Apachenland

Texas Ranger Da im Knick vor der Auensenke ergab sich zu Beginn des 19. Jahrhunderts eine fruchtbare Nachbarschaft. Auf der einen Seite siedelte Bull Calloun, der nach tausend ...
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Bull Calloun (1771–1812) war ein Ire aus Belfast, der lange vor dem großen Exodus sein Stück vom amerikanischen Kuchen abschnitt. Auf eigene Rechnung fing er Mustangs in Spanish Texas. Er kannte sich in einem Gebiet aus, dass man das unbekannte so wie das verbotene Land nannte. 1803 errichtete er westlich von Nacogdoches ein Fort. Für Bull Calloun war Texas ein leerer Raum.

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In alten Texas Aufzeichnungen findet man neben der englischen Form oft die spanische Übersetzung eines Namens. Peter Brown alias Pedro Moreno. Leicht konnte es passieren, dass einer, der als Peter Braun in die gewiss kurze Geburtsliste von Fort Tallahatchie, Mississippi, eingetragen wurde, zwanzig Jahre später als Pedro Moreno in Veracruz beerdigt wurde.

Fort Tallahatchie war ein arkadischer Stützpunkt im Nirgendwo, der im 19. Jahrhundert aufgegeben wurde. Er stand da, wo der Tallahatchie mit dem Yalobusha zum Yazoo River wird.

Oft hatte jemand Peter-Pedro knapp vor dem Tod ein Vermögen in Aussicht gestellt. In einer Welt ohne Pensionsansprüche und Krankenkassen war es äußerst wichtig, auf eine Goldader zu stoßen, gleich wie gefährlich die Anfahrt sein würde.

Wer schon etwas hatte, so wie der Calloun-Going Klan im Landkreis von Natchitoches am Angelina River, hielt daran fest. Immer wieder kommt die Frage, mit welcher Motivation und Mentalität angloamerikanische Siedler sich im Apachenland von Spanish Texas eingruben und auslebten. Die Schönheit der Landschaften spielte eine Rolle. Die Natur gehört zum Unterhaltungsprogramm der Menschheit. Ein Jäger fühlt sich nirgendwo wohler als in der Savanne und in lichten Wäldern.

Biologische Invasion

Da im Knick vor der Auensenke ergab sich zu Beginn des 19. Jahrhunderts eine fruchtbare Nachbarschaft. Auf der einen Seite siedelte Bull Calloun, der nach tausend Aufbrüchen und Abstechern seinen Platz im Leben in Osttexas gefunden hatte. Er fing Mustangs und ließ sie nach Französisch-Louisiana treiben, wo sie ihm gutes Geld brachten, sofern alles glatt lief. Die Pferde lebten genauso invasiv wie ihre Fänger. Ihre Vorfahren waren die Streitrösser der Konquistadoren gewesen. Ihr Temperament und das Exterieur passten perfekt in die Gegend.

Bull Calloun baute ein Fort und gab ihm seinen Namen. Hinter den Palisaden trotzte er spanischen Regierungstruppen, mexikanischen Banditen und nativen Milizen. Es wäre überall einfacher gewesen, am Leben zu bleiben, als in der ewig heißen Zone …

Mit der Guerilla des mexikanischen Unabhängigkeitskrieges (1811 – 1821) musste sich Bull Calloun nicht mehr arrangieren. Er starb 1812.

Er kämpfte gegen alle ohne Ansehen der Person, erklärte Rutherford Calloun in einem Interview mit der New-York Daily Times 1852. Er sprach als einziger lebender Nachkomme aus einer Masse von zwei Töchtern und vier Söhnen, die alle dem angloamerikanischen Projekt hätten dienen können. Rutherford Calloun verschwieg den auf Abwegen entstandenen Nachwuchs; Zufallsprodukte, die sich darauf beriefen, von einem bedeutenden Mann gezeugt worden zu sein; dessen Name bis zum Schluss nicht hispanisiert worden war. Sie hatten natürlich alle den Farbfehler, so nannte man das in einer Gesellschaft, die rote von schwarzen Niggern unterschied.

