Amerikanische Datsche

Ein Genie der Topografie Anch behielt seine Genussfähigkeit in der Gewöhnung. Das nahm mich lange für ihn ein.
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In meinem ersten Jahr an der C-High traf ich mich mit Porter Monk, dessen Vater Amerikas Campuszeichensprache revolutioniert hatte. Porter Monk Senior ging als Genie der Topografie in die Geschichte ein. Er hatte sich darüber den Kopf zerbrochen, wie man einem Frischling die Orientierung erleichtert und war zu einer infantilen, aber einleuchtenden Kombination aus Zahlen, Farben und gemalt wirkenden Großbuchstaben gelangt. Ich fand das bizarr. Mir gefiel, dass der junge Porter Monk außer ratloser Bewunderung für seinen Vater, einem stattlichen Budget und der obligatorischen Uni-Fitness nichts zu bieten hatte. Ich fühlte mich ihm nicht unterlegen und konnte deshalb so unverschämt sein, ihn mir einzuverleiben.

Wir fuhren raus in den Indian Summer und erlebten visuelle Detonationen. Die Hecksee des Straßenkreuzers, den Porter Monk so steuerte, als wollte er direkt zurück in die Fünfzigerjahre, verwirbelte feuerrotes Laub. Stets endete die Fahrt vor einem Wochenendhaus, das Porter Monk nicht gehörte.

Erfolg bedeutet, vielen Leuten angenehm zu sein. Meinen Eltern händigte kein Mensch die Schlüssel für seine amerikanische Datsche aus. Immerhin waren meine Eltern zusammengeblieben. Ich glaubte, das Geheimnis einer funktionierenden Partnerschaft zu kennen.

Natürlich war nicht ewig Herbst, Porter Monk und ich schafften es, auch im Frühjahr noch zusammen zu sein, Joanna, meine einzige Freundin, fing schon an, unruhig zu werden, weil sie nichts Festes hatte, obwohl sie zwei Jahre älter war.

Bei uns in Miner‘s Kentucky heiratete man früh seit zweihundert Jahren. Die gute Zeit war kurz. Danach verlor man seine Zähne und wurde skurril. Mit seinem Waschbrett verstärkte man eine Kapelle, in der die Damen hausgemachte Geigen strichen.

Meine Albright-Uroma soll noch das ganze Jahr barfuß gegangen sein, außer sonntags zur Kirche. Sie war ziemlich bekannt als Milli the Spoon Lady.

Wie gesagt, man hatte keine Wahl. Das Beste war, man wurde ein Original.

Porter Monk musste erst eine Menge fundamentalistischer Ansichten aufgeben, bevor er sich darauf einlassen konnte, Sex vor der Ehe zu haben. Er kam nicht über sämtliche Hürden. Am meisten zu schaffen machte ihm, dass ich meine Jungfräulichkeit nicht an ihn verloren hatte. Er verstand das nicht. Es ergab für ihn keinen Sinn. Warum sollte eine Frau Sex haben, ohne sich von dem Mann, dem sie das Vergnügen gewährte, mit einem Vermögen versichern zu lassen.

Porter Monk hätte es als seine Verpflichtung angesehen, mich zu heiraten, wäre ich als Jungfrau bei ihm eingestiegen. Ich brauchte fast ein Jahr, bis mich das Ausmaß seiner Borniertheit so gegen ihn aufbrachte, dass ich Schluss machte.

Allgemein hielt man das für einen Riesenfehler.

Es kam, wie es kommen musste. Joanna übernahm. Sie täuschte Porter Monk, ich hatte ihr von seiner Macke erzählt, und ließ sich heiraten. Sie holte ihn exakt da ab, wo Porter Monk stehengeblieben war.

Der nächste, der ins Gewicht fiel, war ein Springteufel namens Melanchthon Brightstar. Die Leute nannten ihn Anch. Ich weigerte mich zuerst, ihn so zu nennen, aber irgendwann ging mir die Plausibilität von Anch auf. Seither glaube ich, dass populistische Namensschöpfungen sinnreicher sind als Taufnamen. Anch bezeichnet etwas ursprünglich Religiöses, nun Esoterisches. Das haben die Leute, die Melanchthon zuerst Anch nannten, bestimmt nicht gewusst.

Falsche Fehler

Anch reparierte Landmaschinen. Bei ihm liefen die Fäden einer Gemeinde zusammen. Jeder Ausritt der freiwilligen Feuerwehr startete auf seinem Hof. Mich erinnerte Anch an Kumpel meines Vaters, Bullenreiter, die herumgekommen, Trucker, die in unserer Gegend entgültig liegengeblieben waren, Wirte, Mechaniker, Dachdecker und jede Menge Minenarbeiter. Malocherstolz und Gemeinschaftssinn hielten jeden einzelnen sowie alle gemeinsam zusammen. Man hielt sich gerade, auch wenn es wehtat. Nie wurden die Grenzen der Vertraulichkeit überschritten; obwohl viel schiefging im Suff und es ein fast automatisches Verzeihen von Fehlern gab, die man bei sich festgestellt hatte.

Falsche/Fremde Fehler wurden nicht verziehen.

Anch behielt seine Genussfähigkeit in der Gewöhnung. Das nahm mich lange für ihn ein.

Anch folgte der Sattler Mulligan Clearwater. Bis zu einem Unfall, den er verschuldet und den sein bester Freund nicht überlebt hatte, war Mull als Amateur Autorennen gefahren. Er hatte seiner stärksten Leidenschaft abgeschworen, obwohl der Freund auf einer läppischen Kreuzung im ländlichen Nirgendwo gestorben war. Mull überquerte die Kreuzung täglich in seinem Geländewagen, mit dem er so oft wie möglich zur Jagd fuhr.

Mull war ein Mann glamouröser Banalitäten. Seine Binsen klangen wie Filmzitate. Er hatte ein Kinogesicht. Er wirkte anziehend und zugleich lächerlich. Die Frauen, für die Mull herkunftstechnisch in Frage gekommen wäre, ließen ihn aus. Ich brauchte eine Weile, bis ich begriff, dass er ihnen verdächtig vorkam. Die nie direkt angebrachte Abwehr machte Mull zum Alien in seiner Ursprungsumgebung.

15:50 07.07.2019
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