte Nachfolgerin und bestplatziert Kandidatin für eine imperiale Spitzenposition orientiert sich lustvoll an akademischen Koryphäen und menschlichen U-Booten auf Schleichfahrt, die ihre Vorzüge in einem Schattenmantel verbergen.

In Marias Milieu herrscht ein Verhalten vor, das die Patentochter isoliert. Ihre sieben jüngeren Schwestern und sechsundzwanzig Cousinen favorisieren (so wie manche Vogel- und Fischweibchen) extrem auffällige Männchen, deren Performance auf optische und akustische Maximalreize ausgelegt ist. Die Präferenz einer Gefiederten für lange Schwanzfedern bewirkt die sogenannte positive Rückkopplung, die sich bald paradox auswirkt. „Der Koppelungsprozess führt in kurzer Zeit zu extremer Merkmalsausprägung.“ Überzogene Federschwanzlängen wirken sich bei Pfauen so kostspielig aus, „dass sie einen deutlichen Überlebensnachteil darstellen (Energieverbrauch, Beeinträchtigung der Mobilität, usw.).“ Quelle

Lustige Freude

Man spricht von Selbstverstärkung. „Die Farbpräferenz des Weibchens sorgt für die Selektion der männlichen Gene, die darüber hinaus keine weiteren Vorteile bieten müssen (Axel Buether).“ Maria reagiert zuerst auf einen Geruch kurz vor Katzenpisse und dann erst auf die huskyblauen Augen des zweifellos amerikanischen, auf die skandinavische Art gutaussehenden Barmannes. Er beherrscht die Kaffeezubereitung nach dem Barista-Komment. Seinen Bewegungen fehlt aber das Traumwandlerisch-Unbewusste. Sein einheimischer Kollege wirkt wie von einer Kaffeemaschine gezeugt und lange gesäugt. Das ist eine ganz andere Performance.

Maria sucht die blauäugige Aufmerksamkeit. Sie schnappt den relevanten Namen auf. Clark. Sie prüft das Silbenkleid von Clarks Italienisch und vernimmt eine sie belustigende Freude an der Fremdsprache. Stark angezogen fühlt sie sich von dem Spaß, den Clark hat. Zwei Stunden später weiß sie, dass er …

Die Macht der Toten

Kennst du die Geschichte der Manchester Märtyrer William Philip Allen, Michael Larkin und Michael O’Brien?

Nein, natürlich nicht. Warum solltest du auch. Das ist keine Frage. Clark ignoriert die Oliven und das Speckgebäck auf dem Tisch.

Achtet er auf sein Gewicht? Würde sie das stören?

Nach der Ermordung des Polizeisergeanten Charles Brett im September 1867 hängte man The Manchester Three. Sie waren Mitglieder der Irish Republican Brotherhood aka Fenians, so genannt nach dem mythischen Iren Fionn mac Cumhaill und seiner in einer Sage besungenen Gang, der Fianna. Die Hinrichtungen weiteten sich zu einem Jahrmarkt aus.

Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen.

Die Delinquenten waren an einer gelungenen Befreiungsaktion beteiligt gewesen. Zur Freiheit verholfen hatten sie zwei inhaftierten Fenianer-Führern, zudem hochdekorierten US-Bürgerkriegsveteranen. Colonel Thomas Joseph Kelly und Captain Timothy Deasy hatten das Format, auf zwei Kontinenten Unruhe zu stiften. Sie waren aus den Vereinigten Staaten angereist, um die Wut gastarbeitender Iren anzuheizen. Beide überstanden ihre Subversionen, ohne Schaden zu nehmen, auch mit der Hilfe von Friedrich Engels und Lucy 'Lizzy' Burns; während nicht wenige Agitierte aus der Fußvolkkohorte ins Gras bissen.

Kelly und Deasy hatten im amerikanischen Bürgerkrieg gekämpft. Sie waren nach Europa gekommen, um ihre irisch-nationalistische Bruderschaft mit Terror zu feiern.

„Am 18. September 1867 wurden führende Vertreter der Fenier in Manchester befreit … Eleanor Marx schrieb am 2. Juni 1869 an Ihre Eltern Karl und Jenny Marx: „Gestern waren Lucy Burns und ich auf dem Markt, und Mrs. Burns zeigte mir den Stand, wo Kelly Töpfe verkaufte und das Haus, in dem er gewohnt hat. Es war wirklich spaßig, Mrs. Burns hat mir eine Menge lustiger Geschichten über Kelly und Daisy erzählt, die sie sehr gut gekannt hat, sie hat nämlich bei ihnen verkehrt und hat sie manchmal drei- oder viermal in der Woche besucht.“ Wikipedia

Clark Kelly

Clark behauptet, ein Nachkomme des sagenhaften Thomas Joseph Kelly zu sein. Sein Ahne erreichte, zahlloser Abenteuer zum Trotz, ein gesegnetes Alter. Kelly starb im XX. Jahrhundert in New York. Maria versetzt sich nach New York. Sie sieht sich und sieht sich nicht als eine andere, unbeschwert vom väterlichen Gewalterbe und dem ganzen verkommenen Reichtum. Das ist doch nicht schön, ständig denken zu müssen, ich könnte den Laden, in dem ich meinen Kaffee trinke, kaufen und nach meinen Idealvorstellungen auf der Stelle umbauen lassen.

