Arrogante Armut

#DailyStorytelling Bilder als Leihgaben - Rent a piss pic für den Preis eines Mittagessens im Stehen
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Auf dem Weg von der Bockenheim Süd über die Startbahn West bis ins Nordend geriet vieles in Vergessenheit. Eine vergreiste Generation, angefeindet als Babyboomer:innen, betrachtet sich auf einem Abtritt der Bedeutungslosigkeit und lobt sich da für ihr schlechtes Gedächtnis. Ich will auch nur an eine Sache erinnern, bevor ich sie wieder vergesse. Als in den Achtzigerjahren unter Städelschüler:innen die Idee aufkam, Bilder originell als kommerzielle Leihgaben zu vermarkten, brach beinah über Nacht ein Nachfragesturm aus. Nachdem das letzte Schüler:innengemälde in den Leasing-Kreislauf eingespeist worden war, und wir, die wir ohne Ausnahme prekär gestartet waren, zum ersten Mal das Gefühl kennenlernten, Geld zu verlieren, bloß weil uns jener Murks ausgegangen war, der Jahrzehnte keine(n) interessiert hatte, kam Goya eines Nachts im Sachsenhäuser Schwarzmarkt auf die brillante Idee, eine Serie von Piss Pics im Handumdrehen zu produzieren. Die Urinmuster kamen ungeheuer gut an.

Im Per aspera ad astra Präsens

Im zweiten Jahrhundert unserer Zeitrechnung war Pescennius Niger Statthalter der römischen Provinz Syria. Er residierte in Antiochia (heute Antakya) am Orontes. Tausend Jahre später ging der Fluss in fränkische Annalen als Pharphar ein. Kreuzfahrer erklärten Antiochia zum Fürstentum und machten es zum Zankapfel in einem Streit mit Byzanz.

Pescennius Niger strebte nach dem höchsten Amt. Sein Ehrgeiz maß sich am Machtwillen des Libyers Septimius Severus in Österreich und des Tunesiers Clodius Albinus in England. Er schied dann im Kampf um den Augustustitel aus. Der Sieger verhängte über Pescennius Niger den absoluten Ansehensverlust der Damnatio memoriae. Pescennius Niger war, was bis heute keiner sein sollte: ungeschickt in seinem Metier als Heerführer. Der überlegene Gegenspieler, Septimius Severus, bestimmte die Syrerin Julia Domna zur Mutter von zwei Kaisern. Marcus Aurelius Severus Antoninus, berüchtigt als Caracalla, und Publius Septimius Geta lieferten dem Themenkreis des Brudermords ein merkwürdiges Beispiel. Caracalla zwang Julia der Ermordung ihres schwachen Sohnes beizuwohnen. Geschichtsschreibern gefiel es, die Sache samenhöllisch bis zum Inzest im Blutbad breit zu wälzen, während Getas Anhänger:innen der Tod in den Straßen erwartete. Man ließ sich besser nicht gefangen nehmen. Lebende Verlierer:innen wurden allmählich von ihren Geschlechtsteilen getrennt. Das qualvolle Verenden vollzog sich auf Märkten ohne Pietät. Deponien schlossen die, wüsten Schwärmen ausgesetzten Plätze ein. Jede offene Wunde geriet sofort in einen Belagerungszustand. Ratten verwesten an den Stränden offener Kanäle. Flöhe sonnten sich auf ihren Plantagen. Die Müllabfuhr war noch nicht erfunden. Man buk Abfall in Kalk. Die städtischen Kohorten konspirierten in ihrer Kaserne am Stadtrand. Nachtwächter legten Brände und spielten Feuerwehr. Fuhrleute streikten. Schwangerschaften ergaben sich auf den Wegen zu Latrinen und Märkten.

Goya schwelt in dem antiken Dreck. Er nennt die Römer:innen Blutsauger:innen auf dem Balkon seiner Eigentumswohnung, wo er seinem nächsten Nachbarn, dem unsportlichen Horst, die vernichtenden Wirkungen der Damnatio memoriae gründlich auseinandersetzt, angestoßen von einer Bemerkung zu Boris Beckers unfeierlichem Karriereende.

Wohlstand erzwingt Vorstellungen von Reichtum. Er verlangt einen banausischen Lebensstil. Horst sieht alsBildermarktführerliegengebliebene Bildzeitungen mit anderen Augen durch als in der arroganten Armut des selbst Malenden vor vierzehn Jahren. Damals gewann ein Siebzehnjähriger das weltweit prestigeträchtigste Tennisturnier. Becker war der erste ungesetzte, der erste deutsche und der jüngste Wimbledonsieger. Jetzt ist er am Ende - und Horst steht im Zenit seines albernen Erfolgs. Horsts Frau Sina bestätigt mit gleichermaßen kosendem und klagendem Gezwitscher eine starke Verbundenheit. Der Kopf glüht noch vom Vollbad (nach den Richtlinien eines häuslichen Sonntags). Das Haar riecht nach Pflege. Sina prüft es fingerfertig auf Spliss, während sie Goya studiert. War nur ein Kaschemmenspaß zuerst, sich auszumalen, wie es wäre, die eigenen Bilder und die der anderen Phantast:innen als Leihgaben anzubieten. Rent a piss pic zum Zweck der Abwechslung für kleines Geld. Für den Preis eines Mittagessens im Stehen. Was sollte da schiefgehen? Der Strauß auf dem Tresen der Anmeldung war mit Lieferservice teurer als das Mietwerk einer Städelschülerin, von der man gehört haben konnte. Die Entflechtung von Kunst und Investition brachte das Geschäft in Gang. Foyerwände werteten die Bilder auf. Die Renommierräume funktionierten wie Galerien. Agenturkund:innen wurden zu Kunstkäufer:innn. Damit hatte das Sachsenhäuser Schnepfenpaar Sina & Horst nicht gerechnet. Nun nistet es im Nordend. Tranig bewegt es sich auf seine Beschleunigungsgrenze zu. Für den einunddreißigjährigen Supermann Becker ist aber Schluss, nach seinem Ausscheiden im Achtelfinale (in Wimbledon) gegen den Australier Patrick Rafter. Wie kann das sein?

14:25 16.08.2021
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