Rutherford Calloun verschwieg ferner, dass sein Vater Bigamist gewesen war. Der nie zur Schule gegangene Belfast-Ire Bull Calloun hatte in New Orleans im Dezember 1802 die privat unterrichtete Tochter eines hochgeborenen französischen Plantagenbarons in gesegnetem Zustand geheiratet und sich bald nach der Geburt seiner Tochter in den Sattel geschwungen, um an der Spitze einer Filibuster Expedition illegal die Grenze zu Spanish Texas zu überschreiten. Am Angelina River hatte er nahe Natchitoches ein paar Koppeln eingerichtet und sich dann daran gemacht, die Pferche mit wilden Pferden zu füllen. Neuenglische Sklavenhalter nahmen ein Randgebiet der Calloun’schen Expansion in Besitz. Es handelte sich um die damals dreiköpfige Familie Going. Sie bestand aus dem Ehepaar John Wayne und Janis Lucrezia Going, geborene Hellfire Rogers, so wie die geschlechtsreife Elisabeth. Die Eltern willigten in eine Hochzeit ein, als Bull Calloun um die Hand der Tochter anhielt. Alles andere wäre Verschwendung gewesen. Eine Tochter und zwei Söhne kamen zur Welt. Sie starben oder verschwanden, bevor John Wayne Junior geboren wurde. Bei einem Apachen Überfall fielen zeitgleich John Wayne Senior und Elisabeth Calloun. Janis Lucrezia war eine schwangere Witwe. Sie entband einen Knaben, den sie nach einem Trost ihrer Kindheit Porter nannte. Kiowas entführten das Kind, kaum dass es laufen konnte.

Porter wurde zu einem furchtbaren Feind der Weißen. Als Krieger nannte er sich Xóqáudáuhága. Eines Tages nahm Rutherford Calloun die Verfolgung auf und erschoss den Halbbruder in der Prärie, um ihn von seinem Blutdurst zu kurieren.

Rutherford war das einzige gemeinsame Kind von Janis Lucrezia und Bull Calloun. Sein Geburtsjahr entsprach dem Todesjahr des Vaters. John Wayne Junior besetzte für ihn die Vaterrolle. Der ältere Bruder wirtschaftete mit der gemeinsamen Mutter und spielte den Mann im Haus, ungeachtet der Männer, die zu Bull Collouns Mannschaft gehörten, und der Sklaven in der Going’schen Landwirtschaft. Aus den mexikanischen, nordamerikanischen und halbblütigen Tejanons, die unter Bull Calloun Mustanger gewesen waren, wurden Vaqueros. Die Sklaven blieben Sklaven.

Sobald Rutherford Calloun vertragsfähig war, bot ihm John Wayne Going Junior die Rückgabe von Fort Calloun an. Rutherford Calloun nahm sich zwei Tage frei. Er ritt zu seinem Lieblingsplatz (seit 1882 wächst da die Stadt Lufkin) und ging in sich. Zum ersten Mal fiel ihm ein, dass er keine Vorstellung von seinem Vater hatte. Die Bewunderung der Zeitgenossen verstellte seinen Blick …

Er hatte eine Mutter, die nicht mehr richtig tickte. Er hatte diesen Vaterbruderonkel, der nie das große Wort führte, seine Sklaven wie weiße Arbeiter behandelte, familiär mit Natives umging, ohne Zorn kämpfte, und am liebsten allein ritt …

Nach seiner Rückkehr holte Rutherford Calloun den Balken, dem 1803 Fort Calloun eingebrannt worden war, aus einem Schuppen. Das Holz verkündete den Anspruch eines Mannes, der bis zu seinem Tod großartig geblieben war. Rutherford Calloun ließ das Artefakt gut sichtbar anbringen …

Er schlenderte über Saumwege zum Going’schen Herrenhaus. John Wayne Junior spielte Gitarre auf der Veranda. Er begleitete eine Stimme, die zur Gottesfurcht aufrief. Der Sänger hieß Elias Lockwood. Er kam aus dem Delta. Sogar in Texas ließ man nur das Mississippi Delta ohne Lokalisierung als das Delta gelten. Lookwoods nachkommende Verwandtschaft lebt in Tutwiler, Tallahatchie County. Einer der Elias Lookwood nachkam, war der Mundharmonikaspieler Alex Miller. Hören wir Alex Miller als Little Walter:

