Auf planetarischem Niveau

Literatur Melissa macht Ferien mit Liam, einem athletischen Master of London. Er vernachlässigt sie. Sie revanchiert sich mit einem trotzigen Alleingang.
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Hoher Pferdeschwanz

Wir spüren, wenn wir betrogen werden. Je raffinierter uns eine(r) hintergeht, desto alarmierter sind wir. Unsere Synapsen feuern solange aus allen Rohren, wie wir bei den Olympischen Evolutionsspielen auf planetarischem Niveau unsere Elastizität beweisen dürfen.

Lorna Cook, „Die Sternenbucht“, Roman, auf Deutsch von Charlotte Breuer, Norbert Möllemann, Penguin Verlag, 463 Seiten, 10,-

Melissa steht im Zenit ihrer Möglichkeiten. Früher hätte man gesagt, sie sei ein Acker Gottes; reif für ihr Frucht. Heute sagt man das anders. Aber man sagt nichts anderes.

The old in-out in-out bleibt eine eindimensionale Angelegenheit.

Trotziger Alleingang

Mit einem athletischen Master of London (und Surf-Maniac) macht Melissa Ferien auf der Isle of Purbeck in der Grafschaft Dorset. Liam vernachlässigt sie. Sie revanchiert sich mit einem trotzigen Alleingang. Eher sie sich versieht, steht ein neuer Verehrer auf der Matte und charmiert nach seinem Vermögen. Guy ist der Star eines History Channel. Eben produzierte sich der TV-Historiker vor gelangweilten Urlaubern in dem Geisterdorf Tyneham. Jetzt produziert er sich vor Melissa in einem Restaurant der ersten Kategorie.

„Ich muss gestehen, dass ich noch nie eine Sendung von Ihnen gesehen haben,“ verkündet Melissa maliziös.

Guy kontert gekonnt:

„Danke, dass Sie so ehrlich sind.“

Guy hat sich den Arsch aufgerissen, um groß rauszukommen. Nun verleiht er sich den Anschein, als sei Melissas Ignoranz Balsam für seine Seele. Er zieht die Empfängliche in sein Netz.

Schicker Somnambulismus

Melissa und Guy tasten sich im Schulhaus von Tyneham ab. Guy blättert elegisch in einer „ledergebundenen Enzyklopädie.“ Seine Pseudoversunkenheit gibt ihm einen dekorativen Anstrich. Kleine Mädchen kreuzen auf und bestätigen Melissas Vermutung, dass Guy weibliche Wesen jeden Alters affiziert. Natürlich kriegt er von seiner Anziehungskraft überhaupt nichts mit. Selbstvergessen führt er seinen Tanz von Kraft um eine Mitte (Rilke) auf.

Ein Treffen auf der Ideallinie - Ich fasse noch einmal zusammen

In der versunkenen Welt von Tyneham direkt an der Jurassic Coast (auf der südenglischen Ärmelkanalseite) begegnet Melissa dem heimatkundigen Journalisten Guy Cameron. Der gutaussehende Charismatiker entspricht vollkommen dem weiblichen Beuteschema mit einem Hauch jungenhafter Schüchternheit. Ich referiere das Treffen auf der Ideallinie frei von Spott. Mich interessiert nur, wie man heute einen Unterhaltungsroman, der vor allem Frauen ansprechen soll, das perfekte literarische Kleid anlegt.

Man macht es so, wie Lorna Cook in ihrem ersten Roman. In der Keimzeit von Guys Wirkung vollzieht sich folgende Call & Response-Variante:

„Als er zu seiner Ansprache ansetzte, band sich Melissa die Haare aus dem verschwitzten Nacken zu einem hohen Pferdeschwanz zusammen.“

Das ist eindeutig Old School. So haben das schon die Babyboomer:innen gemacht. Er blies sich auf und sie griff sich ins Haar. Same ol' story ... Gay stammt aus der Gegend von Tyneham. Er beglaubigt seinen Eifer mit Herkunfts- und Verwandtschaftshinweisen. Er geriert sich als Berufener von Geburt.

Melissa wird dann auch noch zur rechten Zeit ohnmächtig.

