Albträume aus Stacheldraht

Mayer/Semotamová/Georgi „Auf der ganzen Welt werden dystopische Großtechnologien installiert, monströse Anlagen“, die Migranten aufhalten (sollen). Die ökonomische Verwertung von ...
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Verschultes Dasein

Berni Mayer erzählt von einem Provinzbayern, dem München so gut gefällt, dass er jedes Wochenende daheim bei den Eltern in Ascha verbringt. Die Geschichte beginnt mit einer Schlägerei, die mit Liebe zum Detail und einem schönen Realismus erzählt wird.

Berni Mayer, „Ein gemachter Mann“, Roman Dumont, 430 Seiten, 22,-

Der Erzähler Robert Bley mischt mit. Er ist der kommende Mann am Ort des Geschehens, mit den besten Aussichten auf einen Geschäftsführerposten. Auf Anhieb erinnert Bley an den lakonischen Helden in Berni Mayers letztem Roman „Rosalie“. Da kehrt Konstantin Wolff, genannt der Schwarze, zur Beerdigung seines Vaters in das Dorf seiner Herkunft zurück. Das Dorf liegt an der Schwarzen Laaber. Der Donauzufluss war in besseren Zeiten ein Paradies für Krebse, der Tod des Vaters nötigt den Sohn zu innerer Einkehr. Eine Kindheit unter der Fuchtel katholischer Fundamentalisten kommt ihm hoch.

Leben, wo andere Urlaub machen

Bley ist zu jung für eine Inventur. Aber auch er lebt nah der Donau. Der Fluss taucht in der ersten Szene auf. Bei Hochwasser flutet er eine Kaschemme namens „Kapelle“, deren Vorplatz zur Arena wird, bis die Polizei kommt und die Ordnung wiedererstellt.

Bley ist der Schlagzeuger der tendenziell sozialkritischen „Pimply Dead“. Seine Heimatgemeinde Ascha wirbt mit dem Slogan: „Leben, wo andere Urlaub machen.“

Bley lehnt sich gegen die Idylle auf. Der Allergiker verweigert die Hürden auf dem Weg zur Herrschaft über die elterliche Gärtnerei. Lieber steigt er in den Müßiganges der Studierenden. Er folgt Edmund Steuber, der Jahrzehnte vor ihm an der Ludwig-Maximilians-Universität München akademische Würden erwarb.

Der Leser ahnt, dass in jeder Hinsicht das letzte Wort noch nicht gesprochen wurde. Vielleicht übernimmt Bley doch die Gärtnerei nach einem Ausflug ins Unlebbare. Schon der Vater hatte literarische Interessen dem Erwerbszwang geopfert und sich eine schlichte Philosophie zurechtgelegt, die dem Sohn zunehmend plausibler erscheint.

Der Gärtnersohn als Germanistikstudent

Bley hasst Wohnheime. Er hält sich für einen „Stürmer und Dränger“, muss sich jedoch von der angehenden Gastronomiefachfrau Antonia Brandt Bescheid sagen lassen: „Ein Spinner und Drängler bist du höchstens.“

Mit Antonia lernt er Malta kennen, zum Schluss sieht er sich in Piräus um. In der Zwischenzeit landet er bei Kristin König, die ihre Dominanz im Namen trägt.

Wieder hält sich Mayer mit einer Adoleszenz zwischen Krise und Orgasmus auf. Wieder erinnert er mich an den frühen Helmut Krausser in der Vereinigung bayrisch-barocker Formate mit dem Ravioli-aus-der-Dose-Programm. Es ist viel heile Welt im Spiel des Gärtnersohns mit den Gegenständen und Botschafterinnen eines erwachsenen Daseins.

Der Mensch als Exponat

In ihrem Roman „Im Schrank“ erzählt Tereza Semotamová von mehr als einem Glück in zeitgenössischen Winkeln.

„Warum wie jeder Depp zwischen vier Betonwänden leben?“

Die Erzählerin bezieht „ein Schmuckstück der Möbelkunst“. Der Schrank rahmt sie richtig. Er gibt ihrer Existenz beruhigende Konturen. Obwohl sie jung ist, steckt viel einst im Fundus der Erzählerin.

