Andersschwarz

Kolonialismus Südafrika im 19. Jahrhundert. Ab 1835 entziehen sich Afrikaans sprechende Nachkommen niederländischer Einwanderer der britischen Kolonialherrschaft in ...
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Am Kap der guten Hoffnung

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Mein Gott, was soll die Aufregung. Amandla Masekela, die sich von mir Mercy nennen lässt, sucht in Tallahassee, Florida, den Anschluss im Rahmen afroamerikanischer Lebensmodelle sowie der Spielräume an den Rändern der Schwarzen Gemeinden, wo sich die Segregation in ihrer Auflösung beweist. Doch die Mutter will Mercy afrikanisch; will, dass die Tochter den Abstammungshintergrund vor sich herträgt wie ein Transparent.

Wir sind Schwarz, aber anders – Andersschwarz.

Mercy bemüht sich, den mütterlichen Starrsinn mit Beispielen aus ihrem Freundeskreis aufzuweichen. In Amerika identifiziert man die Herkunft mit der Geburtsstadt. Und das ist die konservative Variante.

„Velma Walton (Tochter nigerianischer Einwanderer) ist aus Wichita, weil sie dort zur Welt kam.“

Niemand macht eine Wissenschaft aus so was. Nach ein paar Jahren in Atlanta kommt man eben aus Atlanta.

Für die Mutter liegen Dinge auf einem anderen Kontinent näher als der Supermarkt und das Fitnessstudio an der nächsten amerikanischen Ecke. Ihr geht es darum, heilige Verbindungen in das (seit dem 18. Jahrhundert kolonisierte) Gebiet der Ahnen nicht abreißen zu lassen. Die Tochter soll der Stammesgesellschaft nicht abhandenkommen. Und umgekehrt. Das reiche Erbe aus dem Ursprung darf nicht zum Kelch werden, der an Mercy vorbeigeht.

Mercy hat einen Anspruch, den sie kaum erkennt und soweit für wertlos erachtet. Die afrikanischen Traditionen funktionieren nicht in der Migration. Sie stehen der Anpassung im Weg. Sie machen Mercy das Leben schwer.

Mercys Vorfahren waren nicht erst dem Expansions- und Exploitationsbetrieb burischer Voortrekker ausgesetzt und (nicht immer gleich massiv) unterworfen.

Südafrika im 19. Jahrhundert. Ab 1835 entziehen sich Afrikaans sprechende Nachkommen niederländischer Einwanderer der britischen Kolonialherrschaft in Treckgemeinschaften. Das sind die Voortrekker. Ihre Abwanderung aus der Kap Region ins Landesinnere gewinnt ihre Energie aus Empörung. Die Empire-Obrigkeit will eine formale Gleichstellung der indigenen mit der eingewanderten Bevölkerung. Das kommt für die burischen Kap-Klans nicht in Frage. Gott hat sie über die Schwarzen gestellt. Sie erkennen in der Gleichmacherei einen Versuch der Briten, sie mit den Schwarzen auf eine Stufe zu stellen. Sie lassen sich nicht degradieren. Lieber gehen sie im Ödland drauf. Sie gründen den Vrystaat, unterwerfen jene, die sich nun gegen sie empören, versklaven die Völker der Gegend und organisieren sich nach den Regeln der Apartheid. Vermehrungsverbindungen zwischen Schwarzen und Weißen sind verboten. Trotzdem kommen ständig PoC zur Welt. Während mich das Sujet akademisch reizt, verweigert Mercy die Sondierung der Chancen einer historisierenden Introspektion. (Ihre Vorfahren waren dem weißen Einfluss und Verderben bereits deutlich früher ausgesetzt.) Während in der mütterlichen Sphäre die Gnade im Ursprung liegt und ihre Formulierungen für alle Zeiten feststehen, gehört Mercy einer stotternden Zukunft, deren Feststellungen noch keine Ankerkraft haben.

Alle Hoffnungen der in der Apartheit lebenden Schwarzen und PoC richteten sich auf Repräsentationen in einer Schwarzen Mehrheitsgesellschaft. Als die dann da war, zeigte sich, dass die Solidarität im Kampf gegen die Apartheid mit deren Überwindung schwand. Schwarz unter Schwarzen zu sein bedeutete plötzlich etwas anderes.

