Angst vorm Schwimmen

Literatur Mehr zu Judith Hermanns Roman „Daheim“ - Ängste suchen die Erzählerin heim
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Archetyp des Elementaren

Ängste suchen die Erzählerin heim. Nach einer Phase furchtloser Freiheit in der Einsamkeit einer Marschlandschaft, wo die Stadtflüchtige ein baufälliges Haus bewohnt, verflüchtigt sich die Unbefangenheit. An ihre Stelle tritt eine Sorge, die dazu führt, dass die Erzählerin ihre Kammer besonders sichert.

„Der Riegel war selbstverständlich peinlich, es war demütigend – eine alternde Frau, die ihr Schlafzimmer verschließt. Aber die Furcht war größer.“

Dazu kommt die Angst vor tiefem Wasser.

„Ich kann nur an der Mole entlang schwimmen, bis zu ihrem Ende und zurück, ich habe zwischendurch das Gefühl, ich wüsste schlagartig nicht mehr, wie man schwimmt, ich könnte meine Bewegungen nicht mehr koordinieren; würde ich in Panik geraten.“

Judith Hermann, „Daheim“, Roman, S. Fischer Verlag, 21,-

Nebenbei avanciert Arild zum Archetyp des Elementaren. Seine ruppigen Bewegungen ziehen die Erzählerin an. Sie besucht ihn auf seinem stinkenden Hof. Mitten in der schönsten Landwirtschaft fischt der Schweinebauer das Abendbrot aus der Tiefkühltruhe. Das Ganze kriegt eine beinah biblische Der-junge-Mann-und-das-Meer-Dimension. Arild erklärt, dass es die Gegend, die sein häusliches Debakel framt, einst „nicht bewohnbar“ gewesen sei.

„Dann hat das Meer sich zurückgezogen, die Leute haben sich rausgewagt. Sie haben Siedlungen errichtet. Der Boden war fruchtbar.“

Arild beschwört eine Art Waterworld mit Urzeit-Appeal. Er präsentiert Familienfotoalben zum Beweis der Gültigkeit seiner düsteren Stimmung.

„Torf und Schlacke, Regen ohne Ende.“

Am Ende des Abends nimmt die Besucherin Arilds „selbstbewusstes Geschlecht zur Kenntnis“; dies in einem Zusammengang mit Bettwäsche aus der Kindheit des Gastgebers.

Arild bleibt auf eine uferlose Weise Gastgeber und Hausherr. Selbstverständlich versteht er sich als Kritiker der Standpunkte, die er der Erzählerin vielleicht nur unterstellt. Hermann lässt Arild eine durchgreifende Selbstgewissheit zur Schau stellen.

*

„Der Abend riecht nach Ginster und heißen Steinen.“

Die Erzählerin erwartet Mimi vor ihrer Kate im Ried. Eben hat sie mit ihrer Tochter Ann geskypt. Das Leben, das hinter ihr liegt, rückte auf. Jetzt nimmt sie den Mond zur Kenntnis. Jetzt nimmt sie an einem Geburtstag teil und ist schon beinah Arilds Braut. Jetzt begleitet sie Arilds Vater ins Krankenhaus. Der Greis entschuldigt sich für die schlechten Zähne seines Sohnes.

„Zu viel Pflanzenschutzmittel, zu viel Zeug für die Schweine.“

Das ist schon sehr gut erzählt. Ich lese mich in einen Rausch. Judith Hermann liefert den Stoff für Tagträume.

Die Kate im Ried/Das vorspiellose Direkt

Die wetterfeste Mimi marschiert ohne zu prusten und zu zagen in die frühlingskalte Ostsee. Das vorspiellose Direkt entspricht einer von der Großmutter übernommenen Praxis. Mimis Familie lebt seit Jahrhunderten an der Küste. Da ist die Erzählerin bloß eine Versprengte. Zwar könnte sie in dem großen Haus ihres mit einer Skipperspelunke zu Geld gekommenen Bruders wohnen, doch lieber bleibt sie für sich jenseits des Dorfrandes mit nur einer Nachbarin: der vor Zugehörigkeit und Heimspielglück strotzenden Mimi.

