Anrauschende Heckflossenästhetik

Literatur Mit Proust'scher Präzision beschreibt Kerstin Cantz nächtliche Sensationen um 1960 in Amerikas europäischer Puppenstube. Wir nannten sie Bundesrepublik Westdeutschland.
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Was zuvor geschah

„Die Bremslichter in den Heckflossen einer lang gestreckten Limousine glommen wie die schräg stehenden Augen eines Raubtiers.“ Das beschreibt sehr schön eine nächtliche Sensation in Amerikas europäischer Puppenstube. Wir nannten sie Bundesrepublik Westdeutschland.

Die anrauschende Heckflossenästhetik affiziert Kommissarin Elke Zeisig am 22. November 1963; dem Tag des Kennedy-Attentats. Ein anonymer Hinweis führt sie in eine amerikanische Siedlung.

Der Roman fängt gut an. Ältere sind sofort im Bild. Ein für die smarten Sieger:innen aus dem Boden gestampftes Quartier entfaltet den Charme der Suprematie an jeder Ecke. Die an sich in allem firme und weitläufig ortskundige Ermittlerin verfranzt sich erst einmal. Eine freundliche Besatzergattin lotst Zeisig zu der richtigen Adresse.

„Die Siedlung war ... nach amerikanischem Vorbild angelegt worden. In dem schachbrettartigen Grundriss diente die Nummerierung der Wohngebäude zur Orientierung.“

Die Frau eines hohen Offiziers soll ihr Pflegekind zumindest vernachlässigen. Im Haus der angezeigten Loretta Williams erfährt Zeisig:

„Kennedy has been shot.“

Kerstin Cantz, „Fräulein Zeisig und der amerikanische Freund“, Roman, Knaur, 10,99,-

Der Roman saugt mich an. Kerstin Cantz trifft die Blue Notes der Sechziger. Ich schiebe ein Lied ein, das als Soundtrack funktioniert.

Eingebetteter Medieninhalt

So geht es weiter

„Die Stunde Null*“ liegt achtzehn Jahre zurück. Das strikte Regime der Adenauer-Ära bestimmt die Verhältnisse. Die ledige Beamtin Zeisig firmiert offiziell als Fräulein und wohnt zur Untermiete bei der Witwe Mauser.

Ihr Bruder Volker entzieht sich der Wehrpflicht in Berlin.

Die Wiederbewaffnung wurde parlamentarisch durchgepeitscht, da sie im Interesse unserer großen Freund:innen liegt. Die wirtschaftswunderbare Gemütlichkeit hält man besser für ein zartes Pflänzchen. Sowohl die Amerikaner:innen als auch die Sowjet:innen liebäugeln mit taktischen Atomwaffen. Zu gern überschlügen sie im Feld die Kosten eines begrenzten Atomkriegs. Im Weiteren gilt die Logik: Wer zuerst schießt, stirbt als Zweiter.

Es herrscht die MAD-Doktrin - Mutually Assured Destruction aka verrückt (mad). Das Gleichgewicht des Schreckens erscheint erschreckend instabil.

*Der Lieblingseuphemismus von Millionen.

*

Hauptkommissar Manschreck kommt ins Spiel. Der Leiter der Münchner Mordkommission untersucht einen schweren Angriff auf einen Schwarzen GI. Das Opfer einer Messerattacke überlebte knapp im Cool Club - einer Kellerbar von aufreizender Schäbigkeit.

*

Staubgrauer Besuchsansporn

Amerikanische Clubs und ein toter GI - Münchens erste Mordermittlerin löst ihren zweiten Fall. Ein heikler Auftrag führt Kommissarin Elke Zeisig 1963 zum Perlacher Forst.
*

Zeisigs Mutter trat ihren staubgrauen Volkswagen mit der Erwartung ab, so einen Besuchsansporn im Alltag ihrer Tochter zu platzieren. Doch Elke wird von ihren Aufklärungsaufgaben förmlich verschluckt.

Franziska Sailer als Erika Ode

Bericht erstattet Zeisig Hauptkommissarin Franziska Sailer, die weniger raucht als einst Erik Ode nicht nur als Herbert Keller zu rauchen beliebte, unser aller Kommissar, wenn man sechzig ist. Die Beamtinnen gehören zur WKP. Wikipedia weiß: „Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die WKP in den drei westlichen Besatzungszonen ... beibehalten. Einstellungsvoraussetzung ... war eine vorherige Ausbildung in einem sozialen Beruf.“

Aus der Pressemitteilung

Zweiter Fall für Fräulein Zeisig: Münchens erste Kriminalkommissarin auf Spurensuche im Perlacher Forst

...

Während Elke immer tiefer in die isolierte Parallelwelt der Soldatenfrauen eintaucht, wird in einer Schwabinger Wohnung ein afroamerikanischer GI erstochen. Steckt Rassismus dahinter? War der Tote in die Drogengeschäfte eines bekannten Jazz-Clubs verwickelt? Und was verheimlichen die Soldatenfrauen? Bei ihren Ermittlungen mit Hauptkommissar Manschreck blickt Münchens erste Mordermittlerin in menschliche Abgründe, die sie an ihre Grenzen bringen.

Auch in Band 2 ihrer facettenreichen Krimi-Reihe versteht es Kerstin Cantz, einen außergewöhnlichen Schauplatz in München der 60er Jahre zu schaffen. Zu einer Zeit, als Frauen im polizeilichen Dienst noch keineswegs selbstverständlich waren, lässt die Münchner Autorin Fräulein Zeisig in einer von Männern dominierten Welt ermitteln. Zeitgleich gibt sie gekonnt und detailreich das deutsch-amerikanische Leben in München und damit ein Stück deutscher Zeitgeschichte wider.

Zur Autorin

Kerstin Cantz, geboren in Potsdam, wuchs im Ruhrgebiet auf. Nach dem Publizistik-Studium arbeitete sie als freie Journalistin, war Redakteurin bei einem privaten Fernsehsender und ist heute Drehbuch- und Romanautorin. Ihr erster Roman "Die Hebamme" wurde auf Anhieb ein großer Erfolg. Kerstin Cantz lebt in München.

13:37 26.06.2021
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