Atem und Himmel

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Elilta Mesmer erzählt ihr Leben. „Steingebet“ heißt der erste Roman der eritreischen Schriftstellerin, der auch hier in Fortsetzungen vorab erscheint. Das Debüt handelt von Flucht und Vertreibung. Es erzählt von Unrecht und Widerstand. Eliltas Mutter spielt eine tragende Rolle im eritreischen Freiheitskampf. Sie ist die Witwe eines Ermordeten. Eliltas Vater stand für die Unabhängigkeit seines Landes ein und zahlte den höchsten Preis.

Eingebetteter Medieninhalt

Was zuvor geschah

Die Handlung setzt im Oktober 1978 ein.

Mihret, die Mutter der Erzählerin, arbeitet als Lehrerin an einer evangelischen Schule in Eritreas Hauptstadt Asmara. Zugleich leitet sie eine Widerstandszelle der Eritrean Peoples Liberation Front (EPLF). Nach einer Denunziation muss Mihret Hals über Kopf untertauchen. Sie lässt ihre schlafenden Kinder zurück und bittet eine Fremde, dafür zu sorgen, dass die Töchter einen Weg in den Untergrund finden.

Die aktuelle Episode beginnt mit der Familienzusammenführung auf einer staubigen Landstraße. Zwei Kutschen halten …

Rurale Prozeduren

Der Anblick unserer Mutter riss Segen aus dem Sitz. In einer Szene wie aus einem Kirchenfensterbilderbogen vereinten sich die Frau und das Kind. Die Fusion erstrahlte in einer Gloriole. Sie bildete ein magisches Zentrum, das mich magnetisch anzog.

Ich komplettierte die Einheit.

Meine Mutter strich mir über den Kopf. Sie war nicht ganz so überwältigt und vor Rührung weggetreten, wie ich sie gern gehabt hätte. Ich sog ihren Duft ein, diese göttliche Intervention: eine Allianz von Engelsatem und Himmelsblau.

Zwischenstation in Embaderho

Das Dorf meiner Großeltern stand auf einem Hügel wie zur Erinnerung an die Zeiten, als es noch keinen Unterschied zwischen zivilen und wehrhaften Gemeinschaften gab. Mein Großvater erschien mir alt genug, um als Moses Gefolgsmann vom großen Treck Storys erzählen zu können. Meine religiöse Erziehung war eine ausufernde Märchenstunde, jedenfalls das, was davon bei mir ankam.

Unique Untold Pain - Erste Stimmen zum Text

Es ist so wunderschön geschrieben. Mika San

It is impressive and sad/beautiful and and I really cannot wait to hold it as a book in hand and for sure it will come out in english. The story is unique untold pain. Lilly Ghidey Ghebre

Mega nice geschrieben; will das Buch definitiv haben. Sara Araya Wow

Herzzerreißend! Ich möchte eine Ausgabe. Mika San

In unserer Familie spielte die protestantische Initiation eines Ahnen, der als Waise in der Obhut schwedischer Missionare den Islam seiner Altvorderen abgestreift hatte, die Rolle einer Genesis. Wir gehörten zu einer starken, sich selbst befruchtenden Minderheit und standen der orthodoxen Mehrheit und muslimischen Dominanzminorität gleichermaßen distanziert gegenüber. Zwar war die ethnische Bindung stark, wir waren alle selbstbewusste Eritreer; doch ergaben die religiösen Grenzen im Verein mit der Stammesdiversität prägende und auch isolierende Auffächerung.

Zwischen Knäuel und Tumult

Die Großeltern erwarteten uns vor ihrer Hütte. Sichtlich genossen sie die Ankunft der Verwandten, die in der (die Erinnerung) unterstützenden Imagination zu einer kläglichen Prozession wird. Großvater Gherezghiher*, ein großer kräftiger Mann, hob mich hoch. Seine zweite Frau herzte Segen, die wie eine Klette an meiner Mutter hing. Verknäult drängten wir in die Hütte, die auch als Stall herhielt. Im Eingangsbereich rumorte das Vieh. Hinter den Kühen wohnten die Menschen. Der Bewegungs- und Schlaftrakt bestand aus einer Kammer. Wir setzten uns an einen Lehmtisch, und dann legte meine Stiefgroßmutter los. Sie beeilte sich, uns das Abendessen zu servieren. Es gab heißen Tee und euterwarme Milch, die mein Großvater unter meiner Aufsicht abzapfte. Er wusste, dass mich Stadtkind die Melkerei so wie andere rurale Prozeduren faszinierte.

*Dies ist auch der Nachname meiner Mutter. In Eritrea übernehmen die Kinder den Vornamen des Vaters als Nachnamen. Großvaters Sohn Rezene hatte sich den Widerstandskämpfern der EPLF angeschlossen und war zufällig in der Nähe. Mein Großvater schickte nach ihm.

