Arzt & Autor

Tarek Dzinaj Das ist Migrationsalltag: ein Spagat zwischen Wasserlos in Unterfranken und Istanbul am Bosporus. Die Nachbarn kennen so viel Welt aus dem Fernseher.
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Ein Albaner aus Mazedonien studiert in Zagreb Medizin. Er heiratet, wird als Student Vater. Die Ehe scheitert, das Kind nimmt er mit nach Istanbul. Da überfällt Tarek Dzinaj eine Kinderlähmung. Die Katastrophe bringt seine Eltern wieder zusammen, die Familie siedelt auf einer Landzunge im Spessart. Das ist Migrationsalltag: ein Spagat zwischen Wasserlos in Unterfranken und Istanbul am Bosporus. Die Nachbarn kennen so viel Welt aus dem Fernseher.

Entwurzelung ist das rentabelste Sujet der Migration

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Tarek Dzinaj ist Arzt und Autor. Er spricht von „Impfversagen“, um zu erklären, was er mit sich herumschleppt. Lustvoll beschwört er finstere Details. - Die Freude des Fachmanns am Einfallsreichtum der Krankheiten. Tarek zitiert den Kollegen Döblin in der Steinheimer Vorstadt. Wir sitzen unter einer Pergola vor einem Lokal am Fuß des Kirchturms. Eine Kellnerin fühlt sich von unseren Übertreibungen der hessischen Lebensart auf den Arm genommen. Da gerieren sich welche. Die Wirtin tritt dramatisch an die Pforte ihres Reiches, um uns in Augenschein zu nehmen. Gute Nacht, Europa: lese ich in ihren Augen. Ich registriere bei Tarek ein Repertoire, das ich kenne. Man setzt sich die Maske der Bonhomie auf, während man innerlich durchlädt.

Tarek hat gerade einen Roman mit dem aufreizenden Titel Müde veröffentlicht. Der Titel spielt mit geläufigen Bedeutungen. Tarek findet „das Leben anstrengend.“ Er fährt einen Maserati Ghibli, Baujahr 1996. Das Coupé besitzt einen enormen Schauwert. Kinder laufen zusammen, wo immer Tarek einparkt. Wir sind uns einmal in Leipzig begegnet, zufällig an einem Messeabend. Ich war mit Lara unterwegs, sie hat in Leipzig studiert und ihren ersten Mann kennengelernt, sie wollte noch in eine Südstadtkneipe von früher. Unterwegs sammelte uns Tarek ein. Lara kroch in einen Hohlraum hinter den Sitzen, ich fühlte mich von Tareks Bedürfnis nach vertrauten Gesichtern überrumpelt. Im Lokal herrschte depressive Heiterkeit. Die Phalanx bestand aus Randale-Veteranen, aufgeschwemmten, ungemein hässlich alternden Glatzen. Das Finsterste vom Üblen. Rassisten, Faschisten, Sadisten.

Tarek und ich waren in Gefahr.

Lara erkannte das und hatte es wohl vorausgesehen. Ich glaube, sie erwartete, das Ende meiner Arroganz nun live mitzuerleben.

Sie hasste mich gewisser als sie mich liebte. Ich war der Westmann, der an sich nie das Vergnügen mit ihr haben sollte. Ich war der Kanake, den ihre in einem Muldetal verbreitete Verwandtschaft fürchtete und verachtete. Lara hätte mich nie mit zu ihren Eltern auf den Hof genommen.

Lara betrog mit mir ihren Mann. Das machte mich nicht nur zu seinem Feind. Obwohl es Arrangements gab. Lara ging unter Aufsicht fremd. Manchmal wechselte sie in Stunden von einem Mann zum anderen.

Ich war der Feind, den Lara begehrte. Ihre Ladungen sprengten das westdeutsche Geschäftsmodell und meine Souveränität.

Tarek suchte sofort den Schulterschluss, nie werde ich seine gefasste Entschlossenheit vergessen. Er kreuzte die Arme, ein kleiner Mann, der mit achtzehn schon kahl gewesen war und vom Stemmeisen bis zur Maschinenpistole alles eingesetzt hätte, um sich zu behaupten.

Du bist doch eine Ostdame“, sagte die Bedienung zu Lara. „Das kannste gar nicht verleugnen.“

Gekonnt brachte sie ihre Stammgäste gegen uns auf. Die Verehrer spielten Dart und zwar so, dass ich keine Lust hatte, an ihnen vorbei aufs Klo zu gehen. Sie waren schon angefressen, standen aber noch auf Schläuchen.

„Mach kein braunes Baby“, bat die Bedienung. „Guck dich um, ist doch alles da und dran an unseren Sachsen. Wozu brauchst du denn die Nigger?“

Lass uns abrücken“, sagte Tarek. In diesem Augenblick standen wir uns näher als Lara und ich je. So wirkt Erfahrung. Ist alles eine Frage der Haut(farbe), sagt Heiner Müller.

Wir waren die Nigger. Jeder Typ, der hier im Unterhemd gut angezogen war, fühlte sich uns mit seiner Volksschule im Kopf überlegen, weil er ein weißer Deutscher war. Einige Weiße wechselten von der Fußmatte vor der Wurfscheibe zum Billardtisch. Sie spitzten die Queues. Ich kannte das Programm. Tarek kannte es auch.

17:36 06.07.2018
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