Aliens der Anti-Diversität

Richard Ford Das Peace-Zeichen auf dem Stahlhelm wurde zum Wahrzeichen einer Epoche. Traumatisierte Heimkehrer suchten nach amerikanischen Erlösungen.
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Der Swamp-Rock von CCR passte in Vietnam zum Gelände ... Run through the Jungle

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Amerikanische Erlösung

Es gibt kein Entrinnen. Auch ein so wenig umstrittener, von der agitierend-interventionistischen Kritik verschonter, vielleicht auch nur übersehener weißer-alter-Mann wie Richard Ford überschreitet seinen Zenit nicht ungestraft. Er ist schon fast so unlesbar wie Hemingway. Die Melancholie seiner Helden erinnert an Drachenblutbäder zu Zeiten, als John Updike & Günter Grass Leuchttürme der Postmoderne waren. Vermutlich verstreicht gerade die letzte Gelegenheit, sich Ford noch einmal klar zu machen. Dabei kann man von ihm bereits in der Vergangenheit reden. Wer war er?

Ich schließe heute meine Beschäftigung mit Richard Fords jüngsten Erzählungen ab. Ich habe beinah jede Geschichte gesondert besprochen. Hier nun das Fazit.

Richard Ford, „Irische Passagiere“, Erzählungen, aus dem Englischen von Frank Heibert, Hanser Berlin, 22,-

Fords Horizont war der Vietnamkrieg im Kontext post-kolonialer Auseinandersetzungen nach imperialen Weltbegriffen. US-Verteidigungsminister Robert Strange McNamara wusste bereits 1965, dass der Krieg verloren war. Doch glaubte die Washingtoner Administration, sich den Gesichtsverlust eines glanzlosen Rückzugs (als solventer Abbruch eines Abenteuers) nicht leisten zu können. Dafür nahm man ein Riesenelend in Kauf. Man investierte in Fehler. Die Ästhetik des zivilgesellschaftlichen Widerstands gegen den Krieg auf den Reisfeldern und in den Dschungeln trugen Wehrpflichtige auf die Apocalypse Now-Schauplätze. Das Peace-Zeichen auf dem Stahlhelm wurde zum Wahrzeichen einer Epoche. Traumatisierte Heimkehrer suchten nach amerikanischen Erlösungen. Ford begleitete sie und ihre Frauen. Er erfand sie noch einmal und womöglich zum letzten Mal als WASP-Wesen wie von einem anderen Stern; als Aliens der Anti-Diversität. Ford beschreibt Dinosaurier.

Ich komme noch einmal auf „Jimmy Green, 1992“ zurück. Der Taxifahrer, „ein Türke zweifellos“, berauscht sich an der knappen Vermeidung von Unfällen. Frenetisch begeistert von sich selbst, stellt er die Ablehnung seiner Gäste zur Schau. Das registriert der Titelheld aus den Augenwinkeln seines Interesses. Der Fahrer ist Peripherie. Die Fokussierung gefallen lässt sich eine undurchsichtige Schönheit, die sowohl Chefin als auch Angestellte einer Pariser Nepp-Boutique sein könnte.

Die Ambivalente heißt Nelli. Sie bietet jene (der Stadt aus dem Hals hängenden) Brassaï-Verschnitte an, die von Empfindungs-Dummies für Einblicke in die Kulturkloake der Kapitale gehalten werden. Für den Erzähler manifestiert sich in der Perspektive ein Wahrnehmungsendpunkt. Er findet, man solle heimfahren, wenn man da angekommen ist. Das ist wieder so ein starkes Ford-Statement, extrapoliert aus der John Wayne-Welt, in der Lakonie, genussvoller Überdruss und Kennerschaft einen Andenpakt (denken Sie an Roland Koch) obsoleter Kameradschaft bilden. Daran erkennt man, wie gestrig Ford ist. Deshalb kann ich mich so lange mit ihm aufhalten.

