Bademeisterinnen Blues

Literatur Mehr zu Matt Haigs Roman „Die Mitternachtsbibliothek“ - Stets versäumt Nora Seed die Chancen ihren exzellenten Anlagen und wird wieder bloß Bade- anstatt Weltmeisterin.
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Die vielen Leben der Nora Seed

„Schließlich war ihrer DNA das Scheitern eingeschrieben.“

Jeder Entwurf eines versäumten oder vielleicht doch auch in einem Multiversum absolvierten, nur eben nicht in ihrer aktuellen Gegenwart repräsentierten Lebens vergrößert Noras Vorstellungskraft. Auf einem Schwebebalken zwischen Diesseits und Jenseits entwickelt Matt Haigs Heldin jenen Großoptimismus, der ihr in der Ausgabe als Aushilfe in einem Bedforder Plattenladen abging.

Eine Reihe von Varianten erscheinen kaum großartiger als das Plattenladenleben. In beinah jedem Existenzprojekt bleibt Nora hinter ihren Möglichkeiten zurück. Stets versäumt sie die Chancen ihren exzellenten Anlagen und wird wieder bloß Bade- anstatt endlich einmal Weltmeisterin.

Matt Haig, „Die Mitternachtsbibliothek“, Roman, aus dem Englischen von Sabine Hübner, Droemer-Knaur, 20,-

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Soziale Schwerkraft

„Das Universum tendiert zu Chaos und Entropie“, weiß Nora Seed.

Der wichtigste Gebrauchsgegenstand, den ich kenne, ist die Information.“ Gordon Gekko

„Energie ist für unser Überleben wichtig.“ Jim Al-Khalili

Energie ist lebenswichtig für uns. Wir bauen damit Strukturen auf, die uns schützen, sagt der britische Physiker Jim Al-Khalili. Er erklärt, wie „Energie und Information die Welt im Innersten zusammenhält“.

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„Dan ist ein Guter“, hatte die Mutter beinah schon auf dem Sterbebett gesagt, und Nora geraten, an dem in der Werbung gestrandeten Kunsthistoriker festzuhalten.

In der Rückblende auf ein Leben, das sie nie geführt hat, sieht sich die nie Verheiratete auf einem Hochzeitsfoto. „Schwarz-weiß, im Stil eines Reportagefotos. Dan und sie verließen gerade im Konfettiregen die Kirche. Ihre Gesichter waren nicht richtig zu erkennen, aber sie lachten beide und schienen.“

Zeugungssex

Als Ehefrau erscheint sie sich selbst straffer und gesünder als in dem wahrhaftigen Zustand eines lebensmüden Singles. Nora steigt zu ihrem Mann ins Bett. Auf den Nachtkommoden liegen Bücher für optimistische Leser*innen. Offenbar verstimmt die Wirtin Nora nichts bis zur Depression. Überrascht wird sie von der Frage, ob sie zum Zeugungssex aufgelegt sei.

Was zuvor geschah

Die Frage, die der Roman aufwirft, lautet:

Was hätte außerdem geschehen können? In einer Übergangsphase vor dem Tod, deren räumliches Zentrum die titelstiftende „Mitternachtsbibliothek“ ist, führen zufällige Impulse zu Varianten des faktisch Gelebten auf der Basis des Möglichen. Die kurz vor der Hochzeit ausgestiegene Nora findet sich in der surrealen Handlungsgegenwart im Ehebund mit Dan wieder, der seinen Traum von einem Pub auf dem Land (Oxfordshire) mit ihr gemeinsam wahrgemacht hat. Die beiden unterhalten sich im Bett. Dan fühlt sich herausgefordert. Er zweifelt am Verstand seiner Frau. Folgender Dialog entspannt sich:

Dan: „Okay, hör zu, wenn du heute Abend keine Lust hast, ein Baby zu machen, kannst du es einfach sagen, ja?“

Nora: „Was?“

Dan: „Andererseits müssen wir dann natürlich einen Monat warten, bis du wieder deinen Eisprung hast …“

Nora: „Wir versuchen, ein Baby zu kriegen? Ich will schwanger werden?“

Dan: „Nora, was ist los mit dir? Warum bist du heute so komisch?“

Stellen Sie sich das doch mal vor. Wenn da nicht der Hund in der Pfanne verrückt wird.