Möwen vagabundieren in der Marsch.

Mimis Lebensmut

Mimi malt. Sie lässt die Flut über Leinewände gehen und nimmt die Spuren als natürliches Kollaborationsergebnis. Die Angehörige einer Bauerndynastie, der Bruder regiert den Hof als Herrscher über tausend Schweine, „geht ... ohne zu zögern, ohne einen Moment innezuhalten, ins Wasser“.

Die Erzählerin haust in einer baufälligen Kate. Sie gerät in den Sog von Mimis Lebensmut, und lässt sich auch auf den Bruder ein. Arild verschafft ihr (auf einem Vorfeld der Unverbindlichkeit) ein Erlebnis außer der Reihe. Ich assoziiere mit Judith Hermanns nicht unbedingt ausweichenden Formulierungen sexuellen Konstruktivismus.

Die Schweinezucht als Kulisse für eine fundamentale Sachlichkeit im Zuge einer Variation von Mimis vorspiellosem Direkt - Ich schalte mich ungern als kritische Instanz ein, doch erfüllt die Gleichsetzung von Landleben und den Chancen der Simplifikation ein Klischee, das allerdings reizvoll nahe liegt. Man sieht das gern so. Hier die Verwehte aus der urbanen Sphäre, da der unangefochtene Bauer.

„Die Kormorane auf den Duckdalben breiten die Flügel aus.“

Mimis Eltern Amke und Onno sind urige Alte, herzlich gleichgültig in einem Fluidum aus Berberitzen und Sommerflieder. Als Hintersassen* gehorchen sie einer antiken Ordnung. Das heißt, Amke und Onno stehen ihrem Sohn nicht im Weg. Hermann deutet die archaische Gleichung an. Nur wer den Hof bewältigt, darf ihn auch bewohnen.

*„Im Mittelalter wurde Hintersasse mit der Bedeutung die hinter einem Herren sitzen auch als Sammelbegriff für die vom Grundherrn abhängigen Bauern gebraucht.“ Wikipedia

Gleich mehr.

Aus der Ankündigung

Judith Hermann erzählt in ihrem neuen Roman »Daheim« von einem Aufbruch: Eine alte Welt geht verloren und eine neue entsteht.

Sie hat ihr früheres Leben hinter sich gelassen, ist ans Meer gezogen, in ein Haus für sich. Ihrem Exmann schreibt sie kleine Briefe, in denen sie erzählt, wie es ihr geht, in diesem neuen Leben im Norden. Sie schließt vorsichtige Freundschaften, versucht eine Affaire, fragt sich, ob sie heimisch werden könnte oder ob sie weiterziehen soll. Judith Hermann erzählt von einer Frau, die vieles hinter sich lässt, Widerstandskraft entwickelt und in der intensiven Landschaft an der Küste eine andere wird. Sie erzählt von der Erinnerung. Und von der Geschichte des Augenblicks, in dem das Leben sich teilt, eine alte Welt verlorengeht und eine neue entsteht.

Zur Autorin

Judith Hermann wurde 1970 in Berlin geboren. Ihrem Debüt »Sommerhaus, später« (1998) wurde eine außerordentliche Resonanz zuteil. 2003 folgte der Erzählungsband »Nichts als Gespenster«. Einzelne dieser Geschichten wurden 2007 für das Kino verfilmt. 2009 erschien »Alice«, fünf Erzählungen, die international gefeiert wurden. 2014 veröffentlichte Judith Hermann ihren ersten Roman, »Aller Liebe Anfang«. 2016 folgten die Erzählungen »Lettipark«, die mit dem dänischen Blixen-Preis für Kurzgeschichten ausgezeichnet wurden. Für ihr Werk wurde Judith Hermann mit zahlreichen Preisen geehrt, darunter dem Kleist-Preis und dem Friedrich-Hölderlin-Preis. Die Autorin lebt und schreibt in Berlin. Im Frühjahr 2021 erscheint der Roman »Daheim«, der für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert wurde.

13:41 30.05.2021
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