Aluminiumfolienglattstreicher

Frankfurt/Nordend Anscheinend beleidigen wir heute mit A am Anfang wie bei Achselschweißhomöopathie
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„Hast du schon mal operierte Brüste angefasst?“ fragt mein Cousin, der Feuerwehrmann. Wir sind schon wieder nur im Feinstaub. Auf dem Rückweg ins Gernegroß werde ich in der Gaststätte Frank zwischenlanden, während der Feuerwehrmann, wie an jedem Mittwochabend, bei Salvatore auf der Rohrbachstraße das letzte Getränk einnehmen wird. Meistens finde ich es gut, dass alles so feststeht, nur manchmal überfällt mich ein Grauen und ich fange an, in meinen Erinnerungen an andere Stadtteile zu kramen.

„Ich wollte bordeaurot und matt, aber er wollte burgunderrot und glänzend“, heult der Nebentisch. Ich kenne keine Frau mit operierten Brüsten, falls man das so sagen kann. Mein Cousin ist seit Jahren in festen Händen, der Zustand lädt anscheinend zur Flucht in die Fantasie ein. Früher haben wir auf dem Kackstreifen des Alleenrings gemeinsam Bier getrunken, das verbindet. Der Feuerwehrmann ist älter, ich habe von ihm Kneipenspiele gelernt. Wir knobeln um jede Runde, es regnet schon wieder.

*

Seit Anbeginn der Zeiten hat es das noch nie gegeben. Es ist halbeins und Texas vegetiert nicht mehr im Gernegroß weiter.

„Tanja hat den Abwasserschlürfer so was von heimgeschickt“, verkündet Nasenschweiß. Tanja schenkt mir geradeheraus ein.

„Warum nimmst du ihm nicht seine Panik?“ frage ich.

„First things first“, verlangt Nasenschweiß, er meint Schnaps. Wie immer bei Schnaps, sagt Tanja: „Ich heute ausnahmsweise nicht.“

Sie füllt aber sehr bereitwillig, vielmehr fürsorglich die Gläser. Wir Eingeschweißten verzichten auf jede Verzierung unseres Begehrens breit wie die Wand zu sein und abzurücken vom kakophonischen Schwall der Welt. Ich fühle mich hinter einen Vorhang des Vertrauens gezogen. Ich fühle mich ausgezeichnet.

Tanja wiederholt sich: „Selbst wenn wir es auf dem Tresen treiben würden, hätte das die Ackerfresse nicht zu bekümmern.“

Ich variiere den Satz still vor mich hin.

Nasenschweiß: „Wenn dieser Affenfehlfick nicht kapiert, was Getrenntsein bedeutet, ist das sein Problem.“

Anscheinend beleidigen wir heute mit A am Anfang wie bei Achselschweißhomöopathie. Ich kann mir nicht helfen, aber die Laufrichtung des Gesprächs versorgt doch manches Bedürfnis. Die Ereignisse kommen mir entgegen, was soll der Geiz und die Humanität. Texas hat schon so viel auf die Mütze gekriegt, gegen schlechtes Karma ist kein Kraut gewachsen.

„Wir werden der kleinen Scheiße heimleuchten“, stachelt Tanja.

Kleine Scheiße fängt nicht mit A an.

„Ich bin dabei“, sage ich. So angenehm kann Gruppendruck sein. Den Soundtrack zum Schwur liefert Neil Young. Auf ernstzunehmende Weise musikalisch ist in meiner Familie kein Mensch je gewesen. Meine Uroma Peule war so fromm, dass sie schon zu Lebzeiten die Engel singen hörte. Ihr Schwiegersohn hörte Reiterlieder und meine konzertsüchtige Mutter Bill Haley and The Comets. Der Wundermann des Rock´n´Rolls sah für den Knaben, der ich war, so schmierig aus wie ein Handelsvertreter mit getürktem Behindertenausweis. Nasenschweiß überlässt dem Personal das Gernegroß, er guckt noch mal nach seinen Rechten in der Burggaststätte. Der harte Mike mischt jetzt mit, es gibt es ein neues Gesicht im Gebiet, der Berliner Hooligan droht Leuten völlig sinnlos mit dem Tod. Sein Spruch lautet: „Dann werde ich zum Andreas Baader.“ Nasenschweiß muss wissen, was der Neue zu bedeuten hat. Ich sitze nicht gern in diesen letzten Runden. Das sind Termine für total Kompakte. Für Leute wie Rouven, der vor mir ausspuckt, seit ich mich wegen Grete nicht umgebracht habe.

Aluminiumfolienglattstreicher wäre für „kleine Scheiße“ auch in Ordnung gewesen.

„Bist du verliebt?“ frage ich Tanja.

„Sicher nicht in dich.“

Tanja küsst mich „zu Übungszwecken“. Ich beschließe, den Grund ihres Grolls gegen Texas nicht weiter zu ergründen und mich stattdessen mit der Vermessung der Grenzen ihrer Zugänglichkeit aufzuhalten. Auf einem Nebengleis meiner Überlegungen leuchtet ein Rachesignal. Falls es Ursula und Texas getan haben sollten, wird das Texas bald nicht mehr vergessbar erscheinen.

„Können wir was anderes hören?“ frage ich.

10:02 18.01.2015
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