Der Erzähler ist scharf auf Nelli. Das Lokalkolorit wirkt wie ein Fetisch. Sprühregenverwischungen auf den Scheiben hin oder her. Jimmy heizt sich auf, indem er Frank Capras Ikonografie des Schwarzen Jahrhunderts rezensiert. Er geht Stationen der Moderne durch, so wie man mit seinen Fingern gelenkig auf einem Schenkel spaziert. Ist es abwegig, gerade jetzt an Garry Lam zu denken, der in einem YouTube-Video sagt: Gott hat uns Gelenke gegeben, damit wir sie benutzen? In der Szene dreht der fest im Fleisch stehende Wuhsu-Pädagoge erst einen Zeigefinger, dann einen Unterarm und dann eine Schulter. Er lacht voll kindlicher Freude, weil so viele so bekloppt sind, mit Stupid Force (Kraft gegen Kraft) sein schönes Wing Chun zu unterminieren, anstatt, was auch immer sich in den Weg stellt, wie das Wasser in seinem unaufhaltsamen Lauf zu überschwemmen.

Nellis „violette Augen“ haben schon viel gesehen. Ihre Zähne sind „unvollkommen“. Ford schildert die Erscheinung wie ein Auktionator. Er will den Leser täuschen, ihm etwas weismachen. In Wahrheit malt er Nelli so (anfassbar), damit sie für den alten weißen Jimmy, der an Stelle des Autors Richie geistig schon mal aufreitet, erreichbar wird. Er gestaltet den Gegensatz von Alt & Jung für sich erträglich.

Den gleichen Impuls verschleiere ich vor mir.

Ford lässt nichts aus. Das Hemdkleid flattert … „vage tippt er auf eine jüdische Herkunft“.

„Aber die Franzosen waren zuallererst Franzosen.“

Jetzt aber. Mir erlauben die Einlassungen die Assoziation eines sich warm spielenden Seniorenjazzschlagzeugers. Man muss erst einmal eine gewisse Steifheit überwinden, aber dann ist man gleich wieder der Alte. So unverwüstlich und nussknacker’esk. So fade wie eine Made im Speck des Selbstbetrugs.

Ich bedenke den greisen Günter Grass, den grässlich vitalen Alt-Walser, auch die Braue genannt, im Verein mit Richard dem Tauben und gelobe, fürderhin jede Anstrengung zu begrüßen, mir einen Wingert des Vergessens einzurichten.

Jimmy identifiziert Nelli als Subalterne, da ihr zu Capra nichts einfällt. Er setzt sie beiläufig herab. Ich glaube nicht, dass dieser Spielzug aus einer Autorenabsicht kommt. Vielleicht ist Ford da etwas unterlaufen. Jedenfalls kommt man weiter, wenn man das annimmt.

Der Erzähler stammt aus Cadmus in Louisiana. Der Ort scheint fiktiv zu sein. Ein konföderierter General hieß so mit Vornamen. Es gibt eine mythologische Referenz, die es nicht in die Charts olympischer Anleihen geschafft hat. Ford klärt die Gravitation von Cadmus mit zwei Hinweisen. Juden seien überall zugelassen, abgesehen vom Country Club. Im Bürgerkrieg stand Cadmus auf der Siegerseite, allerdings eher zufällig. Die Baumwollgrenze verlief ein paar Kilometer weiter östlich.

In der kleinen Stadt war Jimmy ein großes Licht, bis ihm nach Verfehlungen im Spektrum zwischen unpassend & kriminell das Leben um die Ohren flog.

„Die junge Tochter eines Kollegen von der Bank. Ein paar herumfliegende Spesenquittungen. Geldsummen ohne Nachweis (allerdings später zurückgezahlt). Dann eine schockierende, unnötige einstweilige Verfügung. Er musste als Bürgermeister und in der Bank zurücktreten. Dass er Jude war, wurde natürlich erwähnt.“

Strategisch verstimmt

Jimmy floh vor seinen Richter*innen (die ihn ohne Gewaltenteilung sozial hinrichteten) erst nach New York und dann nach Maine. Er war komplett aufgeschmissen – ein zerfaserter Honoratior und kaputter Bürger.

Jemand, der das Spiel nicht kapiert. Für den Overdrive des Absturzes macht er seinen Unique Selling Point im bigotten Cadmus-Filz verantwortlich.

