Avantgarde der Bakteriologie

Adrien Proust erscheint als Titan seines Fachs. Er wirkt epochal. Man rechnet ihn zur „Avantgarde der Bakteriologie, für deren Aufstieg Louis Pasteur in Frankreich und ...“
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Staatspolitisch ausschlaggebend - Der Chefsanitäter Frankreichs

„1884 wird (Marcel Prousts Vater Adrien Achille) Generalinspekteur des französischen Gesundheitswesens, im Folgejahr begegnet er Robert Koch bei der Internationalen Sanitätskonferenz in Rom und erhält den Lehrstuhl für Hygiene an der medizinischen Fakultät in Paris.“

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Die Welt erinnert Marcel Prousts Romanfiguren vom Schlage eines Baron Charlus oder des seelisch feingliedrigen Ehetölpels Charles Swann besser als MPs in der III. französischen Republik staatspolitisch ausschlaggebenden Vater. Der Epidemiologe stand dem Gesundheitswesen seines Landes mit leidenschaftlicher Autorität vor, während sein Erstgeborener von Geburt an kränkelte und in der handfesten Realität nie richtig Fuß fasste.

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Die koloniale Dynamik der Cholera-Pandemien findet in der Recherche keinen Widerhall.

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Adrien Achille Proust erscheint als Titan seines Fachs. Er wirkt epochal. Man rechnet ihn zur „Avantgarde der Bakteriologie, für deren Aufstieg Louis Pasteur in Frankreich und Robert Koch in Deutschland standen“.

Lothar Müller, „Adrien Proust und sein Sohn Marcel. Beobachter der erkrankten Welt“, Verlag Klaus Wagenbach, 22,-

1892 veröffentlicht der Chefsanitäter Frankreichs La Défense de l’Europe contre le choléra. Der alarmistische Titel passt zum martialischen Dekor des europäischen Bürger:innentums. Die Cholera zählt zu den endemischen Phänomenen auch der Recherche. Müller nennt sie eine „Hauptfigur“ des Werkes.

Bei dem Herkules des Gesellschaftlichen löst das ostasiatische Vibrio cholerae einen furiosen Eindämmungseifer aus. Der „Hygiene-Prophet“ jagt Bazillen. Er recherchiert die Verbreitungswege.

Der Salon als Kreißsaal der Gesellschaft

Als Prousts eiserne Komplizin stirbt, bedenkt er kurz „ihre jüdische Religion“, die sie ihren Eltern zuliebe nicht aufgegeben hatte; „deshalb wird nichts in der Kirche stattfinden, nur zuhause, morgen, Donnerstag, um Punkt zwölf Uhr mittags, und dann auf dem Friedhof.“ Das liest sich, als habe der Sohn mit der Religion seiner Mutter weiter keinen Vertrag.

Das stimmt natürlich nicht.

„Bei der Suche nach den Spuren des Judentums im Roman A la recherche du temps perdu ist es unabdingbar, sich biografische Aspekte in Erinnerung zu rufen: Marcel Proust kam als Sohn einer jüdischen Mutter und eines katholischen Vaters zur Welt und wurde katholisch getauft. Doch da gemäß jüdischer Tradition Jude ist, wer von einer jüdischen Mutter geboren wird, könnte man ihn durchaus auch als Juden bezeichnen. Er war seiner jüdischen (nicht streng religiösen) Pariser Verwandtschaft, die ihm ein intellektuell stimulierendes Umfeld bot, stets eng verbunden. Seit seiner frühen Kindheit oszillierte sein Leben zwischen Judentum und Christentum. Dieser Riss zeichnet auch sein Werk aus.“ Quelle

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Müller entdeckt dem Leser „ein kommunikatives Netzwerk … das Klinik und Salon verbindet“. Adrien Proust kultiviert seine „Fortschrittsrhetorik“ mit Verweisen auf den Herzog von Saint-Simon, dem sonnenköniglichen Pockenhof, der Attischen Seuche und dem Decamerone Boccaccios.

