Aus dem Gastarbeiterzug in die Leere der ...

Literatur In „Gegen die Träume“ erzählt Sead Husic eine Geschichte aus der Keimzeit der Gastarbeit.
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Sead Husic

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„Den mit Absicht geladenen Zügen … entwichen plötzlich alle Erwartungen.“

So beginnt beinah eine gut erzählte Geschichte aus der bundesrepublikanischen Steinzeit. Aufgewachsen im Schatten der Schande eines unfähigen Vaters, der ein ererbtes Vermögen auf die saumseligste Weise zu vernichten wusste und eine Hure mehr als seine Frau zu lieben nicht nur vorgab, zieht sich Mersija vor der eigenen Scham zurück in einen fremdkodierten Raum. Sie geht bei der ersten Gelegenheit, die bietet sich ihr 1969, nach Deutschland, eine Jugoslawin aus Titos sonderbarem kommunistischen Reich. Mersija ist eine bosnische Muslima aus Brčko, die nicht damit rechnen kann, dass sich jemand die Mühe macht, sie zu dechiffrieren.

Sie springt aus dem Gastarbeiterzug in die Leere der Kammern zur Untermiete und in die verbrecherische Enge unsolider Arbeitsverhältnisse. In ihrer Traunsteiner Sackgasse kommt sie dem Wirt entgegen, der sie als Serviererin beschäftigt – einem Otto wie aus dem Fotoalbum des Wirtschaftswunderspießers. Sie düpiert ihn, er übernimmt die Rolle des als betrunkener Schläger nicht zuletzt im Gedächtnis der Tochter gebliebenen Vaters. Wieder packt Mersija ihren Koffer, das ist ein Fluchtmuster noch auf den Illusionsfolien relativer Jugend.

Sie kommt nicht weiter als bis zum Bahnhof.

Mersija ist längst über zwanzig, der Zweite Weltkrieg konkretisiert sich vielfältig in ihrem Gedächtnistheater. Die Deutschen hat die Niederlage, die sie Zusammenbruch nennen und so in die Nähe eines Burnouts rücken, nicht von ihrer Herrenmenschlichkeit erlöst. Sie sind in ihren Verliererpantoffeln geblieben, was sie als Blitzkrieger waren – selbstherrliche Sieger.

Mersija findet Anschluss, eine neue Stelle und Unterkunft. Ihr wird geholfen, man muss sagen, ihr wird geholfen, zu funktionieren.

Osmanischer Barock

Auch Bosnien zählte zu den Verhandlungsgegenständen auf dem Berliner Kongress von 1878, wo Bismarck den Hausherrn vor Kopf einer Versammlung von Imperialisten gab, die alle danach trachteten die Orientalische Krise zu nutzen, um ihren „Platz an der Sonne“ zu vergrößern. Daran erinnert Husic in einer Rückblende. Mersijas Mutter Saliha entstammt einer untergegangenen Welt. Sie war eine Schönheit nach den Maßstäben des Osmanischen Reichs. Die Tochter eines heruntergekommenen Gutsherrn wurde als Zwölfjährige verheiratet, um ihren Vater in den Besitz von zwei guten Pferden und etwas Kleinkram zu bringen und so die allergrößte Not abzuwenden. Ihrer Unfreiheit zum Trotz existiert Saliha in prächtigen Verhältnissen, solange ihre Schwiegereltern leben.

Husic zeigt Mersijas Vater Ahmed als hochmütigen Versager. Der Autor vermisst den Abstand zwischen dem osmanisch-habsburgischen Barock, in dem Mersijas Eltern großgeworden sind, und der strotzenden Dürftigkeit in der Handlungsgegenwart des Romans. Mersija verliebt sich in einen verheirateten Mann, der sie über seine Verhältnisse im Unklaren lässt. Trotzdem gründet sie mit Muso eine Familie, die Adem bald vergrößert … „benannt nach niemanden (aus der Verwandtschaft), weil Mersija nicht an alte Geschichten erinnert werden wollte“.

In dem katholischen Milieu seiner Kindheit findet Adem nicht zu der weltlichen Art seiner jugoslawischen Eltern Muslime zu sein.

Sead Husic, „Gegen die Träume“, Divan Verlag, 380 Seiten, 16.90 €

00:33 13.12.2018
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