Grandioses Selbstbild

Leslie Jamison neigt zur Vergötterung der Männer in ihrer Familie
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Lesen Sie zuerst Erotisches Unterholz

„Aber an jenem Tag kam mir der Himmel zu simpel vor.“ Leslie Jameson

Ich rede weiter über Leslie Jamesons Essays „Die große Fahrt“ und „Echter Rauch“ aus dem Band „Es muss schreien, es muss brennen“, Essays, aus dem Englischen von Sophie Zeitz, Hanser Berlin, 25.-

Die Autorin gibt sich als Erzählerin zu erkennen. Leslie Jameson spricht über sich. Sie neigt zur Vergötterung der Männer in ihrer Familie. Besonders anfällig zeigt sie sich im Verhältnis zu ihrem Bruder Eliot, einem nüchternen, kaltblütig abwägenden Immobilienmakler. Die Schwester lobt ihn für seine rationale Berufs- und Partnerwahl. Auf der Hochzeit des Bruders haut Leslie voll daneben. Sturzbetrunken drückt sie ihre Kippen auf Dielen aus. Siehe Die blaue Schwester.

Leslie erscheint sich selbst verwahrlost, sobald sie ihrem Bruder nahekommt. Ihr grandioses Selbstbild verdampft in Eliots Gegenwart. Eines Tages beschließen die Geschwister, gemeinsam sportlich zu laufen. Es regnet. Wer hat keine Regenjacke? Wer gibt den Regenjackensamariter? Das muss man nicht ausführen.

Eliot beschämt seine Schwester.

Nach dem Training fragt Leslie den Bruder, „wie lange sie seiner Meinung nach gelaufen seien. Er schätzte sechs Kilometer, ich schätzte zehn. So ist es immer gewesen: Er stellt sein Licht unter den Scheffel und hält durch. Ich will Anerkennung und lasse schnell nach“.

Dürftige Nachahmung - Nun zu „Echter Rauch“

„Man hatte mich wegen einer Lesung am Institut für Kreatives Schreiben eingeflogen.“

Zwei Jahre ist die Alkoholikerin trocken, als Leslie Jameson - im Rahmen „einer augenzwinkernden Begegnung mit dem gnadenlosen Pomp der Stadt“ - irgendwo in Las Vegas einen Fruchtcocktail ordert. Sie pimpt die Überschreitung mit der Binse „Simulation ist ohnehin die authentischste Las-Vegas-Erfahrung“.

„Bei jeder geselligen Zusammenkunft sollte es alkoholfreie Optionen geben.“ Ben Branson in der Welt

Interessanter ist eine andere Differenzmarke. Im Alkoholfluss öffnete sich die Nacht mit unbekanntem Ausgang, jetzt steht alles fest für die Autorin. Mich bringt das auf den Punkt, Alkohol als Arbeitsmittel zu thematisieren. Ich rede nicht von Suchtbegrünung. Gleichviel, ich hätte so vieles vermieden, ohne die Aussicht auf Alkohol. Seit ich nicht mehr trinke, setze ich mich viel selbst-schonender ein. Ich vermisse nicht eine Rauschoption.

Leslie ist noch nicht so weit. Ihr fehlt die klare Perspektive. Sie erläutert den Titel ihrer Vegas-Variation „im Schatten des zwölf Meter hohen Cowboys Vegas Vic, dem eine glühende Neonzigarette zwischen den Neonlippen steckte. In der guten alten Zeit stieß die riesige Zigarette sogar echten Rauch aus“.

Die Autorin flirtet mit einem Joe aus der Riege der Veranstalter:innen. Der Flirt erscheint ihr überzeitlich und -persönlich illustriert (überzeichnet) mit Szenen aus „Vegas bei Nacht“. In einer warmen Winternacht fühlt sie sich da wie in einer Höhle.

Allen Leuten sollte klar sein, was gerade passiert. Leslie steigert sich in einen Ersatzrausch hinein. Mit ihrem Pfadfinder und einem halben Dutzend schwach wirkender Ersatzmittel gleitet sich in den Zustand betrunkener Freiheit, der in Wahrheit ein Einschluss ist. Der Rausch entriegelt die Begrenzungen. Sie rücken auf und reduzieren die Spielräume, während die Gefangene dem Entgrenzungs-Phantasma erliegt.

