Badeschaum des Wahnsinns

Söhre/Kaufunger Wald Simone und ich lebten in einem aufgegebenen Jagdhaus der Försterei Fahrenbach in der Söhre. Ich leistete Zivildienst und vermisste nichts.
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In der Söhre

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Vorgestern habe ich angefangen, mir Antonia „Toni“ Weber noch einmal klarzumachen.

Es fällt mir nicht leicht, Toni wiederauferstehen zu lassen von den Toten in der Gruft meiner Jugend. Keine® hat zu seinem/ihrem Vorteil überlebt. Auch Toni existiert noch als Wahlberechtigte weit weg von den schwarzen Kleidern, in denen sie fleißig einen Star nachahmte, der von Radiomoderatoren als postexistenzialistische Rockröhre bezeichnet wurde.

Toni war die Witwe unseres Selbstmörders Martin Freitag. Wir hatten nur einen Selbstmörder. Er verabschiedete sich aus dem Kreis jener, die vor dem Abitur Vorlesungen bei Johannes Seifert protokolliert hatten, die Rimbaud verehrten und dessen abenteuerlichen Lebensweg vorbildlich fanden. Martin hatte aber auch bei uns mitgemacht, sich jungsozialistisch geriert und Toni dazu gebracht, in ihm ihren Seelenbruder und dann sogar den Abgesandten zu erkennen.

Jeder hätte Toni dahin bringen können, das Besondere mit seiner Person pathetisch zu verbinden.

Sonst noch hatten wir oder auch nicht:

Zwei als Schülerinnen Schwangere, einen sechzehnjährigen Abiturienten, eine, die mit fünfzehn Punkten in allen Fächern vorzeitig abschloss, einen vizedeutschen Sprintmeister, einen Judoeuropameisterschaftsdritten, einen Boxeuropameisterschaftsfünften, eine leichtathletische Olympiaanwärterin, die an der letzten Qualifikation scheiterte, ein halbes Dutzend Schulabbrecher*innen; keinen Straffälligen bis zum Abitur, keine Schüler*innenhochzeit. Keine Schulband auf dem Weg zum Weltruhm. Keinen politischen Kopf. Keine angehende(n) Großschriftsteller*in.

Toni zierte den Narrensaum. Der Narren König war Erich Weinteufel. Die wie ein Jet aufsteigende Jungsozialistin Iris Leise nahm Erich als letzten eingeborenen Liebhaber sowie als Baal-Baader, Revolutionspopanz, männliche Schlampe und Schaumschläger des Wahnsinns in Besitz. Iris liebte es, im Spa (Sanus per aquam) der von ihrem Vater Heinrich errichteten Festung am Fuß der Dönche eingeseift zu werden. Ich kann ein Lied davon singen. Eine Kritikerin bezeichnete einst die Testosteronversion meiner aktuellen Auskopplung als „ungehemmte Reaktion auf die jahrhundertelange Verketzerung des Eros und der natürlichsten Instinkte des Menschen.“

Erich übernahm es, Toni über ihre Klippen zu treiben. Toni war die Tochter eines sächsischen Schuhmachers mit einer Vergangenheit als Spartakiade Sieger. Jeden Sonntag zwang Vinzent Weber seine Familie in die Kirche. Vinzent fand Erfüllung im neidischen Verzicht. Nach Martins Selbstmord schloss sich seine Tochter Erichs Anarchisten an. Die Weinteufel verehrten Fritz Teufel und Charles Manson. Sie zelebrierten schwarze Messen. Toni erschien mondän in ihrer Verzweiflung, wenigstens nach unseren Maßstäben. Sie gab die junge Witwe so lebensmüde, dass sie nichts mehr hielt. Ihr war, als ob es tausend Stäbe gäbe ... Als Beifang der Terrortagträumer überstand sie eine Anklage wegen Nötigung, Verleumdung und Nachstellung nach § 238 ohne Verurteilung. Fraglich blieb, wie sehr sich Toni gegenüber der Staatsanwaltschaft unter vier oder sechs Augen eingelassen hatte.

Jede sich der Wahrheit nähernde Äußerung wäre eine Selbstanzeige gewesen.

Toni war ein Halm im Wind. In der nächsten Runde fügte sie sich in den Rahmen, den Simone Schilling sich gegeben hatte. Toni kämmte ein paar Flöhe der Ähnlichkeit aus sehr verschiedenen Pelzen.

„Das Gemeinsame ist wahr, das Ähnliche ist falsch.“ Georges Braque

Simone war als (mit ihrer Mutter gemeinsam versetzte) Berlinerin diasporisch in dem Dorf meiner Kindheit erwachsen geworden. Nach Jahren der Abwehr erwachte sie eines Morgens mit einem neuen Gefühl für ihre Umgebung. Fortan war Simone so nordhessisch gestimmt, dass sie dazu eine Biografie ohne Ahnentadel weiterspann.

Simone hatte spät, doch nicht zu spät ihr Glück begriffen. Toni wollte etwas davon abhaben. Sie machte sich meiner Freundin angenehm.

Simone und ich lebten in einem aufgegebenen Jagdhaus der Försterei Fahrenbach in der Söhre. Ich leistete Zivildienst und vermisste nichts.

13:06 18.03.2019
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