Ästhetischer Mutwille

Literatur 1966 veröffentlichte Gerhard Wolf in der bei „Volk und Welt“ erschienenen Reihe „Schriftsteller der Gegenwart“ eine Abhandlung über Johannes Bobrowski
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1966 veröffentlichte Gerhard Wolf in der bei „Volk und Welt“ erschienenen Reihe „Schriftsteller der Gegenwart“ eine Abhandlung über Johannes Bobrowski. Die Betrachtung beginnt mit einem biografischen Abriss. Der 1917 in Tilsit geborene Eisenbahnersohn brennt für das ländliche Flair der (damals) ostpreußischen Kreisstadt an der Memel mit ästhetischem Mutwillen. Bereits als Heranwachsender erkennt er die eskapistische Dimension seiner poetischen Perspektive. Er nimmt das Heimweh vorweg.

Später schreibt er: „Ein einziger Memelhof so groß wie die Mark Brandenburg.“

In der Landschaft seiner Kindheit will Bobrowski Bauer sein.

Die Familie verändert sich nach Königsberg, wo das Feuerwerk von Bobrowskis musischer Begabung in die Luft gejagt wird. Dieser Adoleszent kann alles. Alles erscheint lediglich als avancierte Fingerübung. Der Debütant beherrscht „die latinisierte Eleganz des siebzehnten … Jahrhunderts … (und ebenso) den derben Dialekt ostpreußischer Bauern“. Er korrespondiert mit ausgewachsenen Schriftsteller:innen. „Er spielt Bach, Buxtehude und Heinrich Schütz auf dem Clavichord.“

Doch fehlt ihm das eigene Thema.

1938 zieht die Familie nach Berlin. Im selben Jahr gerät er in die nationalsozialistische Drillmühle. Insgesamt wird er zwölf Jahre ein Unterworfener des Militärregimes bleiben, „rechnet man die Jahre der Gefangenschaft … hinzu“. Diese Spanne formuliert ihn. In der Uniform der Zerstörer wird er zum Dichter.

Die Wahl des Themas sei, so schreibt Bobrowski, „so etwas wie eine Kriegsverletzung … zu schreiben begonnen habe ich am Ilmensee 1941, über russische Landschaft, aber als Fremder“.

Der schreibende Soldat beteiligt sich an dem, was er beklagt. Er bemerkt „geborstene Kirchen, die Trümmer in der Landschaft … das zertretene Bild“. Er rettet sich in den christlichen Widerstand gegen den Faschismus, während ihm Hebel der Vernichtung anvertraut sind.

Der Biograf macht einen rechtzeitigen Antifaschisten aus Bobrowski. Ihn drückt das „schuldhafte Verhältnis des deutschen Volkes zu seinen östlichen Nachbarn“.

10:30 11.08.2021
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