Eingeschlossen im Sprachschloss

Der Schriftsteller Proust verbannt den Vater aus seinem Sprachschloss. Müller meldet: „Anders als viele seiner zeitgenössischen Kollegen, die mit ihren Klarnamen vorkommen, hat Adrien Proust im Defilee der Ärzte des Romans kein erkennbares Gegenüber.“

Das Regime der Krankheiten/Avancierte Kokotte

Didier Eribon unterstellt Marcel Proust eine Gesellschaftsbetrachtung „durch das Prisma der sexuellen Inversion“. In derSuche nach der verlorenen Zeiterscheinen die Signaturen der Fortpflanzungsgemeinschaften als Fassaden. Schwule und Lesben wahren den Schein in heterosexuellen Konstellationen und betreiben Fassadenkletterei.

„Die Homosexuellen waren gute Familienväter und hielten sich eine Geliebte nur, um den Schein zu wahren.“ Baron Charlus über die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg.

Proust lässt Charlus grotesk altern: als Repräsentationspopanz einer Generation von Gestern, die in der Gegenwart nichts mehr zu bestellen hat. Zwischen Rollen und Identitäten schwankt Prousts Personal durch ein Panoptikum der Inkohärenz. Der seelisch feingliedrige Ehrenmann Charles Swann führt eine Ehe mit der avancierten Kokotte Odette de Crécy. Die unpassende Angelegenheit schildert Proust „als schweren, unaufhaltsam in die Unheilbarkeit übergehenden Krankheitsverlauf“.

Prinzessin des Laumes mokiert sich deshalb im Salon von Madame de Saint-Euverte.

„Ein Mann von Geist solle nur wegen einer Frau unglücklich sein, die das auch verdiene.“

Der Gatte schweigt dazu, wie Lothar Müller in

„Adrien Proust und sein Sohn Marcel. Beobachter der erkrankten Welt“, Verlag Klaus Wagenbach, 22,-

bemerkt. Doch lässt es sich der Erzähler nicht nehmen, die Vorlaute zu erstechen.

„Mit dem gleichen Recht wundert man sich, daß sich jemand herbeiläßt, wegen einer so unscheinbaren Kreatur, wie der Kommabazillus es ist, an Cholera zu erkranken.“

Die Referenz kommt nicht von ungefähr. Als Sohn eines staatspolitisch ausschlaggebenden Mediziners liegt sie für Proust auf der Hand. Für die Aristokratin ist es noch lange kein Allgemeinplatz, „das unscheinbare, nur unter dem Mikroskop sichtbare Bazillen ihre Opfer unabhängig von (deren) sozialen Rang erfassen“.

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In einer derRecherchevorangehendenMiniaturbeschreibt der Debütant den „unermüdliche Flug der Mauersegler“ vor seinen Pariser Fenstern als ein „Feuerwerk von Leben“.

Vielleicht ist das eine Indolenzfeststellung ex negativo. Marcel Proust kam leidend auf die Welt. In der Gegenwart der Werkgenese leidet er mit beachtlicher Ausdauer. Seine Familie überzieht er mit dem Geflecht der Schonung. Seine Krisen geben militant den Takt an. Die Mutter stellt die fadenscheinige Gesundheit ihres Erstgeborenen in das Zentrum eines gehobenen Fin de Siècle-Alltags. Sie nährt die Dünkel dieses Sohns und formt seinen Snobismus nach den Regeln einer herablassenden Gesellschaftsschicht.

Madame Proust reist mit dem Hinfälligen. Die Frau eines Titanen seines Fachs, der schon mit knapp dreißig Chef der PariserCharitéwar, und im Augenblick der Kindheit eines Genies General des nationalen Gesundheitswesens ist, liefert ihrem Mann Anlässe für die Vermutung, Neurasthenie sei eine Folge mütterlicher Fürsorgeexzesse.

Adrien Achille Proust (1834 - 1903) ist ein unfassbar tüchtiger Mann und insofern das schiere Gegenteil seines Stammhalters, der von den flüchtigsten Erscheinungen des Lebens förmlich aufgehalten wird. Professor Proust findet in der Hygiene einen Zivilisationsschlüssel. Seine herkulische Natur versichert Frankreich gegen manchen Schrecken, der sich im Schatten von Seuchen vorschleicht. Unter anderem verfasst er ein Standardwerk zur Behandlung von Neurastheniker:innen.