„Als Melissa langsam die Augen öffnete, blickte sie in (Guys) Gesicht.“

Die Geisterstadt an der Südküste - Was zuvor geschah

Area of Outstanding Natural Beauty

Das Kimmeridgium bezeichnet in der erdgeschichtlichen Gliederung die mittlere chronostratigraphische Stufe des Oberjura. Den Begriff führte Jules Thurmann ein: in Anspielung auf Kimmeridge, einer Ortschaft auf der Halbinsel Purbeck an der englischen Südküste (Jurassic Coast) in der Grafschaft Dorset. Im Sommer 2018 verbringt Melissa da einen aufklärenden Urlaub mit dem surfverrückten Banker Liam, der kaum Neigung zeigt, sich mit seiner Bekannten abzugeben. Melissa schnappt eine Bemerkung zu der naheliegenden Geisterstadt Tyneham auf. Im November 1943 mussten die Bürger:innen von Tyneham ihr Dorf auf Geheiß des Kriegsministeriums räumen. Niemand (aus der Kohorte der Umsiedler:innen) durfte zurückkehren. So wurde eine Gemeinschaft administrativ ausgelöscht, die sich um die erste christliche Jahrtausendwende ursprünglich formierte, und schon damals auf den Gebeinen römischer Besatzer:innen und romanisierter Natives wirtschaftete.

Die Näherin Helen Taylor hinterließ an der Kirchenpforte eine Botschaft:

„Please treat the church and houses with care; we have given up our homes where many of us lived for generations to help win the war, to keep men free. We shall return one day and thank you for treating the village kindly.“

Nun entdeckt Melissa die Mysterien einer Area of Outstanding Natural Beauty rund um Devon; so steht es geschrieben in jeder Reiseführerin. Devon funktioniert als Synonym für malerische Schön- und erdgeschichtliche Schroffheit. Devon bezeichnet gleichermaßen eine englische Grafschaft und eine Phase im Sturm & Drang der Erde. In geologischen Formationen setzen sich in diesem Landstrich Sedimentschichten besonders anschaulich voneinander ab. Manche Stellen rosten dramatisch. Gleichzeitig hat man malerische Kleckse in Endmoränenschründen. Arthur Conan Doyle kolorierte seinen „Hund von Baskerville“ mit Devon-Dartmoor-Farben.

Halbwegs auf Gutglück

Ich könnte stundenlang so weitermachen. Aber Sie wollen natürlich etwas über den Überraschungsbestseller aus GB erfahren. Melissa eist sich aus der vereisten Beziehung zu dem sportlichen Langweiler Liam. Halbwegs auf Gutglück unternimmt sie, „bewaffnet mit einer Zeitung“, einen Ausflug in der verwunschenen Landschaft eines immer noch aktiven Truppenübungsplatzes.

Aus der Ankündigung

Zwei Frauen. Zwei Jahrhunderte. Ein Dorf, in dem die Zeit stillsteht.

1943: Der Krieg steht vor den Toren Englands. Nur mit dem Allernötigsten im Gepäck verlässt die junge Lady Veronica das edle Anwesen an der malerischen Südküste, das für sie immer mit ihrer großen Liebe verbunden sein wird. Die britische Armee braucht das Gebäude als Stützpunkt. Doch Veronica weiß, dass sie auch nach Ende des Krieges niemals zurückkehren wird. Denn das Haus birgt nicht nur glückliche Erinnerungen …

2020: Im Sommerurlaub an der englischen Küste entdeckt Melissa die Fotografie einer geheimnisvollen Frau. Gemeinsam mit dem attraktiven Journalisten Guy Cameron versucht sie, mehr über sie herauszufinden. Immer tiefer taucht sie in ihre Vergangenheit ein – nicht ahnend, dass dort ein Geheimnis begraben liegt, das auch ihr eigenes Leben für immer verändern wird.

Zur Autorin

Lorna Cook lebt gemeinsam mit ihrem Mann, zwei kleinen Töchtern und dem Familienhund in einem Häuschen an der englischen Küste. Früher arbeitete sie als Journalistin, doch nun hat sie ihren Traum wahr gemacht und konzentriert sich ausschließlich aufs Schreiben von Romanen. Wenn sie nicht selbst schreibt, dann liest sie – gern mit einem Glas Wein neben sich. »Die Sternenbucht« ist ihr Debüt.

07:04 16.06.2021
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