Tereza Semotamová, „Im Schrank“, Roman, Voland & Quist, 288 Seiten, 22,-

Der Schrank wird zum Nest. Das Nest schützt sie vor der Eisprungeuphorie ihrer Schwester Jana. Einen Wartesaal für Möbel spricht sie als „Lagerraum der Eitelkeiten“ an. Da entdeckt sie Haufen menschlichen Glücks in Elendsformaten. Alles ist abgedeckt und eingerollt.

Sonntags fühlt sich die Welt eckig an.

In einer tschechischen „Trödellandschaft“ oder eher noch davor, irgendwo an der Leine, mutiert das erzählende Ich. Die fragile Schrankexistenz gewinnt härtere Konturen.

Fluide Identität

Alle lassen sich nur „vom Strom des Lebens weitertragen“. Der Teufel steckt in den Rechnern, das Internet ist sein Kletterpark. Plötzlich steht der Erzählerin die Ägäis zur Verfügung. Sie ist nun endgültig nicht mehr identisch mit dem hinfälligen Ich im Schrank. Das neue Ich möchte von einem Du „verspeist“ werden, dass mit dem Ich robuster geworden ist. Der Ton ändert sich im Zuge einer Erweiterung der Möglichkeiten. Das idiosynkratische Potential bleibt aber bei der Protagonistin. So stellt sie fest, dass ihr Körper ihr so fremd wie Afrika sei. Daraus leitet sich ein Näheverbot (Distanzbegehren) ab, obwohl sich das Gegenteil mit derselben Begründung sagen ließe.

Ich verstehe nicht, warum so viel psychologischer Karneval in die fluide Identität der durchs Programm führenden Person gebuttert wird. Vielleicht zeigt sich ein zeitgenössischer Charakter in seiner Binnendiversität. Die Vielfalt steckt in der Entfremdung, einer Taubheit der Glieder.

Alle Erwartungen haben einen fatalistischen Sockel.

Semotamová baut konventionelle Tableaus auf und bespielt sie in surreal-somnambulen Szenen.

Albträume aus Stacheldraht

„Auf der ganzen Welt werden dystopische Großtechnologien installiert, monströse Anlagen“, die Migranten aufhalten (sollen). Die ökonomische Verwertung von Migrationsprozessen beeinflusst die Politik.

Seit Jahrzehnten etablieren sich nicht-staatliche Akteure mit den Insignien demokratisch legitimierter Instanzen. Fehlende Mandate ersetzen sie mit Funktionskategorien. Sie spielen Rollen im doppelten Sinn. Der Politikwissenschaftler Fabian Georgi weist in seiner Studie „Managing Migration? Eine kritische Geschichte der Internationalen Organisation für Migration (IOM)“ nach, wie eine antikommunistische Einrichtung des Kalten Krieges in dem dystopischen Komplex der gegenwärtigen Migrationsindustrie Geflüchtete zu Geiseln von Profitinteressen macht.

Globale Apartheid

„Auf der ganzen Welt werden dystopische Großtechnologien installiert, monströse Anlagen.“

Auf den Märkten der Migration werden Menschen nach den Spielregeln eines „autoritären Festungskapitalismus“ entrechtet, verschoben und in Albträumen aus Stacheldraht und Beton interniert. Die Infrastrukturen der Ölstaaten im Mittleren Osten, einschließlich der Prunk- und Rekordbauten, entstanden unter den Bedingungen der Sklaverei im Rahmen „globaler Apartheit“.

Fabian Georgi, „Managing Migration? Eine kritische Geschichte der Internationalen Organisation für Migration (IOM)“, Bertz + Fischer, Kritische Wissenschaft, 25,-

Private Konzerne setzen sich mit progressiver Rhetorik für eine repressive Migrationspolitik ein, um im Business zu bleiben. „Die IOM unterstützt staatlich erwünschte Migrationsbewegungen.“ So überlebt sie als Steuerungselement in einer weltweiten Regression des Menschenrechtsstandards.

