Ankündigung eines Mordes

Georges Simenon „Maigret zögert“ entstand 1968. Der Hauptkommissar ist aus der Zeit gefallen, seine Wahrnehmung wirkt nostalgisch; sie registriert Verluste im Spektrum der bourgeoisen
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Das Frühjahr kommt über Nacht. Zur Feier eines schönen Morgens lässt Maigret den Mantel zuhause. Er wählt den Fußweg zum Büro.

Nach langer Grauzeit schimmern die Bäume am Quai des Orfèvres „bereits zartgrün“.

Georges Simenon, Maigret zögert, Roman, aus dem Französischen von Hansjürgen Wille, Barbara Klau und Astrid Roth, Atlantik bei Hoffmann und Campe, 219 Seiten, 12,-

Wieder erscheinen die Schilderungen des Polizeilichen nur als Vorwand, um das Fest des Lebens in einem festen Rahmen zu feiern. Man geht zwar hochgestimmt in die neue Jahreszeit, gibt aber die bürgerliche Zurückhaltung nicht auf. Der Barbar im Kommissar trägt einen „perfekt sitzenden hellgrau melierten Anzug mit feinen roten Nadelstreifen“.

Maigret instruiert seine Untergebenen. Das Machtgefälle tritt deutlich zutage. Ein Maigret macht sich nicht gemein. Er liest der Mannschaft einen Brief vor, in dem ein Mord angekündigt wird. Das Papier ist handgeschöpft, ungeeignet für Schreibmaschinen, der Briefkopf wurde „mit einer scharfen Klinge“ entfernt. Der Verfasser behauptet, als Täter selbst in Frage zu kommen. Seine Worte sind sorgfältig gesetzt; die Handschrift weist wie ein Richtungspfeil auf exzellente Verhältnisse hin.

„Maigret zögert“ entstand 1968, die Figur des Pariser Ermittlers wirkt abgegriffen. Maigret ist längst aus der Zeit gefallen, seine Wahrnehmung ist nostalgisch; sie registriert Verluste im Spektrum der bourgeoisen Ordnung, zu der Maigret sich hin gedient hat.

Er ist ein Aufsteiger am Ende seiner Möglichkeiten. In der Retrospektive gibt sich ihre Bescheidenheit zu erkennen. Sogar Maigrets Kontakte sind antiquiert. Maigret sieht gewaltigen Ärger auf sich zukommen. Der Verfasser ist eine Koryphäe auf dem Gebiet des Seerechts, mit einem Justiztitanen als Vater. Seine Ehe verbindet Émile Parendon mit den höchsten Kreisen Frankreichs.

Zuhause ist er in der Avenue Marigny. Da residiert der Concierge, ein ehemaliger Polizist, der Maigret Chef nennt, in einer mit Samt verkleideten Loge. Er wacht hinter einem „den Jahrhunderten trotzendem“ Portal. In der hochgespannten Zeitdimension äußert sich eine Erwartung des Bauherrn, der als Präsident des Kassationsgerichts den Ruf eines scharfen Hundes pflegte. Gastin de Beaulieu ist lange tot. Zu seinem Erbe gehören jede Menge Büsten und einschüchternde Porträts.

Parendon lebt in den Verhältnissen seiner Frau, einer von vier Töchtern des Präsidenten. Maigret begegnet einem nervösen Wesen in der Gestalt eines fleischigen Gnoms.

Während die Republik von der Studentenrevolte erschüttert wird und de Gaulle sich darauf vorbereitet, ins Exil zu gehen, erzeugt Simenon eine Stimmung wie zuzeiten der Restauration der Bourbonen. Sein Held ergibt sich kleinen Freuden, ergaunert Zeit, beschwindelt seine Frau, errötet und zeigt sich verlegen. Er schrumpft in seiner Darstellung. Maigrets Demontage spiegelt Simenons Desaster. Krisen bestimmen den Alltag. Der Schwung ist weg. Den Autor fesseln die Routinen eines Viel- und Schnellschreibers. Ein aufwändiger Lebensstil fordert seinen Preis.

1968 ist Maigret kein bulliger Bulle und jovialer Schrank mehr

Maigret verkörpert als selbstwirksamer Zeitgenosse das Gegenteil des Monomanen, der ihn erfunden hat. Trotzdem verarbeitet Simenon seiner Niederlagen in der Figur. Er verkleinert sie. Der gedrungen-vierschrötige Repräsentant der Staatsmacht sinkt auf das Niveau eines kleinbürgerlich-bedächtigen Verkehrsteilnehmers. Maigret kippt Pastis an diesem und an jenem Tresen. Die Neugier paart sich mit Wohlwollen in den Betrachtungen der kleinen Leute von Paris. Die Handwerker und Händler erkennen in Maigret einen Garanten ihrer Ordnung, ob sie ihn nun kennen oder nicht.

Eine Sekretärin nimmt er als Mädchen wahr. Die erotische Piraterie seines Schöpfers ist ihm fremd und doch ahnt man Simenons Obsessionen (eine peinliche Gier) in den Kulissen mit ihren Erkern und Vestibüls. Simenon bedient sich ständig eines narrativen Kniffs. Er überzeichnet Maigrets biedere Manier. Er verbessert und dementiert die Suggestion vom Raubtier in der Maske eines jovialen Großvaters/Pfeifenkopfs der Nation wie in einem Atemzug.

Wie gesagt, Maigret ist alt geworden und ein Büttel geblieben. Die Ballsäle der Kapitale sind für ihn nicht zu Schauplätzen glänzender Auftritte/ gesellschaftlicher Erfolge geworden. Übrigens hat er ein Medizinstudium abgebrochen, das war mir entgangen. Wir haben es mit einem Studienabbrecher zu tun, der sich selbst einst deklassierte, indem er zur Polizei ging.

Nun ermittelt er in der Beletage. Er beschäftigt sich mit Ablagen und Klebebändern. Fast sieht es so aus, als ermittele Maigret gegen Briefmarken, Büroklammern und Bindfäden. Er umschleicht einen heißen Brei, beweist Intuition und Geduld. Ab und zu runzelt er die Stirn.

Den angekündigten Mord verhindert Maigret nicht. Simenon stellt die Frage, ob der Hauptkommissar sich nicht nur einen Mangel an Scharfsinn, sondern auch Schuld am Tod von Mademoiselle Vague (die Dame diente Parendon) vorwerfen lassen muss.

07:51 21.07.2019
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