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An diesem Abend erklärte Rutherford Colloun seinem letzten noch lebenden Halbbruder, dass er Fort Calloun allein befehligen wolle. Bald darauf starb Janis Lucrezia Calloun, verwitwete Going, geborene Hellfire Rogers, einen gemütlichen Tod unter freiem Himmel. Sie liebte es, die Wolken ziehen zu sehen, den Angelina River zu hören, das osttexanische Gras zu riechen. Es roch in ihrer Nase besser als jedes andere Gras auf dieser Welt …

Rutherford Calloun bewährte sich in der Texas Revolution von 1835/36. Danach trat er in das zweite Glied zurück. Nie strebte er ein Amt an. Für ihn bedeutete Dignität, allein zu sein in der Natur. Er züchtete Rinder, ging auf die Jagd und angelte. Bei Feldzügen gegen die Erste Nation unternahm er sparsam das Nötigste.

Rutherford Calloun war in einem Zustand andauernder Bedrohung aufgewachsen. Den nachlassenden Druck erlebte er als Erleichterung …

Er heiratete spät und machte die Witwe eines verdienten Mannes zu seiner Frau. Von Liebe konnte nicht die Rede sein. Manchmal dachte Rutherford Calloun, dass nach einem Mann wie seinem Vater nicht mehr viel kommen konnte. Das Leben brauchte eine Pause, musste Luft holen. Trotzdem wurde Rutherford Calloun noch zweimal Vater im ehelichen Verkehr und wenigstens einmal im Stall.

Flucht aus Acapulco

Evangeline Gerrish Going und Corbbet Joe Leland kamen Rutherford Calloun und John Wayne Going nach nicht zuletzt als späten Erben einer Familiengeschichte, die den texanischen Gründungsmythos übertraf. Als Stephen Fuller Austin seine ersten angloamerikanischen Kolonisten nach Texas brachte, waren die Goings und Callouns schon zwanzig Jahre im Land. Sie hatten ihre Positionen gewahrt. Sie wussten, dass es keine persönliche Freiheit ohne Risiko gibt.

Ich traf Evangeline und Leland gelegentlich in Lucie Mills Café – einem Schauplatz zwangloser Zusammenkünfte und Aufläufe. Die Alten tratschten lakonisch. Alle waren unglaublich selbstbewusst und freundlich …

Leland war mit Naomi DeWitt zusammen, die sich eine Verwandtschaft mit dem Impresario Green DeWitt einbildete, der zu Fuller Austins Zeiten aktiv gewesen war. Im Vergleich mit Bull & Rutherford Calloun und John Wayne Going Junior war Green ein stupider unheroischer Typ gewesen. Deshalb war ich elektrisiert, als ich in einem alten Schuhkarton die Memoiren eines Mortimer DeWitt entdeckte. Das waren zwölf maschinenschriftlich abgefasste Seiten, die als Kopie eines ursprünglich handschriftlichen Konvoluts ausgewiesen wurden. Ein sehr ordentlicher Mensch namens Fenimore Byrd Coldheart hatte die Deklaration angebracht, zur Untermauerung der eigenen Glaubwürdigkeit. Coldheart wollte seine Abschrift als treuhänderische Leistung verstanden wissen.

Ich überspringe Einzelheiten …

Mortimer DeWitt begegnete uns als Mortimer Slash. Wir werden ihm auch noch als Mortimer Coldheart und Mortimer Chinguacousy DeWitt begegnen. In seiner Biografie behauptet er, im Geleit von Bull Calloun als Mustanger 1803 nach Texas gekommen zu sein, mit der Absicht zu bleiben; allen Widrigkeiten zum Trotz.

