Aktivistisches Aufrauschen

Literatur In Friedrich von Borries' Roman „Fest der Folgenlosigkeit“ träumt ein Waldbesetzer von „Architekturen des Widerstands“ als Manifestationen einer Totalopposition ...
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„Als Überlebender (der Flucht durch eine Wüste und über ein Meer erinnerte Issa) an die Toten, die der Preis für den Wohlstand sind, den die Privilegierten lebten.“

Externer Experte

John träumt von „Architekturen des Widerstands“ als Manifestationen einer Totalopposition in einem Lausitzer Wald. Den Schauplatz einer Auseinandersetzung zwischen Akteur:innen des Kapitals und Klimagerechtigkeitsaktivist:innen verstehen Johns Gegner:innen als „seit zweihundert oder noch mehr Jahren forstwirtschaftlich genutztes Gebiet“.

„Goldbacher Wald“, sagen die einen. Die anderen sagen „Goldbacher Forst“. Gleichzeitig besteht die Möglichkeit, dass eine einzige Person in verschiedenen Rollen beide Behauptungen aufstellt.

Friedrich von Borries, „Fest der Folgenlosigkeit“, Suhrkamp nova, 16.95 Euro

Der Freelancer Florian Booreau kommt als Kurator einer Ausstellung ins Spiel, die von einer Umweltgestaltungorganisation aka Environmental Design-Agentur der Europäischen Gemeinschaft unter der Nachhaltigkeitsflagge ausgerichtet wird: in einem System, das zwischen Greenwashing-Strategien und echtem Klimagerechtigkeitslobbyismus changiert.

Auf der anderen Seite der gesellschaftlichen Frontlinie agiert die Bergbau-Unternehmerin Cornelia Stohmann. Ihrem ihr feindlich gesonnenen Nennbruder, der im Gegensatz zu ihr ein echter Stohmann ist, rät sie, bei den Verfechter:innen einer klimaneutralen Wirtschaft einzusteigen. „Renaturierung wird ein riesiger Markt. Dann kannst du die Landschaft, die wir in den letzten fünfzig Jahren aufgebaggert haben, wieder in Wälder, Wiesen und vor allem in Wasserflächen verwandeln.“

Cornelias intelligent-zynischer Rat erlaubt es mir, eine Essenz einzustreuen:

“The movement comes from the release not from contradiction.” Adam Mizner, gefunden auf YouTube

Ein erzählendes Ich rührt mit. Mal distanziert es sich von den Aktivist:innen. Mal erklärt es Übereinstimmung. Es kommentiert die Szenen. Gelegentlich wirbt es auch für einen Einfall, ob Licht- oder Erzähl-…, der die Schatten des Geschehens neu anordnet.

Silber in Sachsen/Erz im Gebirge

Florian trifft die im Klimakampf engagierte Künstlerin und Köhlerin Lisa Kostrovic in einem Zug von Berlin nach Cottbus. An einer Haltestelle im Brandenburger Nirgendwo steigt er spontan und sie gezielt aus. Lisa zeigt dem Fremden ihren „Kraftort“ und möbelt einen Vorgang zwischen unbegriffenem Animismus, Familienkuriosa und hausgemachter Magie mit Bemerkungen zu jenem Begriffsfinder auf, der das Wort von der Nachhaltigkeit prägte. Für den sächsischen Oberberghauptmann Hans Carl von Carlowitz war Nachhaltigkeit eine ökonomische Kategorie. Er betrachtete den Wald ausschließlich als Nutzfläche. Aber auch die Forstwirtschaft war für Carlowitz nur Mittel zum Zweck. Er brauchte Holz für die Freiberger Silberminen.

Man erfährt: „Seltene Erden sind das neue Gold“.

Aus der Ankündigung

Die Managerin Cornelia bittet den Kurator Florian, für die »Stiftung Nachhaltigkeit der Deutschen Industrie« ein Museum für ökologische Kunst zu entwickeln. Wie sähe ein Leben aus, das – im ökologischen Sinne – möglichst folgenlos bleibt? Florians Projekt bringt ihn mit der Künstlerin Lisa zusammen, die Bäume pflanzt, um daraus Holzkohle für ihre Installationen und Zeichnungen herzustellen – und damit in ihren Kunstwerken C02 aus der Atmosphäre zu binden. Er trifft John, der als radikaler Öko-Aktivist gegen die Kohleindustrie und die Abholzung des Goldbacher Forstes kämpft, den Flüchtling Issa, der Florians Selbstgewissheiten hinterfragt, die frustrierte PR-Frau Suzanna, die für die EU Umweltpolitik macht, aber lieber Bienen züchten will, und den Bergmann Ronald, der Sorge um seinen Arbeitsplatz hat. Selbstüberschätzung trifft auf Lebensangst, Verzweiflung auf Hoffnung, Aktivismus auf Gewalt. Unerwartete Beziehungen entstehen, die im verschwenderischen »Fest der Folgenlosigkeit« ihren explosiven Höhepunkt finden.

Zum Autor

Friedrich von Borries, geboren 1974 in Berlin, ist Architekt. 2008 war er Generalkommissar des Deutschen Beitrags auf der Architekturbiennale in Venedig. Er lehrt als Professor für Designtheorie und kuratorische Praxis an der Hochschule für Bildende Künste in Hamburg.

14:08 20.07.2021
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