Ich sehe es anders. Jimmy ist wie mit Teflon beschichtet, solange er straight, tough & tight (sich) an der Familienseilschaft festhält. Die Seitenspringerei (Verführung ist die wahre Gewalt, Schiller) zerstört sein Gleichgewicht und macht ihn angreifbar. Jimmys Frau heiratet gleich wieder und bleibt dem Ex gegenüber strategisch verstimmt. Die Tochter ergeht sich in Vorwürfen.

Genug davon. Jimmy pulst aus dem Bedeutungskokon. In Paris ist er einfach nur noch am Leben. Sein Flirt mit Nelli knistert kaum. Nellis häusliche Verhältnisse illustrieren orientalisch frisierten Reichtum. Damit hat der Freier nicht gerechnet. Wie gesagt. Bis eben hielt Jimmy Nelly für eine Hilfskraft, weil sie nicht auf seinen Capra-Vortrag ansprang.

Die Riemen ihrer Pumps „schmeicheln den Fesseln“. Sie gibt ihre Tochter Lana beim Samenspender ab, einem anscheinend immer glücklichen Kariben.

„Ihm schien einfach alles zu gefallen.“

Neben Sunny Man brilliert die „blonde Schwarze im Tigertrikot“.

Man versteht sich auf einer Partymeile der Allgemeinplätze. Kaum ist der Transfer geritzt, wirft sich Nelli dem ollen Ami an den Hals. Besonders glaubwürdig ist das nicht. Nelli küsst hart. Wie gepanzert prallt sie auf Jimmy. Sie will was erleben, sich frei fühlen.

Follow the Force. Die expatriierten amerikanischen Geschäftsmänner leben wie aus allen Rohren geschossen. Inbrünstig verkörpern sie den republikanischen Traum. In ihrer Gegenwart erkennt Jimmy Green, dass seine Brustwarzen auf dem Boden schleifen. Der ehemalige Bürgermeister und Banker glaubt als unerkannter Bankrotteur in Paris noch einmal auftreten zu können. Ein Landsmann macht Jimmy handgreiflich klar, wo der Hammer für den Versprengten an der Seine hängt.

„Aus den langen, goldgerahmten Fenstern der American Bar strahlte das Licht nach draußen auf die Général Leclerc.“

Das Lokal, ein „ordinärer und greller“ Kolossalschuppen voller betrunkener Amerikaner*innen, ist der Schauplatz des ersten Rendezvous von Nelli und Jimmy. Champagner, „der wie Essig schmeckt“, gibt es aufs Haus weil und wegen. Gerade vollzieht sich auf der anderen Seite des Atlantiks, wie man früher ständig sagte, um Europas verlorene Bedeutung unter den Teppich zu kehren und eine Auseinandersetzung auf Augenhöhe vorzutäuschen, die zweiundfünfzigsten Wahl des Weltmächtigsten. Am 3. 11. 1992 kommt der Gouverneur von Arkansas William Jefferson Clinton als zweiundvierzigster Präsident ins Spiel.

Nelli kennt Leute unter den Beißern, die ihre Hosenträger hochmütig schnalzen lassen. Der Verdruss über einen Demokraten auf dem Thron vermindert ihre Überheblichkeit nicht. Vom Suff derangiert, bestehen sie vehement auf ihre Vorsprünge. Sie bleiben die kostspielig Gepflegten. Jimmy ist bloß Zaungast des Schauspiels ihrer Aufwallungen.

Die Master of the Universe leben wie aus allen Rohren geschossen. In ihrer Gegenwart erkennt Jimmy, dass seine Brustwarzen auf dem Boden schleifen.

„Keiner sprach Französisch, nicht mal die Kellner.“

Fords Amerikaner in Paris wird von einem gut gekleideten Mann, der nicht größer und auch nicht schwerwiegend jünger ist, niedergestreckt. … Der Autor verkneift sich nicht den netten Schluss, in der eine schließlich doch noch zuvorkommende Französin an dem ausgesonderten Amerikaner genug Gefallen findet, um Jimmy mit sich selbst ins Reine zu bringen.

„Sein verletzter Finger pochte, sein Kopf genauso. Noch ein Licht ging in der Wohnung an, in die er bald zurückmusste, als wäre eine Tür aufgezogen worden. Nelli stand da, in einem weißen Bademantel, Licht hinter ihr, und winkte ihn heran.“

06:20 08.12.2020
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