Airborne Blues

Orkney Das letzte Licht verschwindet in Wolkenfalten. Ein Hotel lockt mit einer Bar, in der seit neunzig Jahren an der Einrichtung festgehalten wird. Ein Museum voller Whiskey.
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Pilze auf Mainland

Eingebetteter Medieninhalt

Sie gehen auf Skara Brae* zu, drei Freunde in ihren Zwanzigern, gebannt vom Aufstieg einer Tausendschaft Gryllteisten. Gleichzeitig landen Möwen auf neolithischen Arrangements. Orson, Clark und Henry haben sieben Strandtage und Kaminabende vor sich. Jedem winkt am achten Tag ein Glück in trockenen Tüchern. Jeder will bis dahin seinen Samen sparen, um mit einer Hammerladung aufzutrumpfen.

* https://de.wikipedia.org/wiki/Skara_Brae

Orson fotografiert Hyazinthen. Das Meer übertrifft sich in einem Farbspiel zwischen Smaragd und Aquamarin. Der Himmel zeigt sich dramatisch. Die Horizontlinie ist schwarz. Im Geröll klemmt ein Knochen.

Automatisch ziehen die Brüder ihre Telefone und fotografieren vom Leimkraut über die Schlüsselblume bis zur Nelke, was nicht schon vom Stängel gefallen ist. Sich zu ergeben, wäre zwecklos. Seelisch und körperlich stecken Clark und Henry vollständig im Neolithikum – Sesshaftigkeit als Experiment. Bis zu seinem Lebensende wird kein Bruder je ein Ding erfunden oder auch nur verbessert, dafür aber jeder viele Dinge kaputt gemacht haben. Fotografiert einer, fotografiert der andere auch. Bloß nicht zurückfallen im ewigen Wettstreit. Worum es geht, ist egal.

Orson steht den Brüdern so nah, dass sie in seiner Gegenwart nichts bedenken. Sie gehören einer Klasse an, die in Jahrtausenden die Kraft fand, sich über andere zu erheben. Demokratie bedeutet ihnen nichts. Sie könnten Sozialisten sein aus lauter Selbstgefälligkeit oder Kim Philby nacheifern, ohne einen demokratischen Funken. Ihre Vorfahren waren niederhessische Ritter. Sie hießen Battenberg und Gudensberg. Die Geschlechter verzweigten sich britisch. Orson wuchs aber in Maden** auf. ** https://de.wikipedia.org/wiki/Maden_(Gudensberg)

Er ist ein Objekt der Begierde, so lange er sich erinnern kann. Frauen und Männer reißen sich um ihn.

Seine Erscheinung löste in Maden Entzücken aus. Er war das schöne Kind, das sich mal zu dieser und mal zu jener herabließ. Zu fünf Frauen unterhielt Orson besondere Beziehung. Ich erwähne nur das Kindermädchen und eine Cousine der Mutter, die im Zug ihrer Generation den letzten Wagen erwischt hatte, so wie die Buchhändlerin Frau Lewan. Edith und Stefanie waren auf dem Sprung ins Leben. Frau Lewan beugte sich schon über ihr Grab und traf Vorkehrungen. Orson hielt den Tod für eine Strafe, die ihn nicht treffen konnte. Er würde ewig leben. Orson trug Anzüge. Ohne Fliege fühlte er sich nicht ordentlich gekleidet. Er wurde in den Geschäften vorstellig und strich den Tribut ein. Er zeigte Interesse an jeder Profession vom Konditor bis zum Fotograf. Überall entdeckte er etwas Geheimnisvolles mit der Kraft von Excalibur. In einer profanen Verwandlung hielt die Gegenwart das Besondere gefangen. Uralte Handelsverbindungen zwischen dem Morgen- und dem Abendland bestanden fort. Türken oder Serben, die jeden mit Verachtung straften, der ihren Blicken standzuhalten wagte, zeigten sich auf Onkel Hermanns Fuhrhof.

Es gab diese scharfgeschnittenen Gestalten in allen nordhessischen Kleinstädten. Sie hielten sich in Bahnhofsgaststätten auf und in den Neppläden, die zur Erleichterung der amerikanischen und englischen Garnisonsbesatzungen aufgezogen worden waren, und in den Industriegebieten, die in den Sechzigern oft ihre eigene Bevölkerung hatten. Halbnomaden. Leute, die im Gefängnis gesessen hatten. Großstädter auf der Flucht vor dem Finanzamt. Wer schon einmal eine Pleite hingelegt hatte, musste nicht mehr um seinen Ruf besorgt sein. Aufschneider und Geduckte konkurrierten um Nachtwächterposten.

Onkel Hermann war Spediteur und stolz auf seinen modernen Fuhrpark. Seine Frau schmiss das Büro in einer Baracke. Die beiden führten einvernehmlich einen Familienbetrieb, sie fühlten sich Traditionen verpflichtet. Sie hielten ein Fuhrwerk in Schuss, aus der Zeit der Pferdefuhren. Es gab sogar noch Ställe auf dem Hof. Sie wurden als Lager genutzt oder standen beinah leer.

Das Wohnhaus stand auf dem Betriebsgelände. Kam Orson mit seiner Mutter auf den Hof, fand Tante Erika stets die Zeit, ihre Gäste nicht nur zwischen Tür und Angel zu bewirten. Onkel Hermann zeigte Orson jedes Mal eine neue Errungenschaft. Er bestand darauf, dass das Kind in einem Führerhaus Platz nahm und sich in die Rolle eines Kraftfahrers versetzte. Orson wich dem männlichen Interesse an seiner Person aus. Er hatte noch keine Freunde. Er suchte die Nähe der Frauen seiner Familie und saß viel lieber neben seiner Mutter in Tante Erikas perfekter Küche, als Onkel Hermanns Begeisterung für Werkzeug zur Kenntnis zu nehmen.

Atrocities witnessed at tea in the drawing-room

Ein ruinierter Broch*** zieht die Aufmerksamkeit der Freunde auf sich. Sie fühlen sich von anderen Touristen gestört. Die Weltgeschichte gehört ihnen, sie ist ein Erbe der Namhaften.

*** https://de.wikipedia.org/wiki/Broch_(Turm)

Das letzte Licht verschwindet in Wolkenfalten. Ein Hotel lockt mit einer Bar, in der seit neunzig Jahren an der Einrichtung festgehalten wird. Ein Museum voller Whiskey. Freunde des High Tea absolvieren gewissenhaft ihr Pensum. Ein Angler sitzt da mit seiner Familie. Orson überfällt die Erinnerung an das Geräusch, mit dem das Leben entweicht, wenn man … er verliert den Faden angesichts eines Mannes im Pyjama auf dem Weg zum Tresen.

Die Freunde isolieren sich. Diesmal fängt Henry an: „They gave as a chance to die for the biggest nothing, but that’s okay. I find myself missing our magic carpet rides. I never felt so alive with the wind in my face and my hands grasping my M16 cocked and locked**** and ready to rock. God bless the souls we extracted. Welcome home brothers and rest in peace to those who will be 18 forever.”

**** „To lock is an archaic term.” Texas Double Action Thunderbolt

Eingebetteter Medieninhalt

Eingebetteter Medieninhalt

Eingebetteter Medieninhalt

Eingebetteter Medieninhalt

16:47 23.10.2017
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare