Asche und Nebel

Tafafa Fajr geht in einem von Asche und Nebel getrübten Alltag unvermutet heiter ihrer Wege
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1918 wird Knattspyrnufélagið Fram zum sechsten Mal in Folge isländischer Meister. In der öffentlichen Wahrnehmung wiegt der Sieg schwerer als das Ende des ersten Weltkriegs. Zeitgleich konstituiert sich Island als Königreich im Geist von Ingólfur Arnarson, der zur Hochzeit der Wikinger Reykjavík gründete. Eine Pandemie erfasst die Insel im härtesten Winter aller Zeiten. Die Spanische Grippe bricht alle Rekorde. Vulkan Katla meint, da geht aber noch was, und bricht aus dem Gletscherschild des Mýrdalsjökull. In einem von Asche und Nebel getrübten, doch keineswegs trübsinnigen Alltag geht die schlagartig verwaiste Tafafa Fajr* ihrer Wege. Tafafa wohnt auf Seltjarnarnes allein nun im Elternhaus.

Tafafas Familienname steht in Haukr Erlendssons Hauksbók, das eine Liste der norwegischen Kolonist:innen im Gefolge von Ingólfur Arnarson überliefert. Siehe Landnámabók. Tafafas landnehmende Ahnen stellten durch Jahrhunderte den Lögsögumaður. Dessen Aufgabe bestand darin, Gesetzestexte zu deklamieren. Sein Vortragsort war der Lögberg in einer Lavafeldspalte namens Almannagjá. Das erkaltete Eruptionsprodukt stammt aus dem Skjaldbreiður.

Die Grippeernte schafft man auf Karren fort. Das große Sterben berührt Tafafa nicht. Etwa trennt sie von allem und so auch von ihrem Schmerz. Sie wird zu Seuchenspanndiensten herangezogen. Heimlich heiter räumt sie Leichen ab. Tafafa vereinsamt in stoischer Ruhe.

Die Siedler:innen der zweiten und dritten Einwanderungswelle bauten witterungsunbeständige Torfburgen mit Sodendächern. Jedes Treibholz setzten sie ein. Ab dem 17. Jahrhundert importierten sie aus Fertighäuser aus Norwegen. Wir hatten das Thema schon einmal.

In Island wurden im Rodungsfuror der norwegischen Landnahme Wälder vernichtet.

„Aber nicht nur die schlechten Wachstumsbedingungen ... sind für die geringe Waldverbreitung in Island verantwortlich. Island wurde ab 874 n. Chr. ... besiedelt. Vor der Besiedelung galten 40% der Landesfläche als bewaldet. Die starke Entwaldung ist eine direkte Folge der Besiedlung.“ Quelle

Also musste man sich schon im Mittelalter sonst wo mit Bauholz eindecken.

Zwei Isländer, der eine jung, der andere alt, wenigstens gemessen am Epochenmaßstab, doch jeder für sich in seinem Zenit stehend, fahren in die Heimat ihrer Vorfahren, um da „Bauholz zu kaufen“. So beginnt ein vor über hundert Jahres erstmals veröffentlichter Roman von Sigrid Undset. Zwei historische Marken stehen wie denkmalgeschützte Torwächter vor den Spielräumen der Nordmänner.

Sigrid Undset, „Viga-Ljot und Vigdis“, Roman, aus dem Norwegischen von Gabriele Haefs, Hoffmann und Campe, 188 Seiten, 24,-

Erstens erscheint der in einem Satz abgehandelte Fernverkehr zwischen Island und Norwegen selbstverständlich, wenn auch nicht selbstverständlich im Sinn einer sicheren Angelegenheit. Undsets Schilderung evoziert die Vorstellung von einer skandinavischen Reisefreiheit im großen Stil. Die Freiheit war ohne Risikobereitschaft nicht zu haben. Raub, Mord und Entführung liegen auf einer Linie des Alltäglichen in Undsets Saga-förmig abgefasstem Werk.

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Tafafa beobachtet das Paradox beweglicher Erstarrung in ihrem Milieu. Nachbar:innen geben ihr das Bild vom versteinerten Speck ein. Siebzig Jahre später untersucht Tafafas UrenkelinTráthnóna Keşki in der mongolischen Volksrepublik die Übergänge zwischen ursprünglicher und spätsowjetischer Lebensart.

Ob Präriepräambel oder Politbürodirektive: Tráthnóna erscheint es so, als ergäbe sich aus dem Unterschied der Herrschaftsbegründung keine interessante soziologische Melodie. Die Marken des erodierenden Imperiums präsentieren sich in gigantischen Hohlformen und Eternit-Gravrøys. Tráthnóna betreibt Architekturarchäologie und bestimmt die älteren Schichten.

An ruralen Rändern gigantomanischer Trostlosigkeit brettern verwegen legere Cowboys auf Mopeds zum Naadamfest. Nach dem Reiten gehts zum Khuresh.

Grau und verstaubt gleicht Sama Almasa einem geräumten Heerlager. Skelettierte Silos. Rauchende Bauschutthalden. Das Halbfertige und vor der Vollendung Ruinierte als Menetekel. Eine humane Schrumpfform auf einem Grat zwischen Niedergang und Niedertracht. Das Spät- beinah schon Postsowjetische mutiert in bösartig gärenden (gähnenden) welthistorischen Prozessen; in einer Landschaft, die jeder Zivilisation heimleuchtet. Tráthnóna halluziniert wandernde Völker mit dakischem, illyrischem und thrakischem Erbe, lateinisch angeschmiert; „ein mit einem Hauch von Latinität geschminktes (nach dem eigenen Vieh) stinkendes Gesindel“ (E. Cioran); russifiziert auf tausendjähriger Trebe; stets kurz vor Versklavung; Bodensatz, Abschaum und Salz der Erde. entkräftigte Nomad:innen besiedelten gelinde Erhebungen über Sama Almasa. Die Kämme bieten Aussichtspunkte für Tráthnónas rhapsodische Recherche du temps perdu.

Nichts weiß sie von der kaltblütigen Isländerin, der sie ihr abenteuerliches Herz verdankt. Ein im Findlingsschatten sich lümmelnder Irkutsker dient Tráthnóna merkwürdig ungerührt zur Fortsetzung der Linie. Viel später notiert sie für die Nachwelt: Es musste jemand sein, für den ich unbestimmt bleiben durfte. Ein Schatten auf der Durchreise.

Gleich mehr.

10:34 12.07.2021
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