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Wenn dich nur noch die Durchgewunkenen grüßen

Mrs Elm leitet die Bibliothek der Hazeldene School in Bedford. Nora Seed spielt gegen sie Schach.

Die Bibliothekarin hasst Kälte und Nässe, und das auf dem Mutterkutter des Vereinigten Königreichs. Da, wo der Regen wohnt, und naßkalt - dank ein Kosewort ist.

Für die hochbegabte, in jede Richtung ausgreifende Nora ist „die Bibliothek ... eine kleine Oase der Zivilisation“.

Neunzehn Jahre später

Ash trainiert für den Bedford Spring Half Marathon. Unangemeldet besucht er Nora, die seit der Schachpartie mit Mrs Elm an allen Fronten sichtlich verloren ist. Er trägt noch seine Trainingssachen und dampft im Ausklang eines Runner‘s High. Nora hat eine Vergangenheit als Supersportlerin, super zumindest nach den Maßstäben ihrer Provinzhochburg Bedford. Aber jetzt geht es leider nur noch darum, dass ihr Kater tot aufgefunden wurde; als Opfer irgendwelcher Straßenrandereignisse. MattHaig verortet seine Heldin kurz vor dem Ableben, während die Leserin Nora doch gerade erst kennenlernt. Sie ist sofort angetan von dieser (in sich offensichtlich nicht richtig aufgehobenen) Person.

Tut mir leid, sagt Ash in einem umfassenden, Noras Leben in der Totale aufnehmenden Sinn.

Matt Haig, „Die Mitternachtsbibliothek“, Roman, aus dem Englischen von Sabine Hübner, Droemer-Knaur, 20,-

Seit ihrer Jugend jobbt Nora in einem Plattenladen. Das abgeschlossene Philosophiestudium und ein überbordendes Kreuzworträtselwissen haben sie nicht von einer prekären Existenz im Darkroom der Depression bewahrt.

Schön finde ich das falsche Bild, das Noras Chef Neil zum Trost seiner überqualifizierten Angestellten malt, als sie ihm von dem Druck berichtet, dem sie sich ausgesetzt sieht:

„Aber Druck formt uns. Wir beginnen als Kohle, und der Druck presst uns zu Diamanten.“

Kohle bleibt Kohle. Druck macht aus Kohle Staub.

Der Autor fährt negative Koordinaten hoch.

„Neun Stunden bevor sie beschloss zu sterben, irrte Nora ziellos durch Bedford. Die Stadt war ein Fließband der Verzweiflung. Das mit Rauputz versehene Sportzentrum, wo ihr verstorbener Vater einst zugesehen hatte, wie sie im Schwimmbecken …“

Ich sehe eine Kleinstadtbeschaulichkeit nach meinem Herzen. Nora blickt auf eine Jugend als beste Brustschwimmerin weit und breit zurück. Sie war der Star in einer Band mit Zukunft - The Labyrinths. Ihr Bruder Joe spielte Gitarre. Sie warf dann alles hin, Panikattacken vorschützend.

Nora trifft den Schlagzeuger, der nun in einer Covertristesse namens Slaughterhouse Four mitmischt. Ravi wirft ihr vor, eine Weltkarriere in den Wind geschlagen zu haben.

„Wir hatten einen Vertrag mit Universal. Direkt vor unserer Nase.“

Sie hatten den Vertrag so gut wie in der Tasche, nur in der Tasche hatten sie ihn noch nicht. Knapp vorbei ist auch daneben. Und Schuld sind immer die anderen.

*

Was hätte sie nicht alles sein und werden können: Olympiasiegerin (über hundert Meter Brust). Musikerin (weltberühmt). Philosophin (international anerkannt und fest angestellt in Academia). Gattin (von Dan, den sie zwei Tage vor der Hochzeit sitzen ließ). Weltreisende (…). Gletscherforscherin (…). Nora kursierte als Superbrain, solange sie ein Teenager war. Doch sobald das Leben die Ärmel hochkrempelte, war sie nur noch eine Fluse im Abflusssieb.

In der Romangegenwart grüßen die Durchgewunkenen Nora als eine Ihresgleichen.

Sie erzählen den Rotz von Wenn & Hätte. Es gäbe überhaupt keine zivilen Dramen, ohne das verf...te beinah. Beinah das Tor getroffen. Beinah nicht zu spät gekommen. Beinah den Vorsitz übernommen. Beinah gesund geblieben oder schwanger geworden.

