Ausflüchte des Herzens

Adélaïde Bon ist längst erwachsen, als sich der Serientäter, der auch sie vergewaltigt hat, vor Gericht verantworten muss.
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Sie wünscht sich eine Selbstbefriedigung im Geist reiner Freude. Ihre Lust funktioniert so nicht. Die Verachtung für seine Voraussetzungen kontaminiert jeden Orgasmus. Selbsthass überzieht und untergräbt eine Heranwachsende, deren Entwicklung in Folge eines Missbrauchs stockt. Adélaïde vereist in der Unfähigkeit, sich zu erklären, was passiert ist. Das Unfassbare spielt sich bei jeder Gelegenheit in den Vordergrund. Es manifestiert sich in einer Essstörung und in der Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper wie auch mit den Körpern der ersten Freunde. Ein epileptischer Anfall ereilt Adélaïde ausgerechnet am Abend einer Schultheaterpremiere mit ihr in der Hauptrolle. Sie erwacht im Krankenhaus und weiß:

Der Anfall „ist eine Strafe, weil (ich) kein braves Mädchen gewesen“ bin.

Adelaïde Bon, „Das Mädchen auf dem Eisfeld“, Roman, aus dem Französischen von Bettina Bach, Hanser Berlin, 237 Seiten, 22,-

Sie weist sich selbst die Schuld zu, um klare Verhältnisse zu haben. Zugleich flüchtet sie in die Literatur, beginnt zu schreiben.

Der Prozess der Verarbeitung beginnt mit Maskenschnitzerei. Adélaïde erschafft von sich illustrierte Ausgaben, kreiert „das witzige, durchgeknallte Mädchen“ – „die Ausgelassene“ – „die Strahlende“.

Die höhere Tochter ist schon da, wo alle hinwollen: in der Pariser Pole Position. Sie könnte loslegen und wie eine Rakete abgehen. Stattdessen irrt Adélaïde durch die Gänge ihres Labyrinths. Aus dem Gesangsunterricht macht sie eine Schreitherapie. Sie faucht und schluchzt in der Überzeugung, einen spirituellen Weg zu beschreiten.

Sie tritt als korpulente Kifferin auf und gibt die Weggetretene. Sie spielt mit ihrem Leben „auf einer winzigen Plattform“.

„Sie brauchte bloß ein Stück zur Seite zu rutschen … und dann wäre alles vorbei.“

Adélaïde ist einundzwanzig, als ihre Heilung beginnt. Eine transgenerational arbeitende Psychotherapeutin bietet ihr den ersten Anhalt. Adélaïde hat in einer rasch hingeworfenen Stammbaumskizze nur die Katastrophen in der Verwandtschaft parat – die Unfälle, Krankheiten und Selbstmorde. In diese Reihe stellt Adélaïde jene unsittlichen Berührungen, denen sie als Neunjährige ausgesetzt war, und die im Vergleich zu neun Stürzen und einem Unfall mit Nahtoderlebnis unbeachtlich erscheinen, bis die Therapeutin ihr zu verstehen gibt, dass sie sich nach den Berührungen abgeschlossen hat – zur Abwehr schmerzlicher Erfahrungen.

Bald darauf entdeckt Adélaïde mein Mädchen auf dem Eisfeld in sich. Da ist sie stehengeblieben, gleich nach dem Angriff auf ihre Integrität. Danach hat sie dichtgemacht, sich weggesperrt und alleingelassen. Das Eisfeld-Imago entfaltet allmählich seine Produktivkraft. In der sexuellen Sphäre nimmt das Begreifen zu. Während Adélaïde dem männlichen Glied lange nichts abgewinnen konnte und es von ihrem Ekel besetzen ließ, erkennt sie nun, dass es die männlichen Finger sind, die sie in der Nähe ihrer Scham nicht erträgt. Erst jetzt lernt sie, dass ein manueller Übergriff eine Vergewaltigung ist. Dass die unsittlichen Berührungen als euphemistische Benennung die Vergewaltigung verschweigen (in einem Komplott der Erwachsenen, die sich in der Verharmlosung exkulpieren).

Adélaïde Bon listet die Heilmaßnahmen auf, die der Eingriff in ihre Kindheit nach sich zog. Die Liste ist lang. Doch endlich gelingt es der Erzählerin, dass erfrorene Mädchen gleichsam zu bergen, es an Land und aus der Erstarrung zu ziehen. Dies zumal in der Konsequenz einer Überwindung falscher (infamer) Schuldgefühle, die in der religiösen Erziehung verstärkt wurden.

Bon spricht die Bigotterie der Kirche an. Sie widerspricht der Vorstellung, im priesterlichen Wohlwollen läge irgendeine für Traumatisierte brauchbare Kompetenz. Im Glauben erkennt sie einen Irrweg. Er verlängert die Strecke bis zu der Diagnose einer posttraumatischen Belastungsstörung. Die Erkrankung stellt sich u.a. als eine Selbstdistanzierung da. Versierte Täter*innen wissen das zu nutzen. Sie wittern eine Schwäche, die von der Angegriffenen als Stärke erlebt wird. Sie hat ihre Schmerzpunkte verödet und fühlt sich unverwundbar.

Adélaïde erkennt, dass ihrem Becken das Leben entzogen worden ist. Die Erkenntnis ist ein Anfang. Fast dreißig Jahre benötigt Adélaïde, um zu lernen, dass sie als Neunjährige im Treppenhaus nicht das Stigma einer Verworfenen empfangen hat. Dass das Geschehen außerhalb ihrer Schuld lag. Sie ist längst erwachsen, als sich der Serientäter, der auch sie vergewaltigt hat, vor Gericht verantworten muss.

09:12 08.06.2019
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