Mortimers Selbstdarstellung zeigt einen Desperado im Tejano Stil. Zugleich betont Mortimer, keinen Farbfehler zu haben. Er bezeichnet sich als Vorarbeiter und Vertrauensmann von Bull Calloun. Im August 1805 schickt ihn der Boss mit vier Männern und zweihundert Pferden zu einem Treffen auf dem Neutral Strip zwischen Spanisch Texas und Louisiana. Kurz vor der entmilitarisierten Zone stoppt eine spanisch-mexikanische Streife die Tejano Bande. Es folgt ein Schusswechsel, die Sache scheint rasch entschieden. Mortimer hat zwei Männer verloren, aber immer noch die Kontrolle über die Herde, als mexikanische Dragoner ihre in die Flucht getriebenen Leute zu einer Kehrtwendung ermutigen und die Mustanger überwältigen. Mortimer wird in Ketten gelegt und dreißig Tage auf einem Kasernenhof liegengelassen. Man wendet lediglich den Tod ab. So geschwächt, dass ihn nichts mehr interessiert, gelangt Mortimer auf einer Ladefläche nach Chihuahua, wo er sich frei bewegen kann.

Der Bischofssitz Chihuahua liegt in einer Wüste, an Flucht ist nicht zu denken. Mortimer interpretiert seinen Aufenthalt als Verbannung. Er beginnt zu schreiben. Zugleich bemüht er sich um eine geldwerte Beschäftigung. Er baut eine Pulvermühle und gibt den Rausschmeißer in einer Cantina, in der sich wie von Quentin Tarantino in Szene gesetzte Ereignisse zutragen.

Naomi DeWitt drückte die Brust raus, um ihre Silhouette zu exponieren

Nach sieben Jahren halbwegs ungezwungener Lebensführung befiehlt ihm der Ortskommandant, sich freiwillig den Royalisten im Kampf gegen José María Morelos y Pavón anzuschließen. Mortimer nimmt an der Belagerung von Morelos in Acapulco teil. Er desertiert bei erster Gelegenheit, läuft über und betreibt effektiv Morelos‘ Flucht aus Acapulco.

Mortimer rises in rank and favor bis zu einem Vertrauten des Revolutionsführers Morelos. Morelos schickt ihn in die Vereinigten Staaten, um da für die gute Sache zu werben. Er konferiert mit Andrew Jackson, einem künftigen US-Präsidenten, und mit brandigen Scheusalen, die in Hausbooten auf dem Mississippi leben. Die US-Amerikaner sind damit beschäftigt, den Briten zum letzten Mal Einhalt zu gebieten. Mortimer hilft in der Schlacht von New Orleans.

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Unterstützer für die mexikanische Revolution gewinnt er nicht. Stattdessen ergibt sich eine Hochzeit, der Bräutigam erscheint als Mortimer Coldheart DeWitt. Wie er zu dem Namen gekommen ist, bleibt sein Geheimnis. Magdalena Angelina Petra DeWitt begleitet ihren Mann 1815 nach Mexiko, wo der gescheiterte Emissär vom Tod seines Gönners erfährt. Mortimer entzieht sich weiteren Revolutionsverpflichtungen nach Abgabe eines hohen Betrags an Morelos Sohn Juan Almonte. Mit erschlaffter Leidenschaft und doch nicht untätig erwartet er das Ende des Unabhängigkeitskrieges in Nacogdoches. Er siedelt an der alten San Antonio Road und gehört zur Nachbarschaft des Going-Calloun Kartells, das jederzeit dreihundert Männer mobilisieren kann und als Miniarmee durch den Krieg rutscht. John Wayne Going Junior begrüßt den Gefährten von Bull Calloun als Verbündeten im mexikanischen Texas. Rutherford Calloun ist noch zu jung, um die Tragweite der Systemerweiterung zu begreifen.

Das erzählte ich Naomi DeWitt in Lucies Café: Du bist eine DeWitt der Mortimer Coldheart Linie. Deine Leute waren schon in Nacogdoches, als Green DeWitt noch gar nicht wusste, wo das liegt.

Naomi zeigte vorsichtig ihre Skepsis. Als Gesprächspartner ihres Vaters genoss ich die Achtung der Tochter. Sie empfand ihre Wissenslücken als Schmach und ihre Attraktivität als Blendwerk. Trotzdem drückte sie die Brust raus, um ihre Silhouette zu exponieren. In ihrer Umgebung verdienten sich Frauen von jeher einen goldenen Käfig mit Haltung. Vermutlich hatte man Naomi deutlich zu verstehen gegeben, was von ihr erwartet wurde.

Morgen mehr.

07:55 12.03.2018
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