Epi-Evolutionär

„Irgendwann erreicht man einen Punkt, da spielt das, was war, keine Rolle mehr.“ Clarice Lispector

Wenig Gewinn und große Verluste

Seit dem frühen Morgen fühlt sich Clarice unverstanden und geradezu verjagt. Donna Leone, die gebieterische Großtante ihrer Herrin Maria Montana, hat eine Bemerkung der Chefleibwächterin ihrer Großnichte als Überhebung gewertet und sich in der Gegenwart des Dons echauffiert. Die Theatralik erschöpfte den Paten. Einmal wieder kam die Rede auf den deutschen Urgroßvater, der im Juni 1917 in seinem Unterstand am Chemin des Dames verschüttet worden war. Solche Geschichten werden nur dann ausgekramt, wenn die Stimmung im Keller ist. Der Damendamm überragt als Höhenzug die Städte Laon, Soissons und Reims. Das nordfranzösische Geschehen ging als Schlacht an der Aisne (und so auch als Nivelle-Offensive) in die Geschichte ein. Sie brachte den Verteidigern nichts. Allerdings griffen um sich Meutereien, über die kein Mensch spricht.

Ein Jahr vor Kriegsende war der französische Streitwille so gut wie erloschen.

Ausgehöhlt waren die attackierten Reihen. Angriffe erfolgten auf unterwanderte Stellungen. Clarice, die auf der Flucht ihrer angolanischen Eltern verwaiste Patenziehtochter, zugleich und in erster Linie Verteidigungsministerin des Imperiums, entzog sich der schlechten Stimmung im Kreis der Eingeschweißten, verfolgt von der Frage, wie man denn mit so vielen hauseigenen Feinden wie die Franzosen 1917 doch noch auf die Siegerstraße gerät.

Die Frage lässt ihr keine Ruhe. Zu oft liegt Clarice der Fall zur Prüfung vor, dass Gewinner*innen in paradoxen Kettenreaktionen als Verlierer*innen ausscheiden. Das Unwahrscheinliche setzt sich durch, ohne dass man es in einer Betonrinne des Begreifens auffangen und kanalisieren kann.

Sicherheit ist Clarices Metier und Pläsier. Clarice liebt es, Einzelheiten zu beachten. Sie stellt Berechnungen an, geleitet von der Vorstellung, dass der Anschein als ständiges epi-evolutionäres Täuschungsmanöver das Erwartbare durchkreuzt.

Clarice vermeidet den leeren Blick einer alten Frau, die von ihrem Gebiss zur Darstellerin gemacht wird. Clarice graut vor Greisenvitalität. Sie fürchtet die Kombination von Schmerz und Verzicht.

Dem zweiten Schatten auf den Fersen/Das Schwarze Waisenkind

Meistens führt die Familie ein Boulevardstück auf. Selbst, wenn am Morgen einer hingerichtet wurde. Das verdirbt niemanden den Appetit. Maria Montana, des Paten Augenstern, folgt ihrer Verfolgerin.

Clarice, die Mitwisserin. Sie kennt Maria in jedem Zustand des Tages und der Nacht. Maria kennt ihren zweiten Schatten kaum. Das Schwarze Waisenkind mit seiner abgründigen Überlegenheit. Die Überlegenheit wie aus Luft. Unfassbar. Maria bringt für Clarices Raumzeitmühle kein Interesse auf. Sie kapiert einfach nicht, wie sich Personen mit Gleichungen bekämpfen lassen.

Clarice vermisst Räume auf einem Zeitstrahl. Nie unterlässt sie es, ihre Präferenzen im Verhältnis zur Umgebung zu definieren. Nie würde sie sich nach jemandem umdrehen. Das Risiko, von hinten angegriffen zu werden, schätzt sie geringer ein als das Risiko, in einem schlichten Manipulationsschema positiv getestet zu werden. Sie weiß, dass man hinter ihrem Rücken experimentiert. Dass jeder ihrer Schritte beobachtet wird.

Das spornt sie an. Sie will eine Superperformerin sein und Kraft aus der Gegner*innenenergie ziehen. Man soll von ihr nicht mehr begreifen als jemand begreift, der Rauch aufsteigen sieht.

Physiologisch teuer

Inwiefern profitieren Pfauenhennen von der sexuellen Selektion? Alles dreht sich um fälschungssichere Signale und doch irrt Gisa an Stellen, wo sie sich lange für absolut trittsicher hielt.

Survival of the fittest - Was bedeutet das?