Heimlich scheitern

Die gegenwärtigste Literatur bestimmt ein unversöhnlicher Blick auf das Scheitern. Man lehnt sich nicht mehr entspannt zurück, so wie die Held*innen meiner Ära, sondern hadert und krampft. Katastrophenkasper*innen und What-ever-it-takes-Fanatiker*innen errichten ein Regime, in dem man nicht mehr schulterzuckend in die Forever-Ferien geht. Kann man natürlich weiterhin vor einer Kulisse aus Samisdat-Sensationen.

Die Greenhornies kennen alle nicht mehr Becketts Mantra:

“Ever tried. Ever failed. No matter. Try again. Fail again. Fail better.”

Die Tristesse wahrgewordener Träume

Nora sucht schließlich nur noch den Tod. Doch sogar der Retter aller auf den Resterampen dieser Welt restlos Verdrossenen verweigert der Verliererin das Recht, sich selbst aus der Partie zu nehmen. Er transferiert Nora in einen seiner Vororte, wo Mrs Elm ewig ihr Amt als Hausherrin der titelstiftenden „Mitternachtsbibliothek“ versieht.

Die Debütantin auf dem Todesball verlegt sich aufs Bedauern. Im Zuge einer Talfahrt der Erinnerung vergegenwärtigt sie sich ihren Anfang mit Dan.

In der Gegenwart von Damals:

Der Kunsthistoriker Dan arbeitet in der Werbung, sieht aus wie ein TV-Tierarzt und träumt von einem eigenen Pub auf dem Land. In der Geisterbahn, die Nora eben bestiegen hat, vergehen mal eben zehn Jahre. Nun erscheint Dan zermürbt und geradezu überfordert in seiner Wunschrolle als Wirt. Nora begegnet ihm als Ehefrau; sie gleitet über die Schienen einer nicht realisierten Variante.

Haig baut das aus. Die zusammengetragenen Elemente taugen höchstens für eine traurige Bretterbude. Nora wäre auch als Dans Gattin seelisch verunglückt. In der kürzesten Kurzfassung verkrätzen Noras intellektuelle Vorsprünge den passionierten Aus- und Einschenker.

Nora & Dan betreiben das Three Horseshoes in der Klischeeversion des trinkenden, alle Kreditlinien überziehenden Wirts und seiner allezeit besorgten Ehe-Magd aka erheirateten Putzfrau.

Dan lebt für den Sprit und schätzt sich glücklich an der Quelle.

Zeugungssex

Vom Galan zum Gatten

Was wäre gewesen wen? Von dieser Frage geht Matt Haig in seinem Roman aus. Der anscheinend nur halb verstorbenen Nora werden in der „Mitternachtsbibliothek“ Zusatzaufgaben gestellt. So rattert sie durch ein Leben, das sie mit Dan hätte führen können. Der Durchgang zeigt ihr Dan als erbärmlichen Gatten, in dem der herausfordernde Verehrer sich wie eine eingesponnene Schmetterlingspuppe mumifiziert. Es gibt den Mann nicht mehr, in den sich Nora verliebt hat.

Dan war mal einer von denen, die immer auf zwei Hochzeiten gleichzeitig tanzen wollen. Der Kunsthistoriker suchte seine Chancen erst in der Werbung, bevor er sich seiner Passion ergab und einen Provinzpub übernahm. Jetzt sieht Nora das Vollbild einer Person, die lange angenehm vielseitig wirkte. Dan ist nur ein als Wirt maskierter Alkoholiker, den Nora körperlich vermeidet, es sei denn, sie zieht ihn zu Zeugungsversuchen heran.

Matt Haig, „Die Mitternachtsbibliothek“, Roman, aus dem Englischen von Sabine Hübner, Droemer-Knaur, 20,-

Dans Fürsorge findet Nora in der Doppelrolle als Gattin und Beobachterin „manipulativ“.

Im nächsten Anlauf bespielt sie das Feld ihrer Begabungen. Als leistungsstarke Schwimmerin wendet sich die Jugendliche der Musik zu und zeigt da auch Durchbruchfähigkeiten. Sie bedenkt ein Talent zur Konzentration. Im Roman ist von Fokussierung die Rede.

