Aufzeichnungen eines Abgeschriebenen

Rolf Dieter Brinkmann Er empfiehlt sich mit Lyrik und wird zu Prosa ermutigt. Dieter Wellershoff erkennt das Talent, die Kritik nimmt Witterung auf. Anfang der 1960er Jahre erscheint ...
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Er empfiehlt sich mit Lyrik und wird zu Prosa ermutigt. Dieter Wellershoff erkennt das Talent, die Kritik nimmt Witterung auf. Anfang der 1960er Jahre erscheint Rolf Dieter Brinkmann „als Benjamin einer Gruppe“. Er lebt in Köln und studiert Pädagogik. Brinkmann schreibt einfache Gedichte. Er steht in keiner deutschen Tradition, der Dichter will kein Arbeiter im Weinberg der verkarsteten Geschichte sein. Er popularisiert die amerikanische Gangart, unterstützt und herausgefordert von Ralf-Rainer Rygulla.

Eingebetteter Medieninhalt

Brinkmann kommt aus Vechta in Westfalen, er hat Buchhändler in Essen gelernt und da Rygulla kennengelernt. Der viel beweglichere Andere bringt aus London Stoff mit, in der Gestalt kleiner Magazine. Die englischen Zauberworte heißen auf Deutsch Unabhängigkeit und Untergrund. Sie werden nach Kräften in der voroffiziellen Kultur verbreitet, bis das Feuilleton sie aufschnappt und anfängt mit „neuer Sensibilität“ zu jonglieren, vor allem jedoch mit „Pop“.

Plötzlich ist alles Pop – und „Keiner weiß mehr“ „der erste genuin entwickelte deutsche Poproman“. Das behauptet Karl Heinz Bohrer.

Brinkmanns einziger Roman steht 1968 auf der Spiegelbestsellerliste. Der Autor wehrt sich gegen alle möglichen Zuschreibungen und so auch gegen die Vermutung, er würde „nur mit dem Penis schreiben“.

Brinkmann rudert zurück, er distanziert sich und stürzt sich lauthals in das Verderben der Isolation. Eben noch der Zukunft Puls und bald schon die unerträgliche Wurst als chancenloser Feind der Gesellschaft und ihrer Formen. „Schakal von Metropolis“ kommt viel später und viel zu spät für den 1975 tödlich Verunglückten. Seine Heroisierung kriegt er nicht mehr mit.

Womöglich hätte sie überhaupt nie stattgefunden, wäre nicht seine Witwe in der Not gewesen, Geld aus dem Nachlass ziehen zu müssen. Sie kassiert für postume Veröffentlichungen der in Köln, Rom und Austin entstandenen Aufzeichnungen eines Abgeschriebenen.

Dieses manische Gemurmel.

„In völliger Armut, alles so mickrig, alles so deutsch beschissen … so unelegant und schwer von Begriff.“

Eine dünnhäutige Armut spielt ihre Rolle schon in „Keiner weiß mehr“. „Trockene Frauen sind besser als nasse Frauen.“ Ist das nicht ein Heftchensatz?

„Was soll denn schon sein?“, befragt Brinkmann in „Keiner weiß mehr“ die eigene Ratlosigkeit. Da sitzt er mit seiner Frau, die jederzeit genauso gut auch eine andere Frau sein könnte, das sagt er so, und dem behinderten Sohn Robert fest in einer Wohnung am Kölner Rudolfplatz. Während der Rainer in seinen Pornounterhosen womöglich doch freier sein könnte. Auf jeden Fall ungestörter. Maleen Brinkmanns Sprachregelung für ihre Vorbildlichkeit im Roman zieht das Besondere ihrer Ehe in das Allgemeine junger Ehen. Wie man eben als Paar mit Kind zur Miete wohnt in der Gegenwart von 1967, „in einer typischen ... Altbauwohnung“. Wie man eben der häuslichen Tristesse auf die Tenne und „in den Flitter“ (ein Lieblingswort von Brinkmann) entgeht. Wie sich das eben auswirkt, die kurzen Röcke, der Beat, das Engtanzen. Die sexuelle Revolution findet statt, indem sie voranschreitet. Dann spielt man wieder Schallplatten in der Wohnung ab, das Kind tappt an, wie soll man so zu Text kommen.

„Diese übertriebene Art da zu sein“ von dem Rainer. Der eine redet auf den anderen ein: beschreibungsmonoman, wütend, enttäuscht. Das ist immer Brinkmann. Er stellt fest: „Das Kind hatten sie weder gewollt noch verhindert.“

Warum erzähle ich das noch mal? Deshalb:

„Keiner weiß mehr“ fände gewiss keinen Verlag mehr als Manuskript eines Namenlosen. Schlagbäume, gegen die Brinkmann stößt, sind aus einem Muff, der nicht mehr hergestellt wird. Sie stammen aus der Engelmacherära: „Das Kind wäre leicht mit der Stricknadel zu verhindern gewesen.“

07:52 26.01.2020
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