Später verlagerte sich die Geselligkeit auf den Platz vor der Hütte. Rezene kreuzte auf. Ich sah in ihm einen Helden. Nach einer innigen und tränenseligen Begrüßung bat Rezene meine Mutter inständig darum, zurück nach Asmara zu gehen, sich aus allen politischen Aktivitäten herauszuhalten und uns beiden Halbwaisen in Ruhe großzuziehen. Schließlich hatten sie schon vier Geschwister im Kampf verloren und nun befände auch er sich da, wo der Tod absolute Herrschaft beanspruchte. Rezene nahm meiner Mutter das Versprechen ab, seine Worte zu bedenken. Er befahl uns mehr als dass er uns riet, jetzt erst einmal an Ort und Stelle zu bleiben, da seine Einheit Angriffe auf die Äthiopier in der Gegend plane. Dann zog sich mein Onkel in den Busch zurück.

In den folgenden achtundvierzig Stunden vernahmen wir Gefechtslärm und den Krach der Bombardements. Allmählich verlagerten sich die Kämpfe. Wie an einer Schnur zog sich die Geräuschkulisse vor uns zurück.

Ein Mann wird ermordet. Ein Leben endet vor jedem Anfang. Das sind die katastrophalen Koordinaten in Elilta Mesmers Roman „Steingebet“. Im Zentrum der Ereignisse steht eine eritreische Familie. In ihrer Heimat leidet sie unter äthiopischer Herrschaft. Mihret, die Mutter der Erzählerin Elilta, arbeitet als Lehrerin an einer evangelischen Schule in Asmara. Zugleich leitet sie eine Widerstandszelle der Eritrean Peoples Liberation Front (EPLF). Sie erlitt die Ermordung ihres Ehemannes und - als Schockfolge - den Verlust eines ungeborenen Kindes. Nach einer Denunziation muss Mihret Hals über Kopf untertauchen. Sie lässt ihre schlafenden Kinder zurück und bittet eine Fremde, dafür zu sorgen, dass die Töchter einen Weg in den Untergrund finden. Wiedervereint mit den Töchtern flieht sie unter schwierigsten Bedingungen außer Landes. Bedroht wird sie nicht nur von den Besatzern, sondern auch von eigenen Landsleuten. Ihr Status als allein reisende Frau macht sie angreifbar. Die Flucht endet in Ludwigsburg. Die Auswirkungen der traumatischen Erlebnisse prägen die familiäre Situation und werden transgenerationell weitergegeben an die in Deutschland geborenen Nachkommen. Die Familie begegnet sich in bedingungsloser Liebe und dem Glauben an Gott. Das Gute schützt nicht vor dem Bösen. Elilta lebt am Saum eines Abgrunds, der Tod ist immer nah - ein fußkranker, von seinem Rudel abgesprengter Schakal, der hinterher humpelt und die Erzählerin nie aus den Augen verliert.

Für mich war das ein unheimlicher Vorgang, zumal mich die Angst der Erwachsenen extrem verunsicherte. Trotzdem war Angst nicht alles, was ich empfand. In mir loderte schon das eritreische Feuer.

Wir zogen dann weiter nach Dekemhare, wo meine Oma Letensie seit ihrer Scheidung von Opa Gherezghiher wohnte. Unterwegs gerieten wir in eine heiße Zone. Äthiopische Verbände verdrängten die tapfer kämpfenden Rebellen. Die Besatzungssoldaten klebten an den Freiheitskämpfer*innen. Sie durchkämmten die Dörfer und verbreiteten Terror.

Meine Oma fürchtete um uns und bat ihre Älteste das Dorf zu verlassen. Sie sagte: „Du kannst dich verkleiden wie du willst, du siehst nicht aus wie eine vom Land. Sobald man deine Haut sieht, erkennt man auf Anhieb, dass du aus der Stadt kommst. Nimm die Mädchen und zisch ab. Ich möchte euch nicht sterben sehen.“

Um Dekemhare schloss sich ein Ring undurchsichtiger militärischer Aktivitäten. Schließlich nahmen die Befürchtungen überhand, das ganze Dorf rückte aus in die Berge. Das nomadische Gemeinschaftserlebnis ließ mich mit den Leuten von Dekemhare verschmelzen. Zwei Tage und zwei Nächte währte das Zeltlager. Ich knabberte in der Zwischenzeit an den unterschiedlichsten Empfindungen zwischen Panik und Neugier, während die äthiopischen Regierungstruppen unsere Kämpfer*innen einem gewaltigen Druck aussetzten.

17:51 29.12.2019
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