Am Ende gewinnt immer das Schweigen

Boxen/Literatur Der Tod der Mutter liefert Anlass und Anfang einer Geschichte, die von einer Kindheit im Spagat zwischen herkunftsgesellschaftlichen Traditionen und französischen ...
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Aya Cissoko

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Sie wurde zuerst Weltmeisterin im Savate. So sieht Savate aus:

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Seit Jahrzehnten beobachte ich Leute, die sich irgendwie mit der Kultur vermählt haben, selbst wenn sie im Kampf der Kunst gegen die Kultur auf die Spießermonde der Funktionär*innen, Abschöpfer*innen öffentlicher Mittel und Erfinder*innen von pipipoetischen Ereignissen herabsehen. Es besteht kein gravierender Unterschied zwischen einer Dichterin und einer Veranstalterin. Sie existieren in derselben Blase und sie haben mit leichten Abweichungen die gleiche Aura. Vielleicht gibt es deshalb so viele in die Literatur entlaufende Wissenschaftlerinnen und zwischen den Oasen nomadisierende Künstlerinnen. Das ist alles eins. Das ist der Kulturbetrieb: ein Refugium für Unterversorgte – für krisenhaft Implodierte.

Aya Cissoko, „Ma“, Deutsch von Beate Thill, Roman, Wunderhorn, 188 Seiten, 24.80,-

So sind die Leute, denen ich Tag für Tag begegne – mehr oder weniger tüchtig, doch ganz und gar herunterreguliert.

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Ihr Anblick trifft mich. Meine inneren Instanzen berufen sofort das Präsidium ein. Sondersitzung. Geweckt und gewarnt vom Lärm meines inneren Aufruhrs, tritt der Flow ans Periskop. Er sieht Aya Cissoko auf einer Bühne. Ich erzähle jetzt nicht wo und wie. Das ist egal. Wichtig ist, zum ersten Mal seit ich vor mehr als einem Vierteljahrhundert angefangen habe, Veranstaltungen abzuklappern, sehe ich den Spirit im Kontakt mit einer nicht im-Tanz-der-Kraft-um-eine-Mitte-performenden Schriftstellerin. Noch habe ich keine weiteren Informationen.

Ich bin bis heute nur vier Personen begegnet, die den Spirit haben. Das erklärt die Aufregung.

Cissoko erscheint verschlossen. Ihr Gesicht gleicht einer Tresortür. Kein Zutritt. Das gilt für alle. Die in Paris geborene Tochter von Einwanderern aus Mali ist mit der Geschichte einer prekären Migration am Start. Sie beginnt mit der Variation eines der berühmtesten ersten Romansätze. Ich rede von Camus‘ „Heute ist Mama gestorben.“

Aya möchte die Garde anführen, die ihre Mutter zu Grabe trägt

Der Tod der Mutter liefert Anlass und Anfang einer Geschichte, die von einer Kindheit im Spagat zwischen herkunftsgesellschaftlichen Traditionen und französischen Gepflogenheiten so erzählt, dass die Vergangenheit zur Handlungsgegenwart avanciert. Dem Trick voran geht eine Schilderung der komplizierten Weiterungen einer Beerdigung nach Stammesregeln. Noch als Leiche gehört man dem Klan. Deshalb werden Rückreiseversicherungen für Bestattungen von Leuten abgeschlossen, die noch nicht einmal krankenversichert sind.

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Zu Beginn der langen Rückblende verlangt die extrem tatkräftige, pädagogisch rustikal-elementare Ernährerin von der renitenten Erzählerin, sich als Afrikanerin zu begreifen. Der familiäre Ursprung soll den europäischen Alltag dominieren. Das haut nicht hin.

Ma hat eine Hochzeit auf Pump hinter sich, der Pump durfte wegen der Familienehre nicht auffliegen. Sie ist ein gebranntes Kind. Ihr Mann galt als solventer Freier, bis die Wahrheit sich darin erschöpfte, dass Ma zu einer alleinerziehenden Alleinverdienerin gleichermaßen absank und aufstieg.

Man lebt nahe dem Père Lachaise, dem größten Friedhof in Paris, bestückt mit nicht wenigen der berühmtesten Grabsteine der Welt. Aya treibt bis zum Exzess Sport, Savate, Judo, Volleyball, Bogenschießen … der erste Meister, Yves Gardette (ist) ein ewig junger Mann, noch von der alten Schule … Er verbringt endlose Zeit damit, uns den perfekten Schlag beizubringen.“

Bald mehr.

13:16 30.06.2019
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