Alarm der Gegenwart

Die Gespenster der Welt In Heinrich Geiselbergers Vorwort des von ihm herausgegebenen Debattenbuches „Die große Regression“ werden Anschläge und „hunderttausende Flüchtlinge“ ...
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Die Welt ist immer aus den Fugen. Das ist ihr Zustand. Wer den Alarm der Gegenwart als Erklärung für ein Produkt heranzieht, verschmäht nicht die Mittel eines Marktschreiers. In Heinrich Geiselbergers Vorwort des Debattenbuches „Die große Regression“ werden Anschläge und „hunderttausende Flüchtlinge“ in einer Engführung von „Terrorismus und Migration“ zur Legitimation herangezogen – unter einem Motto von Ulrich Beck: „Wenn eine Weltordnung zusammenbricht, beginnt das Nachdenken darüber.“

„Die große Regression – Eine internationale Debatte über die geistige Situation der Zeit“, herausgegeben von Heinrich Geiselberger, Suhrkamp, 319 Seiten, 18,-

Mit Beiträgen von Arjun Appadurai, Zygmunt Bauman, Donatella della Porta, Nancy Fraser, Eva Illouz, Ivan Krastev, Bruno Latour, Paul Mason, Pankaj Mishra, Robert Misik, Oliver Nachtwey, César Rendueles, Wolfgang Streeck, David Van Reybrouck, Slavoj Žižek

Bricht eine Weltordnung zusammen, übernimmt eine andere. Jeder Zusammenbruch indiziert sowohl eine auf das Zusammenbrechende einwirkende Übermacht als auch eine zur Aufgabe animierende Ohnmacht. In diesem Wechselspiel entstehen und vergehen Gesellschaften und ihre Maßstäbe. In den Übergangsphasen triumphieren bei den Schwachen Symbol- und Identitätspolitik, während Starke Schwache destabilisieren. Geiselberger kommt darauf indirekt zu sprechen, indem er größer werdende Gebiete mit aufgegebener Staatlichkeit bemerkt; wenn auch nicht in Europa.

Noch nicht. Zu den Neubewertungen, die sich Trump verdanken, gehört die Idee, man könne aus der amerikanischen Perspektive Europa so ansehen wie Afrika und für Europa keine besonderen Lösungen erwägen. Diese Vorstellung ist für Europäer so kränkend, dass sie sie ignorieren, bis zum ersten Failed State vor der Haustür. In einer entfesselten Weltsicht wäre das nichts anderes als Marktbereinigung, die der Erkenntnis folgt, dass Europa für sich nicht die Hand ins Feuer legen kann.

Traditionen sind Tothölzer auf dem Weg zum Sediment, etwas, dass nicht im kulturellen Gedächtnis verblieben ist.

Von der Finanzkrise bis zu den autoritären Demagogen, die Regierungsgewalt ausüben, erfüllt sich die große Regression im Verlust alter Gewissheiten. Das lädt zu einer Generalrevision politischer Begriffe genauso ein wie zur Weltvermeidung. Arjun Appadurai fasst die abschmierenden Modelle unter „liberalen Demokratien“ zusammen. Sie weichen, so Appadurai, dem „populistischen Autoritarismus“ in Österreich, Ungarn sowie in der Türkei. In Deutschland klopfen die rechten Kollegen an die Türen der Macht. Fraglich ist, wie viel Macht mit Politik zu gewinnen ist, in Staaten deren volkswirtschaftliche Essenzen auf dem Weltmarkt gehandelt werden. Das macht, schreibt Appadurai, „nationale Souveränität“ zu einem Inszenierungsgegenstand und fördert eine Flucht in die Kultur im Geist der Besinnung auf traditionelle Werte. Nun sind Traditionen Tothölzer auf dem Weg zum Sediment, etwas, dass nicht im kulturellen Gedächtnis verblieben ist.

Zygmunt Baumann erinnert an Umberto Ecos prophetische Klarheit zu einer Zeit, als man noch von Immigration sprach und die Völkerwanderung für administrativ kontrollierbar hielt. Eco wusste lange vor anderen Auguren, dass Europa im frühen XXI. Jahrhundert ein Schauplatz der Superdiversität sein würde, in der Konsequenz von Abstimmungen mit den Füßen, die überkommene Aushandlungsprozesse überhaupt nicht berücksichtigen – und vielfach noch nicht mal wahrnehmen.

Nach Baumann übersehen die Apologeten des Multikulturalismus entscheidende Punkte auf der migrantischen Zukunftsagenda. Die Vermischung der Kulturen sei weder Ziel noch Folge der Einwanderung. Diversität bedeutet: mehrere Minderheiten in einer Nachbarschaft. Die Vergangenheit hat gezeigt, dass so keine neuen Stämme entstehen. Die gesellschaftlich Ermächtigten treffen sich an den Tresen der Dominanzkultur, der Wohlstand macht sie zu Waisen. Die anderen teilen sich die Trostpreise der Herkunft.

Bald mehr.

„Die große Regression – Eine internationale Debatte über die geistige Situation der Zeit“, herausgegeben von Heinrich Geiselberger, Suhrkamp, 319 Seiten, 18,-

09:41 11.01.2019
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