„Man wird eins mit dem, was man tut.“

Aufgeschmissen in Australien

Im nächsten Augenblick bemerkt Nora, dass sie tätowiert und vernarbt ist. Auf der vibrierenden Metaebene einer überfliegenden Betrachtung erscheint ihr das grotesk. Sollte sie ein Leben in der Geschmacksverirrung versäumt haben? Jedenfalls hätte es in Sydney einen Dreh- und Angelpunkt gehabt.

*

„Nora hatte immer geglaubt, Mittelmäßigkeit und Enttäuschung seien ihre Bestimmung.“

Plötzlich genießt sie sich wie nie zuvor: ausgerechnet in einer polaren Extremlage.

„Dieses Leben war sehr intensiv und kompromisslos. Momentan herrschten hier –17 Grad, und sie war fast von einem Eisbären gefressen worden.“

Paradox erscheint das Glück unter Druck nur dem, der davon ausgeht, dass der akute Zivilisationsstand bereits in steinzeitlichen Entwürfen vorgezeichnet wurde. Realist*innen vermuten Gründe für das Unbehagen in der Kultur auch da, wo man die posttraumatische Belastungsstörung in einem Korrespondenzverhältnis zur posttraumatischen Reifung betrachtet.

„George Bonanno, Professor an der Columbia-Universität, geht davon aus, dass posttraumatisches Wachstum nicht die Ausnahme, sondern die Regel ist. Nach seinen Studien sind 60 – 80 % der Menschen, die eine tiefgreifende Krise durchlebt haben, in ihr langfristig zufriedener und stärker geworden. Die schmerzvollen Rückschläge und Erfahrungen verschaffen nach Ansicht des britischen Psychologen Martin Phillips der betroffenen Person Klarheit, was sie tatsächlich will und v. a., was sie tatsächlich braucht. Dadurch kann sie authentischer und glücklicher leben.“ Wikipedia

Die vielen Leben der Nora Seed

„Schließlich war ihrer DNA das Scheitern eingeschrieben.“

Jeder Entwurf eines versäumten oder vielleicht doch auch in einem Multiversum absolvierten, nur eben nicht in ihrer aktuellen Gegenwart repräsentierten Lebens vergrößert Noras Vorstellungskraft. Auf einem Schwebebalken zwischen Diesseits und Jenseits entwickelt Haigs Heldin jenen Großoptimismus, der ihr in der Ausgabe als Aushilfe in einem Bedforder Plattenladen abging.

Eine Reihe von Varianten erscheinen kaum großartiger. In beinah jedem Existenzprojekt bleibt Nora hinter ihren Möglichkeiten zurück. Stets versäumt sie die Chancen ihren exzellenten Anlagen und wird wieder bloß Bade- anstatt endlich mal Weltmeisterin.

Aus der Ankündigung

Stell dir vor, auf dem Weg ins Jenseits gäbe es eine riesige Bibliothek, gesäumt mit all den Leben, die du hättest führen können. Buch für Buch gefüllt mit den Wegen, die deiner hätten sein können.
Hier findet sich Nora Seed wieder, nachdem sie aus lauter Verzweiflung beschlossen hat, sich das Leben zu nehmen. An diesem Ort, an dem die Uhrzeiger immer auf Mitternacht stehen, eröffnet sich für Nora plötzlich die Möglichkeit herauszufinden, was passiert wäre, wenn sie sich anders entschieden hätte. Jedes Buch in der Mitternachtsbibliothek bringt sie in ein anderes Leben, in eine andere Welt, in der sie sich zurechtfinden muss. Aber kann man in einem anderen Leben glücklich werden, wenn man weiß, dass es nicht das eigene ist?
Matt Haig ist ein zauberhafter Roman darüber gelungen, dass uns all die Entscheidungen, die wir bereuen, doch erst zu dem Menschen machen, der wir sind. Eine Hymne auf das Leben – auch auf das, das zwickt, das uns verzweifeln lässt und das doch das einzige ist, das zu uns gehört.

Zum Autor

Matt Haig, Jahrgang 1975, ist ein britischer Autor. Seine eigenen Erfahrungen mit Depressionen und Angststörungen sind auch stets ein zentrales Thema in seinen Büchern. Bei dtv sind von ihm zuletzt die Romane "Ich und die Menschen" (2014) und "Wie man die Zeit anhält" (2018), sowie die Sachbücher "Ziemlich gute Gründe, am Leben zu bleiben" (2016) und "Mach mal halblang" (2019) erschienen. Matt Haig lebt mit seiner Familie in Brighton.

05:41 30.01.2021
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