Auf dem Abstellgleis

OL Schwarzbach stellt seine Zeichnungen im Verlagshaus des Neuen Deutschlands aus und liest im Regen aus seinen Memoiren
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Es geht einmal wieder um die Biomilch gebenden Mütter im Bezirk Prenzlauer Berg. Ein kurzer Mensch mit Silberkopf spricht wie ein Heimatverein von Expatriierten. Man hört, was er alles verpasst und nicht begriffen hat auf seinem Abstellgleis, aber natürlich hält er sich mit seiner Kollwitzplatzanschrift für eine Zentrale des Geschehens und vielleicht sogar für eine Person der Zeitgeschichte. Er fällt über die schwäbischen Großmütter her, die ihren Enkeltöchtern im Vorschulalter Eigentumswohnungen auf dem arischen Brutplatz als Anreiz für eine solide Finanzpolitik kaufen und so Gentrifizierer mit süßen Zahnlücken auf die ursprüngliche Bevölkerung loslassen.

Die Omas sind weise. Sie wissen, wenn der Nachwuchs einmal von Glück reden kann, wird er mit Sommerwind im Haar den Dienstleistern im Quartier ungesüßt auf die Ketten gehen dürfen und anders zwar, doch genauso aussehen wie die amtierenden Platzhalterinnen.

Da beißt die Maus keinen Faden ab. Wir sind zu Besuch beim Neuen Deutschland am Franz-Mehring-Platz 1, Jana, Clara und ich. Wir waren im Sommerbad Pankow, ein bisschen Regen hielt die Wasserflächen (Bademeisterdeutsch: Die Wasserflächen sind wieder freigegeben) für uns frei. Es gab schöne Szenen mit dem Nordostberliner an sich. An sich ist er kahl & kernig wie ein Nussknacker und seine Frau kultiviert den Schick der graduierten Gymnastikamazone mit einem Zug zur eingecremten Beckenrandpersönlichkeit.

Im Medienhaus am Mehringplatz stellt OL Schwarzbach aus, jeder kennt seine Mütter vom Kollwitzplatz. Seine Sarkasmen sind Studien am Rande jenes Wahnsinns, der uns leben lässt. Die Demarkationslinie verläuft zwischen der Militanz des zugezogenen Mittelstandes und seiner Parasiten und dem Verlierervokabular der im Zuzug unter die Räder Gekommenen. In den Zeichnungen keimt die Hoffnung, dass Heiner Müller recht hat, wo er sagt: Was der Sozialismus hinter sich hat, das hat der Kapitalismus noch vor sich.

Wie der Prenzlauer Berg einst war, überliefert Schwarzbach in “Forelle Grau”. Der Titel spielt auf den Decknamen an, den die Stasi Olaf genannt Ol verpasste. Der Autor liest zur Feier seiner Ausstellung plein air, ein Wolkenbruch unterbricht ihn just an einer Stelle, da kommt die Stasi vor. Wer das für Zufall hält, muss sich blauäugig nennen lassen. Natürlich kann die Stasi auch Wetter und die Gegenwartsform ist mir nicht nur unterlaufen. Sie überlebt in Gesichtern und Geschichten und sorgt für eine toxische Differenz zwischen Ost- und Westdeutschen.

Gemeinsame Erfahrungen machen Gemeinschaftsgefühle. Man kann darin baden, der Regen gibt auf, Schwarzbach erzählt weiter von der bösen Oma und der ersten Druckknopfampel in der Deutschen Demokratischen Republik, die enorm zum Vergnügen der Jugend beitrug. Er erzählt Flitzgeschichten, in denen Pfiffigkeit gegenüber der Staatsmacht in Gestalt von Transportpolizisten und Funktionären Trumpf ist. Man kriegt auf die Nase, dafür sind Wohnungen in Prenzlauer Berg spottbillig.

Der “Tagespiegel” titelte zu Schwarzbachs Erinnerungen “Humor als Notwehr”, OL hält an diesem Programm fest.

