Alles Wesentliche weglassen

Radikale Jüdische Kultur Die Radikalen Jüdischen Kulturtage wachsen sich zur Revolution aus. Jüdinnen übernehmen das Berliner Maxim Gorki Theater im Vorgriff auf die Übernahme Deutschlands
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Assimilierung ist keine Option mehr. Der Faschismus gab dem Zionismus die besten Argumente. Viele Nachkommen von Leuten, deren jüdische Herkunft ihnen ohne Hitler auf ewig am Knie vorbeigegangen wäre, hängen nun an den zionistischen Tröpfen und atmen trotzdem schwer. Um die Gegensätze, Widersprüche und noch mehr Differenz überschaubar erscheinen zu lassen, arbeitet man mit Begriffen wie Radical Diversity und Diversity of tactics. Doch die schicken Formeln können nicht darüber hinwegtäuschen, woher das Multidivers seine Gravitation bezieht. Jugendbewegte Strategien ziehen Energien aus Heimweh nach einem Früher, als man noch selbstbestimmt und ruchlos auf sein Jüdischsein pfeifen konnte, so man es denn wollte. Das Ziel ist eine Welt, in der das möglich ist.

Valeska Gert – The Animal Show - eine biografische Revue von und mit Marina Frenk

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Valeska Gert (1892 - 1978) ist eine Erscheinung von Damals und daher kommt ihre Faszination. Sie glaubte noch, eine Freiheit zu haben, die ihren Grund wohl kaum in gesellschaftlichen Verhältnissen hatte. Ihre Exzentrik gestattete ihr wenig Normalität. Deshalb machte sie daraus ein Genre, das zur globalen Ermutigung der queerzionistischen Abteilungen wurde. Davon erzählt Marina Frenk in einer biografischen Revue auf der Bühne des im Berliner Maxim Gorki Theater eingelassenen STUDIO Я – „einem Kunstasyl für marginalisierte Themen und Denkweisen, Plattform für Diskussionen und Schaffensprozesse – postnational, queer, empowernd!“

Valeska Gert habe gern alles Wesentliche weggelassen, sagt Frenk. Sie meint damit das Wesentliche der anderen, das für Valeska Gert eben nicht wesentlich war.

„Gehirngulasch“ ist ein Schlüsselbegriff der Inszenierung. Es gibt aber nur Burger. Das Dekor erschöpft sich in einem Sarg. Der Anstrich tendiert zur Trendfarbe Rotbraun. Als Valeska bedrängt Frenk das Publikum, den Willigsten gibt es Tiernamen und -masken. Am Ende erkennt man wohl, Zeuge eines Spiels mit gezinkten Karten geworden zu sein. Die „Freiwilligen“ haben sich auf Vorfeldern des Geschehens zu Hilfskräften hochgedient.

„Wie spielt man Sterben?“

Valeska Gert tanzte Zustände von der Nervosität bis zum Orgasmus. Vermutlich erfand sie den geräuschlosen Todesschrei. Jedenfalls legt das Frenk in ihrer Ausgelassenheit dem Auditorium nah. Sie bringt es zum Schreien und setzt es polonaisisch in Gang.

Zu einem unpassenden Zeitpunkt zog Valeska Gert in Berlin ihr erstes Kabarett auf. Der „Kohlkopp“ bewies, so Frenk, eine Liebe zur spartanischen Improvisation mit Nosferatulicht. Die Künstlerin schätzte die kleine Form in jeder Hinsicht. Sie machte nichts, was richtig gut laufen konnte. Die Machtergreifung zwang sie zu einer Nomadenexistenz. Bis zum Krieg kam sie immer wieder nach Deutschland, zu spacig für solide Abneigung. Zwei Jahre nach dem Sieg kehrte Valeska Gert wieder in Europa ein. Neunundvierzig eröffnete sie in Berlin die „Hexenküche“, traumatisiert von ihrer Zeit als Spülerin in New York. Klaus Kinski trat in dem Kabarett als Ilse Koch auf. Nein, so war es nicht. Frenk stellt die Sache richtig. Kinski kochte in der Hexenküche und Valeska Gert erschien ihm als Konzentrationslagerleiterin.

„Wir sind alle noch nicht tot.“

Frenks Revue mündet in der Simulation einer Sondersendung direkt nach Übernahme des Maxim Gorki Theaters im Zuge der Radikalen Jüdischen Kulturtage. Während die klügsten Köpfe der Nation auf die Bevölkerung beruhigend einwirken, etabliert sich im Gorki als erste Kampfhandlung der „Salon Varnhagen Reloaded“. In Gestalt von Marina Frenk erscheint Rahel Varnhagen als Nofretete von Jerusalem auf deutschem Boden. Organisiert und diszipliniert von Tobias Herzberg folgen die Aktivist*innen den Anweisungen aus einem Drehbuch von Max Czollek und Tobias Herzberg. Den amerikanischen Okkupationsbeistand koordiniert und repräsentiert Stella Hilb.

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11:59 10.11.2017
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