Anderssein als Aufgabe

Rassismus In seiner Bestandsaufnahme „Ewig anders“ erinnert Marvin Oppong daran, dass Schwarze „übrigens auch in Hagenbecks (Hamburger) Tierpark wie Tiere ausgestellt“ wurden.
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„Im März 1803 brachte die napoleonische Armee aus Kuba sechshundert Hunde ins Land. Kommandant Donatien Rochambeau erteilte seinen Offizieren folgenden schriftlichen Befehl: Ich darf Sie nicht in Unkenntnis darüber lassen, dass Ihnen das Futter oder sonstige Kosten für die Verpflegung dieser Hunde nicht erstattet werden wird. Sie müssen ihnen Neger zu fressen geben.“ Zitiert nach Napoleons dunkles Geheimnis

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Die Schwarze Schmach am Rhein

Marvin Oppong findet einen Anlass zu der Feststellung, dass in der Gegend von Bonn seit deutlich „mehr als hundert Jahren Schwarze leben“. Bereits Napoleon habe in den Kolonien ausgehobene Truppen auf deutschem Boden eingesetzt und da wie überall übel behandeln lassen.

Marvin Oppong, „Ewig anders. Schwarz, deutsch, Journalist“, Dietz Verlag, 236 Seiten, 22,-

Oppong erwähnt die „Schwarze Schmach am Rhein“. Nach dem I. Weltkrieg stationierte Frankreich Schwarze Soldaten im Rheinland. Kinder aus Beziehungen der Besatzer mit deutschen Frauen wurden als „Rheinland-Bastarde“ historisch und im III. Reich sonderbehandelt. Sie galten als Treibstoff einer Abwertung.

Oppong exponiert den Gefälle-Alarmismus. Jede „Bastardisierung“ bedroht die „Höherstellung“ einer weißen Population und stellt sich in der rassistischen Lesart als Verstoß „gegen die göttliche Ordnung“ dar.

Es werde stets die gleiche Rechnung aufgemacht, so Oppong: weiß gleich rational, Schwarz gleich triebhaft. Übersetzt heißt das: weiß gleich sexuell implosiv, Schwarz gleich sexuell expansiv. Die Psychoanalyse schreit danach, ins Rennen geschickt zu werden. Allein, das ist doch langweilig. Viel interessanter erscheint die Frage nach den Gründen für die Ausdauer von Vorurteilen und ihre Transformationen in den Umspannwerken des gerade gesellschaftlich Opportunen. In der Bundesrepublik kursieren die Vorurteile von 1923 als zweite Währung. Wer sie akzeptiert, ist mit von der Partie und als Parteigänger einfach zu identifizieren. Er sagt, Oppong bringt das Beispiel, jemand sei im Rahmen seiner Entwicklungshilfetätigkeit in Afrika „verbuscht“.

Da lugt der „Buschmann“ um die Ecke, es tritt der „Hottentotte“ aufs Feld. Die Gefahren von „volksfremdem“ Laissez-faire und einer toxischen Lethargie fern der Heimat werden beschworen in einem Wort. Kolonialsprech aus Deutschsüdwestzeiten überlebt im XXI. Jahrhundert in Ministerien und desavouiert den Anspruch auf Egalität in den bilateralen Beziehungen, ohne dass es besonders auffiele.

Schwarze Schmerzpunkte dienen in einer weißen Welt nur zur Behauptung einer übertriebenen Empfindlichkeit.

Nun schweift der Autor ins Biografische aus. Aufgewachsen in „einer klassischen deutschen Reihenhaussiedlung“ liegt das Schlechte viele Ecken weit weg.

Oppong skizziert die Verhältnisse in seiner Heimatstadt Münster. Nur Paderborn sei noch schwärzer, der gewaltigen Universität mit ihrer Lässigkeitsperipherie zum Trotz. Früh erlebt das Schwarze Kind sein Anderssein als Aufgabe.

„Dass man Schwarze mit Gegenständen in Verbindung bringt, ist etwas sehr Typisches für Rassismus.“

Die Gegenstände sind selten edel „wie ein schwarzer Edelstein“. Oft ist von Kacke die Rede, oder von Teer (wie teeren).

Natürlich erkennen Kinder Rassismus nicht. Sie rennen gegen die Wand ihrer Ausgrenzung an. Sie verbiegen sich. Verzweifelt suchen sie Anschluss. Irgendwann ist das vorbei. Aber das dauert.

Oppong ist der einzige Schwarze im Kindergarten. Die beiden Schicksalsgenossen in der Grundschule sind Heimkinder. Das Heim liegt wie im Märchen am Rand eines „dunklen Waldes“, nicht weit weg von einer verrufenen Siedlung.

Bald mehr.

11:26 12.08.2019
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