Ich liefere noch meine Besprechung nach:

Saufen, bis der Kellner kotzt

„Andere Kinder hatten liebevolle Großeltern. Ich hatte Pech.“ Man möchte hinzufügen: Auf der ganzen Linie. Die Mutter nimmt sich elf Tage vor seinem dritten Geburtstag das Leben. Das Kind kommt zu Leuten (Verwandten) und sagt Mutti zu der Frau, die da ist. Sechzehn Jahre später greift die Staatssicherheit den Fall auf und ordnet ihn unter „Forelle grau“ ein. Grau wie Schwarz und Forelle wie Bach. Schwarzbach erzählt sein Leben als OL.

Der Cartoonist Olaf S. war „ein Mauerkind, großgeworden mit Wachtürmen, Flutlichtern, Patrouillen, Signaldrähten, Hunden und Elektrozäunen“. Nichts davon steht im Weg, als er kurz bevor die DDR „wie eine überhitzte Leberwurst platzt“ mit Apfelsaft, doch „ohne Mückenspray“ in Ungarn durch eines „der größten Sumpfgebiete Europas“ und den eisernen Vorhang nach Österreich gleitet.

Schwarzbach schlägt in seinen Memoiren den lockeren „Bluesbruder“-Ton der unangepassten DDR-Jugend an. Den Anfang macht das Ende der Geschichte, der Künstler lebt gerade in Brighton, er beobachtet den Abflug der Stare im Land der richtigen Musik.

Es scheint nichts Besonderes in Olaf zu stecken, er ist faul, fernsehsüchtig, Fußball ist auch egal. Die leibliche Tochter seiner Pflegeeltern haut ihm jahrelang die Hucke voll. Die „Oma“ beklaut ihn und mokiert sich über „die Memme“, die indes ungemein in die Höhe schießt. Olaf lässt sich vom „Neuen Deutschland“ zum Facharbeiter für Offsetdruck ausbilden. Der Meister sieht aus wie Lemmy Kilmister: „Eines Tages fing ich ihn auf, als er im Treppenhaus vom obersten Absatz herunter … stürzte. „Danke Jungs, weitermachen!“ lallte er.“

Ein Alltagstrott mit viel Alkohol bestimmt das Texttempo, die Sache bleibt trotzdem interessant. Schwarzbach archiviert die Schliche der Staatsferne. Er erinnert an idyllenmalerische Subversion so wie an den „Paragraf zur Gefährdung der öffentlichen Ordnung durch asoziales Verhalten“. Im Arbeiter- und Bauernstaat müssen die Bluesbrüder und –schwestern „eine geregelte Arbeit“ nachweisen. Sie schustern sich gegenseitig Hausmeisterjobs und Toilettendienste zu. Sie erzeugen eine beträchtliche Akademikerdichte in der Friedhofspflege. Sie kontern die Selbstherrlichkeit der SED-Macht mit Fluxus-Methoden. Nach der Tschernobyl-Katastrophe gibt es plötzlich jede Menge Obst und Gemüse, das für den Westen bestimmt war, da aber keine Abnehmer fand. Inzwischen ist Schwarzbach paradiesisch in Prenzlauer Berg zuhause, er unterhält zwei Wohnungen für insgesamt fünfzig Mark Miete. Er weiß noch nicht, dass jetzt die Party stattfindet, die viele in der Zukunft vermuten. In der Greifenhagener Straße lernt er den Umgang mit einer Handhebelpresse. Mit seiner Korona praktiziert er das Prinzip „Saufen, bis der Kellner kotzt.“ So geht das immer lesenswert weiter. Ich verstehe „Die Geschichte von OL“ als Dokument der Geschichtsaneignung, als gelungener Versuch, die eigene Biografie nicht auf westlichen Allgemeinplätzen verkommen zu lassen.

Olaf Schwarzbach, „Forelle Grau - Die Geschichte von OL“, Berlin Verlag, 320 Seiten, € 19,99

10:08 06.07.2016
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