Angenehme Eiszeit

#DailyStorytelling Die Freiin Perunakeitta attachiert der Status einer Erbin gewaltiger Eigentümer
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Lebende Puppe

Vielleicht ist das der Augenblick, in dem die Sphinx zum ersten Mal ihre Krallen zeigt: eine in Jahrzehnten ungebraucht altersschwach gewordene Kutsche verkörpert als Fahrzeug der finalen Etappe den desolaten Zustand der Dinge, mit denen Freiin Perunakeitta Yedinichi-Shoriba und ihre Kämmerin Potatissoppa* zukünftig rechnen müssen. Perunakeitta attachiert der Status einer Erbin gewaltiger Eigentümer. Eine seit Generationen von der Familie vernachlässigte Burg am Fuß des Tri Čuke oder Tri Tschuki nahe der bulgarischen Grenze (in der Stara Planina) strebt sie gerade an. Die miserable Bewirtschaftung des alpinen Grundbesitzes kursiert als Kunde eines fernen und befremdlichen Geschehens in den urbanen Palaishaushalten der Yedinichi-Shoribas.

*Als Perunakeitta geboren wurde, kaufte man für sie eine lebende Puppe. Die Kleinpächter:innentochter teilte ihre Kindheit und Jugend mit der Aristokratin in glanzvoll-intimer Nähe. Die Leibeigene und ihre Herrin schliefen unter einem Baldachin, solange Perunakeitta es verlangte. Potatissoppa stieg zur Nennschwester auf und wieder ab zur Sklavin im Takt pathetischer und melodramatischer Empfindungen. Im Augenblick entspricht das Verhältnis einer angenehmen Eiszeit.

Perunakeittas Schule war der Kasernenhof. Die Liebe der Eltern erschöpfte sich in mütterlichen Ermahnungen, nie nachzulassen in der Selbstzucht und dem Stolz, die eine Edle vom Rest der Welt unterscheidet. Als blessierte Generalin a.D. zog die Veteranin 1743 in ein hochstehendes Nebelheim mit ruinierter Krypta ein. Seither erklärt sich die Baronin für alles Weltliche verloren.

Auf der Burg in der Stara Planina

Perunakeitta fühlt nicht mit den Elenden. Nach ihren Begriffen gefällt Gott Armut genauso wie ihn die herausgehobene Stellung der Gebieter:innen plaisiert. Anders kann es doch gar nicht sein. Sonst wäre es anders. Die Aristokratin macht die Bekämpfung des Schlendrians zu ihrem Alltag. Wie eine studierte Soziologin seziert sie den Aberglauben der als Walach:innen herabgesetzten Roman:innen in ihrem Reich. Sie schildert ihrem lieben Tagebuch eine vom Fortschritt unberührte Gegend, in der sich Randgruppen vor der Zukunft zu verstecken scheinen. Der Pöpel verteidigt seinen Weiler gegen die Eigenarten der Nachbarn. Nomad:innen tauchen auf und sind als Erntehelfer:innen, nicht aber als Gäste willkommen. Leute verschwinden spurlos (abgesehen von Haarbüscheln und dergleichen), Bären fressen Wildhüter:innen, Wölfe reißen Schweine und Ziegen. Wasserfälle brechen aus ihren Betten und verwandeln ewig lahme Bäche in reißende Ströme lange vor den ersten Ermüdungserscheinungen der Habsburger Monarchie. Perunakeittas Territorium war Schauplatz der Völkerwanderung. Unter dem Druck asiatischer Reiter:innenstämme wurden Völker nach Westen verschoben. Was in der Schleuse hängenblieb, mischte sich mit den Nachkommen von Legionär:innen, romanisierten Daker:innen und einem latinisierten Satz. Die Namenlosen fasste man in Milizen zusammen und trieb sie zur Grenzsicherung in abweisende Zonen. Achthundert Jahre später dienen ihre Nachkommen der Elite immer noch als Leibeigene. Hass und Misstrauen herrschen auf beiden Seiten.

10:21 04.08.2021
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