Eingebetteter Medieninhalt

Was zuvor geschah

Claras Eltern kamen auf der Flucht aus Angola nach Europa ums Leben. Die Waise überstand eine Phase als Plantagensklavin auf Sizilien. Ihr oberster Herr erkannte Claras außerordentliche Intelligenz und Fitness. Don Mario Montana ließ die Tugenden zur Entfaltung bringen und vertraute Clara nach einer langen Zeit der Ausbildung seine älteste Tochter und designierte Nachfolgerin Maria an. Im Weiteren machte er Clara zu seiner Consiliera und zur Waffenmeisterin des Imperiums.

Schlanke Lösungen

Folgende Grundsätze bestimmen Claras Kurs:

Es gibt effektiveres Verhalten als unwillkürliches Verhalten.

Lass das Üble erst gar nicht zu.

Weniger ist mehr.

Wenden wir uns dem dritten Punkt zu. Er bestimmt einen ökonomischen Faktor in allen Auseinandersetzungen. Rühre ich zu viel Mehl in den Konfliktbrei, kann ich mit der Masse nichts anfangen. Vielleicht backt sich daraus der Gegner einen Kuchen. Wer weiß das schon, wenn er sonst auch nichts weiß.

Schlanke Lösungen sind der Schlüssel. Die Umstände, unter denen viel viel hilft, lassen sich nicht einfach herstellen. Es gehört zur menschlichen Sendung, dass ein Einzelner effektiver ist als ein Haufen. Wer glaubt, mit Beispielen aus der Geschichte den Hauptsatz widerlegen zu können, muss sich vor Augen führen, dass die längste Zeit Unfreie ins Feld geführt wurden. Das waren Leute, die keine Wahl hatten. Hat jemand die Wahl, wird er nicht weiter gehen als sein Herzog (das ist jener, der vor dem Haufen herzieht). Steht aber kein Herzog auf dem Platz, ist der Haufen kopflos.

Welchem Zweck dient ein mit Scheinpotenz korrelierender Aufwand? Warum werden physiologisch teure Lösungen und sogenannte fälschungssicher Signale (Pfauenfedern, Löwenmähnen) vorgetäuscht?

Ein Beutetier markiert (etwa mit der Wespenwarntracht) eine Gefährlichkeit, die es nicht besitzt. Das ist der Täuschungsnutzen. Führt man die Scharade aber auf, ohne einen Fressfeind in Reichweite, bleibt sie selbstreferenziell und erzeugt nicht mehr als ein Echo in der eigenen Kammer.

So geht es weiter

Farben in der Matrix

„Zuerst wirbeln wir eine Menge Staub auf, dann klagen wir, weil wir nichts mehr sehen.“ George Berkeley

Zum ersten Mal sehen wir Farben in der Matrix. Sie fluten langwellig die mütterliche Bauchdecke. Von daher assoziieren wir Geborgenheit und Wärme mit Orange, Rot und Violett. Immer wieder begegnen uns Männer, die behaupten, sie könnten sich an solche Gebärmuttergemütlichkeiten im Schummerlicht erinnern. Gisa wartet mit einem Panoptikum von Nebenfiguren auf; einem Regiment der Unzulänglichkeit. Männer, die Gisas Hoffnungen nicht verdient haben. Wir lassen es auf Cognac-Soda ankommen. Der Kellner ist Künstler. Das sagt sein Habitus.

Breaking News

Wenn Europäer*innen die Erfahrungen von Geflüchteten machen ... Kommt es hart auf hart, erkennt ihr das frühzeitig daran:

“Just landed at Berlin airport on last flight from UK. Federal police triaging between German citizens and the rest of us. Curious to see what happens next as we’re held at passport control.” Tom Nuttall

Weiter im Text

Gisa redet weiter über die Versager auf ihrer Liste. Über deren Schübe. Die Zeiten, als Raketentechnik die Referenz abgab, sobald vom Schub die Rede war, sind lange vorbei. Hochtechnologie spielt im Mus der Begriffsbildungen und -deformationen keine Rolle mehr. Das wirft ein fahles Licht auf die Psychopathologie. Da scheint alles so leicht zu haben. Da versteht jeder alles. Tizians Schübe sind doch bloß Karnevalskostüme für seine Unfähigkeit.

Klar ist Tizian zu blöd, um eine leere Schublade aufzuräumen. Aber doch nicht erst seit gestern. Bald wird er zudem tropfen und stinken.

Madeleine phosphoresziert vor Langmut. Ich habe Madeleine noch nicht vorgestellt, komme jetzt auch nicht dazu. Die Leute machen Tempo, so kurz vor Weihnachten. Die Schachrentner verlassen kaum je ihre Stellungen am Spielfeld im Garten der Villa Lante. Das Schauspiel der versunkenen Veteranen betrachten wir durch das Panoramafenster des Antico Caffè Lucrezia. Das Café befindet sich im Besitz einer Freundin, die nicht müde wird, Geld für Don Montana zu waschen. Die unteren Extremitäten der Spieler schluckt ein Frostdunst. Nebeltorsi in der Dezemberkälte.

Es bedeutet mir nichts, mit den Mädchen (tra noi ragazze: wie wir uns nennen) über Männer herzuziehen.

05:34 22.12.2020
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