Am Anfang war der Tanz

Tanztheater „Basmala - Freund oder Feind“ – Neco Çeliks streetsmarter Tanzalarm am Berliner Maxim Gorki Theater
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Vorher hat es nie gegeben. Jetzt fängt die Vorzeit an zu grauen. Was macht man mit seiner Vorzeit, während die kosmische Haut der Welt reißt und alles rauscht wie ein Wasserfall aus tausend Lecks?

So rostig, erdgeschichtlich kompakt und plattentektonisch rustikal ist das Evokationspotential von Neco Çeliks Tanzalarm „Basmala – Freund oder Feind“. Die „Renegade Company“ performt im galaktischen Sträflingslook gnadenlos auf Socken. Sie beantwortet die Frage, was am Anfang war, mit einem Vermächtnis der kreiselnden Rümpfe und ausfahrenden Extremitäten:

Am Anfang war der Tanz.

Der Tanz fand auf der Straße und in den Jugendräumen statt. Er flirtete mit Fußball, Kampf- und Konsolensport. Er schmiegte sich an die Risiken und Chancen der übersteuerten Existenz als Plattenbau-Normalverlauf. Man sagte Hip-Hop, man sagte Rap, auch so klärte der Straßensamurai Distinktionsfragen.

Die Figuren der fünf Tänzer prägte Michael Jackson mehr als jeder andere. Der Move folgt nicht hündisch dem Groove, die Abtrünnigen sind stark jenseits von Nachahmungen afroamerikanischer Exerzitien.

Radikalität ist machbar, Herr Nachbar. Auf einer Projektionsfläche erscheint Repetierflintenrhetorik im Dutzend billiger, untermalt von Aykut Anhans Liebesliedgut. Anhan sagte neulich zur „Welt“: „Am Deutschesten bin ich in Offenbach.“

Die Renegaten klumpen, humpeln auf hohem Niveau, synchronisieren sich und schwärmen aus. Sie geben dem Auditorium ein Gefühl ihrer Gegenwart: die ständige Konfrontation.

Ein Gegensatz dazu taucht im Titel auf: der Segen Basmala.

So eklektisch, rhapsodisch und epochal-episodisch steigert sich die Angelegenheit auf der Bühne bis eine gültige Relation von Begreifen und Unverständnis zusammengerührt ist. Man sieht die Vorläufigkeit in allem. Das Gedächtnis der Migration (als Archiv des umfangreichen Nachher) wird uns gewiss mit seinem Vokabular überraschen.

*

Die Renegaten starten eine gymnastische Supernova. Sie greifen sich an, bauen Gruppendruck auf. Einmal scheinen sie um die Wette zu wichsen - doch dann erkennt der Laie, dass nur mit den Händen gerungen wurde. Ziemlich zum Ende hin treten sie als wandernde Zelte auf, so überdacht. Der kanadische Charismatiker Boonaa Mohammed tröstet sie aus dem Off. Auch er wird als Stimme einer Generation gehandelt.

„Basmala – Freund oder Feind“ - Ein Tanzstück von Neco Çelik. Mit Milad Samim, Ibrahima Biaye, Said Gamal, Sefa Erdik, Freddy Houndekindo

11:16 03.07.2016
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare 1

Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community