Die schmerzhafte Diversität lässt sich in Amerika ganz gut unter den Teppich kehren. Die Mutter ist zu festgefahren, um große Sprünge zu machen. Mercy springt für sie. Ihr Engagement trägt Züge familiärer Wohlfahrt, sie versucht der Unbeweglichen einen Weg in die Wirklichkeit vor Ort zu zeigen.

Die Jüngere weist in die Zukunft, die Ältere in die Vergangenheit. Zusammen erscheinen sie wie Galionsfiguren, die von einem Anwalt poliert werden, der seiner Frau und Tochter nach Amerika vorausgegangen ist und dort das Richtige getan hat, indem er nach der Ausbildung erst einmal fünf Jahre für ein anständiges Anwesen arbeitete, schwarz und regulär.

In dem Musterhaus ist viel Platz für Streit.

Der Gatte ruft die seelisch in Afrika zurückgebliebene Frau zur Ordnung. Sie bietet sich ihm als Entstehungsort massiver Enttäuschungen an. Seine Erwartungen zerschellen an ihrer Resistance. Mercy versteht sie besser, seit sie sich selbst im Spiegel einer Abwehrreaktion gesehen hat. Ein von der Mutter vor die Tür gesetzter Schwarzer Verehrer der Tochter reagierte auf die Regulierung gewissermaßen rassistisch. Mercy erkannte, dass die Zuschreibung sie einschloss. Sie begriff den Schutzcharakter der häuslichen Gemeinschaft – und die Not der Mutter, die den Preis der Entwurzelung für die ganze Familie zahlt.

Als Soweto aufstand und die Dekolonisierung Südafrikas wieder einmal eine heiße Phase hatte, engagierten sich Mercys Großeltern im Riot. Die Liquidation der Burenherrschaft ist legendär. Sie liefert den Stoff für einen Mythos. Afrika hat sich selbst befreit, heißt eine Geschichte. Sie interessiert mich sehr, fast mehr als die konventionelle, ständig irritierte Mercy … Amerika ist so weit weg von der Realität einer komplexen Familiengeschichte, die ich skizziert wiedergebe.

Mercys Vorfahren kommen im ausgehenden 18. Jahrhundert in eine besondere Lage. Der Klan konstituiert sich in Kontakten zwischen weißen Usurpatoren und Frauen aus dem Volk der Awa-khoen aka Nama. Die Verbindungen sind nicht heftig stigmatisiert. Sie entwickeln sich in einem speziellen Rahmen bis zu einer Gesellschaftsformation. Die positive Dynamik ergibt sich aus drei Vorteilen. Die neuen Spieler*innen beherrschen die Herrschaftssprache Afrikaans. Sie adaptieren burische Anbau-, Jagd- und Kriegsmethoden/technik und gewinnen so Vorsprünge im Verhältnis zu anderen Gesellschaften. Sie treten beritten und europäisch bewaffnet auf. Sie setzen Fuhrwerken ein. Schließlich zählen auch die verwandtschaftlichen Beziehungen. Man hat zwar einen kleurfouten, ist aber doch der/die Urenkel*in eines dominanten Bauern.

Stämme entstehen auf dieser Grundlage. Sie haben zwei weiße Referenzen – die Buren und die den Buren vorgesetzten Briten. Sie handeln zum Nachteil indigener Völker als Milizen der Ostindien-Kompanie, über die wir schon oft gesprochen haben. Sie jagen die nomadischen San und andere Kolonisationsstörer - und transformieren ihre Scharnierfunktion auch in den Namen. Mercys Ahnen heißen Jager. Das ist sowohl ein Familien- als auch ein Stammesname. Den Jager schließen sich von Weißen genetisch unberührte Awa-khoen an, die einen Prozess einleiten, in dessen Konsequenz der Verband wieder ganz Schwarzafrikanisch wird. In der Zwischenzeit heißt mal eine Ahnin Mieke Jager. Schon lange heißt so kein Mensch mehr, der mit Mercy verwandt ist. Mercys Mutter beruft sich selbstverständlich auf ein reines Nama-Erbe, das sie den afroamerikanischen Verschlingungen so entgegenhält, als hätten sich die Varianten von selbst ergeben.

11:46 20.07.2019
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