Aufstandszeichen im Jugendstil

Antonia Baum In der Gesellschaft von Schauspielerin Linn Reusse und Dramaturgin Birgit Lengers - Lesung und Gespräch mit Antonia Baum im Deutschen Theater (Berlin)
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Adorno kannte eine Sehnsucht nach Amorbach im Odenwald. Für Antonia Baum war der Odenwald “Kindheitshölle”.

Aus der FAZ: “Es blieb einem nichts übrig, als im Alter von elf Jahren das Rauchen anzufangen, zu kiffen, bis man nichts mehr sah, und zu klauen, um sich irgendwie zu unterhalten. Unterhalten, weil es dort einfach nichts gab, das unterhielt. Ich klaute dann im Supermarkt immer Schminke von L’Oréal, weil die Werbung für diese Schminke so viel besser aussah als der Odenwald”.

Vermutlich hinterließ Baum an jeder Bushaltestelle bis weit hinter Hanau Aufstandszeichen im Jugendstil. In einer Emanzipation von der Realität überträgt die Autorin ihrer Heldin größere Aufgaben. Romy ist eine Tochter des Giganten Theodor. T. vereint rabiate Genussfähigkeit mit Maximalindividualismus. Baum schildert einen brutalistischen, autonärrischen Arzt. Er nötigt notorisch. Bereits in Baums zweitem, am Deutschen Theater auf die Bühne gebrachten Roman “Ich wuchs auf einem Schrottplatz auf, wo ich lernte, mich von Radkappen und Stoßstangen zu ernähren” spielt T. eine tragende Rolle.

In “Tony Soprano stirbt nicht” geschieht das Unwahrscheinliche wie sonst nur in der Wirklichkeit. Der überirdisch selbstsichere Feind kindgerechter Redeweisen (und Freund einer überfordernden Daseinsschulung) landet nach einem Unfall auf der Intensivstation. Romy verliert mit dem Beweis der Verletzbarkeit ihres Vaters einen Schild. Sie nimmt Zuflucht zu bewährten Familienstrategien. Zu preußischen Offizierstugenden in Punk.

“Ich behalte die Nerven. Ich mache kein Theater.”

Baum trägt wiederkäuend und nachschmeckend vor. Während Romy ihre Fassung nicht aufgibt. Sie weint “ruhig und gefasst”. Sie spielt Sissy, die Arzttochter, gezeugt von einem Berserker, dem man selbst in der Stunde seines Todes besser nicht mit zitternder Unterlippe kommt.

Jede Lesung hintertreibt eine kultivierte Lesart. Die Trennung des Autors von seinem Text wird schwierig, wenn man ihn in seinem Wortsalat äsen sieht. Romy erscheint wie nicht vorhanden, es kann nur einen Highlander geben. Der Roman fasst das von der Überholspur geholte Vatermonster gekonnt unterkomplex, mit gedimmter Beobachtungsbereitschaft in einer schwachen Kontraktion auf.

Ich beobachte Baum im Zwiegespräch mit ihren Ich-Ästen. Ab und zu schiebt der Vorhang der Pupille sich langsam auf (Rilke) und die Autorin riskiert den Kontakt zum Publikum. Das wirkt wohlauf. In dieser Konstellation wird das Theater zur Keimzelle neuer Erzählungen. Zu einem Brutplatz. Zum Übergang in die Gärung von Erfahrungen.

Die Romy in der DT-“Schrottplatz”-Inszenierung liest aus “Schrottplatz”, um der Fortsetzung eine Gegenwartserweiterung zu verpassen. Immer ist jetzt, später sagt Linn Reusse: “Ich suche in mir nach dem, was ich für eine Rolle gebrauchen kann.”

Baum sagt: “Solange alles normal läuft, sitzt man der Illusion auf, man hätte alles unter Kontrolle.”

Dann kommt ein Anruf und man lernt, wie Katastrophen ticken.

Baum: “Man fängt an, die Uhrzeit zu mögen. Weil man sich daran halten kann.”

Sie erklärt, vom magischen Denken verhaftet zu sein. Sie deutet an, wie verbreitet das ist, hilft den Leuten auf ihre eigenen Voodoo-Sprünge. Sie verzieht das Gesicht, als müsse sie etwas darstellen. Sie mimt Konzentration, da die DT-Dramaturgin Birgit Lengers lang ausholt. Sie findet eine Gelegenheit, Maxim Biller zu erwähnen. Da geht es um bekennenden Biografismus.

“Ich mag echte Ichs in Texten. ... Immer schreibt man sich selbst”, verrät Baum, “auch da, wo man von einem schwulen Architekten erzählt.”

Antonia Baum: Tony Soprano stirbt nicht, Roman; Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 2016; 144 S., 18,–

09:30 18.05.2016
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