Ästhetische Diaspora

#Leben „Valerie und Mahnusch waren Töchter eines ..., der in Wahrheit von den Verlaufsvignetten der Matrilinearität gezeichnet war. Man war geübt im Feiern des Weiblichen ...“
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Mahnusch Qarabaghi zählte zu jenen Doppeltexilierten, die in ihrer ästhetischen Diaspora Europa und den Orient bereits verschmolzen hatten, bevor sie in die Neue Welt aufbrachen, um sich da noch einmal im Geist Rimbauds zu verwandeln. Schließlich lebte sie als Staatenlose in den Vereinigten Staaten. Sie verbrachte viel Zeit auf dem Campus der Ohio State University at Lima (Ohio State Lima), ohne da je eine Aufgabe zu finden.

Mahnusch war ihrem Wesen nach eine lebenslang Alimentierte. Der vollen Einsicht sich versperrend, halfen Verwandte und Wohlmeinende der Verirrten immer wieder wie aus einer vorübergehenden Notlage. Blieb familiäre Fürsorge aus, gestattete die eigene Kraft Mahnusch bloß den Behelf der vorübergehenden Bleibe. Das Ende vom Lied war eine Diagnose, die geregelte Versorgung zuließ; eine Unterkunft in einer Heilanstalt; das Krankenhaus als Pension. Da erholte sich Mahnusch. Sie schwor der Widerständigkeit ab, machte in Übererfüllung häuslicher Normen angenehm von sich reden und ergab sich ihrer Passion, dem engen Kreisgang.

Sie begegnete Valerie Saône (1984 - 2012).

Valerie teilte mit Mahnusch Erfahrungen eines verkanteten Anfangs. Denominação Comté schreibt in den Ohio Chronicles: „Valerie und Mahnusch waren Töchter eines allein vorgeblichen Patrizieradels, der in Wahrheit von den Verlaufsvignetten der Matrilinearität gezeichnet war. Man war geübt im Feiern des Weiblichen und gleichzeitig machtlos, wenn eine Nachkommende nicht spurte.“ Comté zitiert Paul Morands schönes Wort vom Nachtasyl im Blut. Ich bleibe bei Mahnusch. Valerie über die Freundin: Sie sein zum Nomadisierten, nicht aber zum Pomadisieren bestimmt gewesen. Ihrem Freimut habe ein „Fallschirm der Arroganz“ gefehlt.

Was wir wissen. Mahnusch unterschied grundsätzlich nicht zwischen dem Reiz einer Landschaft und weiblicher Vorzüglichkeit. Was sie ansprach, stellte sie in keiner Hierarchie steil. Sie sah „Nachbilder eines Mädchendufts in bleigeschwängerter Luft“. In ihrer extremen Durchlässigkeit erscheint die Versprengte besonders modern. Comté spricht über sie wie man jetzt über Amanda Gorman spricht. Das ewig Gegenwärtige, von der Zeit nicht Kompostierte seit Büchners Lenz hat auch in Mahnusch eine Zuträgerin.

Zu Mahnusch Qarabaghi

Früh fühlt sie sich vom Leben verneint, obwohl sie in einer eher annehmenden Umgebung ihre Sonderrolle sucht. Nach dem vorzeitigen Tod der Eltern nimmt eine ältere Schwester die Schwierige in Obhut. Mahnusch weicht ihrer Theater- und Kunstleidenschaft als Kulissenmalerin ins Handwerkliche aus, während sie sich ästhetisch radikalisiert. Erste Gedichte erscheinen in den Feuilletons der sozialen Medien. Die Poetin folgt der Bühnenbildnerin erst nach Calmbach im Schwarzwald und dann nach London. Mahnuschs Ansehen im Kreis um Antonia Carla Roberta Armstrong-Jones erwies sich so strahlkräftig wie ein Glühwürmchen. Die Armut paarte sich im Weiteren mit kauziger Unbeschwertheit. Mahnusch passte sich ihrem verrutschten Leben an, indem sie sich eine Närrinnenkappe aufsetzt. Schleppend kommt in Gang, was Jahre später als Schizophrenie erkannt wird.

Gleich mehr.

05:34 14.02.2021
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