Aufzeichnungsimpressionen - Fortsetzung I

Das Literarische Quartett Westermann lässt sich nicht erweichen. Sie haut das MRR-Schimpfwort raus: “Langweilig.”
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Eine Korrespondenz mit Jonathan Franzen ging Nell Zinks Romandebüt “Der Mauerläufer” voran. Die Kalifornierin lebt in der Mark Brandenburg. Amerika feiert den Titel, dessen Heldin Tiffany bemerkt: “Ich hatte nicht schwanger werden wollen. So etwas passiert einfach, wenn Frischverheiratete sich betrinken.”

Einem Unfall folgt eine Fehlgeburt, Biller spezifiziert den Erzählstil geschlechterbewusst: “Als hätte ein Mann (das Buch) geschrieben.”

Er gendert. Weidermann steht Westermann bei, Tiffany sei “permanent mit Ersatzhandlungen beschäftigt”.

Wittstock unterstützt Biller, das liefert auch eine Form von Rollenprosa. Wittstock: “Zink kann schöne Sätze, aber keine Geschichten schreiben.”

Westermann lässt sich nicht erweichen. Sie haut das MRR-Schimpfwort raus: “Langweilig.”

Biller kontert: Zinks “Mauerläufer” “ist der durchschnittlichen deutschen Leserin, (das beschreibt in etwa) eine lesbische Oma, zu schnell und zu pornografisch”.

Westermann präsentiert John Irvings “Straße der Wunder”.

“Ein alter Schriftsteller träumt sich in Hotels zurück in eine Kindheit auf der Müllkippe.”

Allen ist klar, dass der “verlässliche Bestsellerautor” Irving in dem Vergnügen, beinah noch ganz der Alte zu sein, ein Gnadenbrot verzehrt. Autoren von Alterswerken können noch einiges, bloß wozu. Der Balztanz ist zu Ende, das Orchester erschöpft und dezimiert. Die Melodien leiern, die Rivalen sind tot und die Musen vergreist. Wittstock gnadenlos: “Routinierte Irving-Leser werden nur geringfügig enttäuscht sein.”

Biller spricht vom “Sozialkitsch eines alten Hippies”.

Irving erleidet ein Vitalisten-Schicksal. In den Siebzigern imponierte er Reportern mit Liegestützen. Ich nehme an, er ringt immer noch. Bald wird er der stärkste Mann im Seniorenstift sein.

Für den 1978 in Bosnien-Herzegowina geborenen Saša Stanišić steht alles noch auf Anfang. Wittstock lobt Stanišićs ersten Erzählband “Fallensteller”.

“Der Autor beherrscht so viele Sprachen und Gebiete.”

Gleichwohl taste er sich “an einen eigenen Ton (erst) heran”. Sein Personal individualisiere sich in Varianten des Verschwindens. Weidermann beschreibt Stanišić als einen Autor, der “sich gegen Zuschreibungen wehrt. ... Man lebt ein Leben lang mit der Marke Migrationshintergrund.”

Das sollte nicht sein. Institutionalisierte Gedankenlosigkeit versorgt die Fantasien von fremd und zugehörig. Es ist ganz einfach. Sprachgemeinschaften sind stabiler als Landesgrenzen: wer eine Sprache mit Literatur bereichert, gehört dazu.

Schließlich geht es um David Grossmanns Roman “Kommt ein Pferd in die Bar”. Wittstock nennt den Vater des Helden “nahezu gefühlsunfähig”, die Mutter sei “schwer depressiv”. Der Sohn wird Komödiant.

Wittstock erzählt das Buch, bis Biller einwirft: “Schade, dass Sie es nicht geschrieben haben.”

Biller findet das Buch unendlich langsam und porös.” Er holt aus, es sei “ein Exportprodukt. Intellektuelle im Westen verzeihen ihm aus ideologischer Verblendung seine dramaturgischen Schwächen.”

06:50 30.04.2016
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