Aus der Verlagsvorschau

Jährlich sterben tausende Menschen bei ihrem Versuch, die Grenzen des Globalen Nordens zu überschreiten, um dort Schutz zu finden, Arbeit, ein besseres Leben. Zugleich überziehen Regierungen die Erde mit Zäunen, Kontrollen, Lagern und träumen davon, menschliche Mobilität effizient zu regulieren. Wie ist es zu dieser Situation gekommen? Warum werden Grenzen abgeschottet, obwohl dies zu so viel Tod und Elend führt? Diese Fragen – aus schockierter Verwunderung geboren – sind Ausgangspunkt des Buches. Im Mittelpunkt steht die Geschichte eines zentralen Akteurs: der Internationalen Organisation für Migration (IOM). Gegründet 1951 als Gegeninstitution zum »Flüchtlingshilfswerk« der Vereinten Nationen (UNHCR) fungierte die IOM im Kalten Krieg als antikommunistische Migrationsagentur des westlichen Blocks. Heute ist sie Teil des UN-Systems, hat 169 Mitgliedsstaaten und ein Jahresbudget von 1,5 Milliarden US-Dollar. Mit ihrem Motto »Migration for the Benefit of All« behauptet sie, die Widersprüche der Migration ließen sich aufheben, wenn diese nur umfassend »gemanagt« würden. Tatsächlich aber wird die IOM immer wieder heftig kritisiert. Amnesty International und Human Rights Watch warfen ihr vor, als Handlanger des Nordens die Menschenrechte von Geflüchteten und Migrant*innen zu verletzen. No-Border-Gruppen griffen IOM-Personal als »Menschenjäger« und »Schreibtischtäter« an und attackierten ihr »Migrationsmanagement« als neoliberal. Gut lesbar rekonstruiert der Autor die fast 70-jährige, spannungsreiche Geschichte der IOM im Kontext geostrategischer Konflikte, kapitalistischer Krisen und migrantischer Kämpfe. Aus kritisch-materialistischer Perspektive macht er so Triebkräfte und Dynamik europäischer und globaler Migrationsregime seit dem Zweiten Weltkrieg verstehbar.

Die IOM operiert als Entwicklungshelfer. So tarnt er einen propagandistischen Abschreckungsfeldzug, die systematische Drosselung der Auswanderungsbereitschaft und die Aufklärung von Fluchtrouten. Sie segelt unter falscher Flagge im Dienst von Regierungen, die dazu übergegangen sind, Migration da zu bekämpfen, wo keine kritischen Instanzen Verstöße protokollieren.

Die IOM dient „freiwilligen Rückführungen“ als Transportunternehmen. Sie verdient in der Not einer Freiwilligkeit, die den Namen nicht verdient. Die Alternative erschöpft sich in der gewaltsamen Abschiebung.

Georgi zeigt, wie im IOM-Migrationsmanagement die Kampfzonen bis zu den Ursprungsländern der Migranten geweitet werden. Die IOM bietet „migrationspolitische Dienstleistungen“ an, die Restriktionen indirekt internationalisieren. Personen und Gruppen werden zu Betroffenen von Regelungen, die sie gar nicht erreichen dürften.

Folgt man Georgi, dann verteidigt die IOM in den Migrationsregimes der westlichen Welt nicht Menschenrechte, sondern Marktanteile – ohne das schlechte Gewissen infolge einer Überschreitung moralischer Grenzen. Vielmehr dreht sich der Regimediskurs um Angebot und Nachfrage in der globalen Gegenwart. Der Ansatz suggeriert eine Neutralität gegenüber Migranten, so als seien sie grundsätzlich nicht anders gestellt als günstig gestellten Wettbewerbern. Man argumentiert mit wirtschaftlichen Zwängen, um zu verschleiern, dass der politische Wille im Rahmen nationalstaatlicher Souveränität fehlt.

Georgi erkennt darin weit mehr als eine semantische Exkulpationsstrategie. Vielmehr bereite man mit progressiver Rhetorik einer repressiven Praxis den Boden.

08:34 08.03.2019
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

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