Die Mutter hält an ihrer (das Kind überthronenden) Praxis fest. Sie ist für Marcel, was Adrien Achille für Frankreich ist. Übrigens schließt Marcels jüngerer Bruder Robert zum Vater auf. Er reüssiert als Erfinder eines ambulanten Operationssaals und wirkt als Urologe so durchgreifend, dass französische Mediziner:innen eine perineale Prostatektomie alsProusstatektomiebezeichnen.

Philippe Soupaults Bruder Robert,selbst Chirurg, Sohn eines Arztes und Bruder eines Schriftstellers, widmete Robert Proust eine Abhandlung. Die Kollegen begegneten sich zuerst in dem von Marcel Proust besungenen Kurtort Cabourg-Balbec(Quelle).Der Künstler als Knabe gibt in der Sommerfrische den abgebrühten Beobachter. Er bemerkt „unfreundliche“ Hügel am Strand von Balbec. Den Bahnhofsvorsteher verortet er „zwischen Tamarisken und Rosen“. Er lächelt auf den „künstlichen Marmor“ der Monumentaltreppe im Grandhotel seines Aufenthalts herab. Den Direktor, „ein Fettwanst im Smoking“, verdächtigt er „einer kosmopolitischen Kindheit“.

In der Sommerfrische dient eine Großmutter als Ambulanz gegen die Panik. Es steht nicht zu befürchten, das sie mit der Unwillkürlichkeit einer Ahnungslosen Schäden am Enkel anrichtet. Die Ahne verabredet mit dem vielschichtig Leidenden eine Reihe von emergency measures, darunter so archaische wie Klopfzeichen. Die Stunden der Abgeschiedenheit im Bett stellen für sich genommen bereits einen Notfall dar. Im Regime der Krankheiten ist Marcel fern der Mutter stets nah dem Tod. Der Schlaf bringt die Gespenster der Angst.

Aus der Ankündigung

Ein Unbekannter wird entdeckt: Der Arzt und Seuchenbekämpfer Adrien Proust tritt an die Seite seines Sohnes Marcel Proust. Ein faszinierender Einblick in die verborgenen Beziehungen zwischen Medizin und Literatur um 1900.

Ein Schwarm von Ärzten und Kranken durchzieht Marcel Prousts Romanzyklus »Auf der Suche nach der verlorenen Zeit«. Seerosen werden mit Neurasthenikern verglichen, Liebeskranke hoffen, durch Impfstoffe immun zu werden, und im Salon von Madame de Saint-Euverte taucht der Komma- Bazillus, die Cholera, auf. Trotz dieser Überfülle an medizinischen Motiven in Prousts Werk rückte dessen Vater Adrien, seinerzeit als Pionier der Epidemiologie durchaus eine prominente Figur, kaum in den Blick.

Lothar Müller bringt Sohn und Vater wieder zusammen und wirft davon ausgehend ein neues Licht auf die Wechselwirkung zwischen moderner Literatur und Medizin. Er zeigt, wie sich der Sohn durch die Forschungswelten des Vaters inspirieren ließ und dass umgekehrt der Vater in seinem Kampf gegen die scheinbar aus dem Orient hereinbrechende Seuchengefahr auf die Formulierungskünste und die Vorstellungskraft seines Erstgeborenen zurückgriff.

So entsteht ein meisterhaftes Panorama des flirrenden gesellschaftlichen Lebens einer als Belle Époque verklärten Zeit, in der die psychischen Innenwelten literarisch neu erschlossen wurden und Europa den Globus nach seinen – politischen, kulturellen und hygienischen – Vorstellungen.

Zum Autor

Lothar Müller, geboren 1954 in Dortmund, Kultur- und Literaturwissenschaftler, bis 2020 Redakteur im Feuilleton der Süddeutschen Zeitung mit Sitz in Berlin, ist Honorarprofessor an der Humboldt-Universität zu Berlin. Für seine feuilletonistische Arbeit wurde er u. a. mit dem Alfred-Kerr-Preis und dem Johann-Heinrich-Merck-Preis ausgezeichnet.

14:20 28.08.2021
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