Auf Trebe

Anna Rheinsberg In der Grotte de Niaux (irgendwo bei Perpignan) sahst du deine Hände an den Felswänden.
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In der Grotte de Niaux (irgendwo bei Perpignan) sahst du deine Hände an den Felswänden

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Aus meinem Briefwechsel mit Anna Rheinsberg

Weiter aus „Grabgesang für Piotr“

Anno Keks, Sentimental Journey. Opa, willst du ficken? Alle gekrochen gekommen. Ich auch. Schichtwechsel. Wir teilen ein Wolfshaar und essen es auf. Höre deine Stimme nicht. Gebrochener dunkler Ton. Kiffertimbre, und dann dein Lachen. Wir haben Ball gespielt und Polka getanzt.

Trugst nichts, nur Doktor Zotty im Arm. Ich trug Blau, bisschen fett um die Hüften. Seit du tot bist, trinke ich Kamillentee. Bin ganz dünn. Doktor Zotty, der alte Bär, ist verschollen. Hat sich im letzten Mai in ein Postpaket gelegt. Abflug.

In der Grotte de Niaux (irgendwo bei Perpignan) sahst du deine Hände an den Felswänden

Die Tiere sprachen dich an. Die Führerin war ein Stück voraus, sie sprach Französisch. Wir lächelten und verstanden nichts. Hielten uns freundlich an ihrer Seite. Esperanza, sagtest du später. Fragtest: Bist du die Liebe?

Trägst du mich nach Haus?

Robert Delaunay sprang mit Sonia vom Eiffelturm (in einer Phantasie). Das Paar wehte im freien Fall an uns vorbei. Im Flug schenkte es dir eine Handvoll Knöpfe. Wolltest mich auf dem Klo vom Museo Picasso in Barcelona lieben. Ich schaffte die vielen Treppen nicht. Der Mond fiel in meinen Schoß, und du warst ein grünes Bonbon. Wo bist du, Piotr? Und warum bist du fortgegangen? Augen wie ein Schlittenhund. Ziehst und zerrst, schütte mich aus über dir. Ich bin eine Wolke. Du stehst im Regen und weinst. Auf einer Kinderschaukel, nachts, oberhalb von Altafulla. Du bist betrunken, ich singe I wish you shelter. In deinem Kopf wächst ein Tumor. Rufst meinen Namen. Sie haben dich ausgesetzt. In den Bergen ist es kalt.

Lieber Jamal, auch meine schöne Freundin R. aus Kassel, die oben in der Schanzenstraße Hof hielt und Luis, einen staatenlosen holländisch-jüdischen … liebte, der später mit einer Spanierin abhaute, war mit allen ihren Liebhabern in Cadaqués. Ich nie, denn ich wusste nicht einmal, dass dieser Ort existiert. Bis Basco mit mir dorthin fuhr. Genug. Wie war es in der Kirche?

Anmerkung des Autors. Ich hatte den heiligen Abend in der Frankfurter Liebfrauenkirche verbracht, um das Gegenprogramm zur bürgerlichen Weihnacht zu dokumentieren. Die Kirche steht im Bahnhofsviertel und trägt zur Versorgung der Ärmsten bei. In ihrer Umgebung schlagen sich Leute in die Büsche.

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Hier ist Ratz + Rübe. Muss einen …

Du lebst allein, oder? Ich schließe das aus Deinen Zeilen. Hanna Mittelstädt, mit der ich vorhin telefonierte, sagte mir, Du hast einige Bücher bei Suhrkamp verlegt. Bianca (Döring) ja auch. Aber …

Ich habe so unendlich viele Menschen um mich gehabt, wer alles gekommen und wieder gegangen ist. Viele sind auch einfach verschwunden, manche zurückgekommen (nach Bascos Tod), andere für immer ab in den Orkus getaucht. Alles flüchtig, nichts bleibt. Das ist so. Entdeckte im neuen ARCHE Kalender, den ich geschenkt bekomme habe, ein Bild der ganz jungen Karin Struck. Ich kannte sie vor vielen Jahren, sie war bildschön, wurde aber zunehmend zu einer verdrehten Schraube, die dann in ihrem Gebärwahn steckenblieb. Ich war früh auf der Straße, bin als kleines Mädchen mehrfach von zu Hause abgehauen, „Trebe gehen“ nannte man das; meine erste Liebe war Jerry, den ich „Jewel“ nannte; so n hübscher Straßenköter mit weichem Haar und vorstehenden Zähnen. Er ist später in einem italienischen Gefängnis verreckt. Solche Geschichten kann ich Dir viele erzählen. Es ist doch schön, dass Dir diese alte Freundin aus Kasseler Tagen erhalten geblieben ist. Das gibt es kaum.

Gruß, Anna

Anmerkung. Anna und ich hatten uns über alte Lieben unterhalten. Meine Kasseler Freundinnen waren mir, abgesehen von einer Ausnahme, gewogen geblieben. Ich blickte auf eine Reihe von Ausflügen über bloßes Geplänkel hinaus zurück. In Jahrzehnten gab es Wiedervereinigungen, einmal auf dem Klo der Fiedel, die damals schon lange Ulenspiegel hieß, einmal in einem Hotel am ICE-Bahnhof, ungeheuer eilig. Auch auf Spaziergängen und im Ehebett meiner Eltern begrüßte ich Exen in ihren ursprünglichsten Zuständen. Ich verstehe bis heute nicht, was diese Momente begünstigte. Eine plötzliche und zwingende Vollzugsbereitschaft - sie endete im Verlauf meiner Vierziger. Mit ihr verstummten auch die Nebengeräusche der Sympathie. Ich treffe niemanden mehr außerhalb der Verwandtschaft, wenn ich in Kassel bin. Als hätten diese Verbindungen nur die Funktion gehabt, einen Rahmen für Sex ohne Reue zu schaffen.

Morgen mehr.

07:25 05.06.2018
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Ausgabe 25/2018

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