Die Sache mit Joe zieht sich hin, verliert aber nie den Charakter einer dürftigen Nachahmung. Die Illusion begann mit dem alkoholfreien Cocktail, angeblich als Vehikel eines Genusses ohne Reue. Doch kann es bei einer Alkoholikerin sehr wohl so sein, dass bloße Anmutungen den Effekt von Ethanol haben und die Signalverarbeitung zwischen den Nervenzellen gestört wird. Das Gehirn schüttet Dopamin und Serotonin aus. Man assoziiert die Freude mit der räumlichen und personellen Umgebung. Es kommt zu obskuren Gleichsetzungen. Deren Auflösungen werden im Weiteren verhandelt. Ich fürchte, Leslie reflektiert die Zusammenhänge nicht auf der gebotenen Höhe. Anderenfalls müsste sie sich nicht fragen, wieso ihrer Joe-Zuneigung so schnell die Luft ausgeht.

„Mich nervte, dass Joe mich ständig mitten im Satz unterbrach. Wegen seiner Medikamente hatte er keinen Appetit, und das nervte mich auch. Ich war schnell genervt. Er sagte irgendetwas über ...“

Bald mehr.

Die blaue Schwester

Die Enkelin eines Wahlbrasilianers infizierte sich mit dem Saudade-Virus. „Das portugiesische Wort ..., das bekanntlich unübersetzbar ist, hat mich immer fasziniert, weil es etwas Abgründigeres meint als schlichte Nostalgie. Saudade beschreibt eine Wehmut, nicht nur nach dem, was du verloren hast, sondern auch nach dem, was du nie hattest. Saudade ist wie Heimweh, möglicherweise nach einem Ort, an dem du nie warst.“

Eingebetteter Medieninhalt

Gerade gab sie einem Langweiler den Laufpass. Seit das Rhodos (eines verpassten Absprungs von den Klippen der Unverbindlichkeit) ihre Vergangenheit überschattet, verlässt die fünfunddreißigjährige Erzählerin, in der sich die Autorin zu erkennen gibt, ihre Liebhaber so routiniert wie Leute, die das nötig haben, sich die Hornhaut von den Sohlen raspeln.

Jameson beginnt mit der Feststellung eines Phantomschmerzens. Der in ihrem Leben ausdauernd abwesende Großvater gewinnt nach seinem Tod für die Enkelin eine phantasmagorische Bedeutung.

„Als mein Großvater starb, verlor ich einen Mann, den ich nie richtig gekannt hatte.“

Der alte weiße Mann vermochte es, sich wenigstens dreimal zu übertreffen. Im II. Weltkrieg gab er den in Natal* stationierten Lufwaffenoffizier. Brasilien erklärte er „für den Rest seines Lebens zu seiner zweiten Heimat“, in der er zwei Familien gründete, denen er auf die unterschiedlichste Weise erschien.

*„Natal liegt an der Mündung des Rio Grande nahe der Esquina Brasileira.“

Die Enkelin eines Wahlbrasilianers infizierte sich mit dem Saudade-Virus. Die Hochzeit ihres vernünftigen Bruders beschreibt sie im Weltschmerzfieber als Gipfel einer Lustqual. Sie lobt den Verwandten für alle seine Eigenschaften. Sie rühmt sogar den Verzicht auf die Hochzeitstorte zugunsten eines Apfelkuchens.

„Beide (aßen) lieber Apfelkuchen ... Am Abend weinte ich, randvoll mit Wodka und Chardonnay, und erwähnte in jedem Satz meinen Ex-Freund, damit jeder wusste, dass ich freiwillig allein hier war.“

Die blaue Schwester schwankt vor sich hin. „Mit der Spitze (ihrer) glitzernden Partyschuhe drückt (sie) Zigarettenkippen in die Redwood-Dielen. Es war wunderschön“.

Von so einer Schwester träumt man. Leslie benimmt sich unmöglich. Tut mir leid, anders lässt sich das nicht sagen.

07:45 20.05.2021
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