Parasit:innen seit den Pharaon:innen

#Leben Claire behauptete, der Heinermüllersatz „Optimismus ist nur ein Mangel an Information“ sei in Wahrheit von Burroughs
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Das Gift knallte sofort durch die Blut-Hirn-Schranke. Claire behauptete, der Heinermüllersatz „Optimismus ist nur ein Mangel an Information“ sei in Wahrheit von Burroughs. Pulëbardha kannte eine Steigerung zu dieser Herabsetzung Müllers. „Sei wie das Wasser“ sei in Wahrheit gar nicht von Bruce Lee, sondern von Miyamoto Musashi. Das war starker Tobak, fand Jane.

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Jane Jakarta war zwölf und erbittert. Das Leben erschien ihr tragisch und ihre Ratgeberinnen, halberwachsene Mädchen in der Raucher:innenecke, die mit ihrer Lebensmüdigkeitkokettierten, sagten: „Joyce ist Gott.“

Solche Behauptungen belasteten Jane, da sie zweifelte.

Es gab zuwenig Qualitätsbewusstsein neben zu viel Wahn und einer entstellenden Wichtigtuerei. Wichtig war zu wissen, wer den Inneren Monolog mit Cut up verbunden hatte. Jane wusste, dass der Name, den man mit einer Methode verbindet, in der Regel nicht die Erfinderin der Methode identifiziert. Man musste Édouard Dujardin und Brion Gysin kennen. Aus einem vergessenen Grund gehörte zum Stock abweichender Bildung auch die richtige Antwort auf die Prüfungsfrage: „Welcher Name steht auf dem Taufschein von Comte de Lautréamont*?“

*Isidore Lucien Ducasse

Während Jane hoffte, den intelligentesten Adoleszentinnen im Territorium imponieren zu können, ahnte Janes beste Freundin Viola, dass Jane Intelligenz mit Schönheit verwechselte. Es ging um das schönste Trio der Schule, bestehend aus Carla, Alberta und Pulëbardha, wobei Pulëbardha (Möwe auf Albanisch) den Vogel abschoss. Den drei Debütantinnen passte der lebenslang alimentierte William Burroughs als Sidekick zu Joyce. Burroughs war ihre Queen of Queer. Sie lasen ihn als William Tell, der aus Versehen seine Frau Joan Vollmer (beim Wilhelm-Tell-Spiel mit einem Whiskyglas anstelle des Apfel) erschossen hatte. Auch Niki de Saint Phalle, der Familienname war kein Pseudonym, hatte ihre Schießkunst zur Marke gemacht. Sie jagte Kugeln in Farbeimer und Spraydosen und schuf so „blutende Bilder“.

Pulëbardha wurde gern von ihren Idolen enttäuscht. Alle paar Monate entzückte sie eine neue Enttäuschung. Sie entlarvte Bukowski und überführte Baudelaire und kam dem überaus populären Robert Crumb auf die Schliche. Eines Tages nahm sie Jane beiseite, die Elevinnen verbrachten ihre Nachmittage in der paradiesischen Weitläufigkeit bürgerlicher Habitate, hundertfünfzig Quadratmeter in einer Haschischwolke, waren ja alles Ärztinnen- und Oberlandeskirchenrätinnentöchter, um der unbedarften Verehrerin die erschütternde Mitteilung zu machen, sogar Burroughs sei ein von ihr eben überführter Trickser. Pulëbardha war deshalb ganz übel. Man versteht die Tragweite des Blödsinns dann richtig, wenn man weiß, wer Carlos Castaneda war, und außerdem weiß, dass Pulëbardha das angeblich „indianische“** Initiationsschema dieses Schelms für bare Münze nahm. Wie Burroughs war sie „Auf der Suche nach Yagé“; Pulëbardha wartete auf die Schamanin, die dann auch direkt aus Bochum eintraf.

**First Nation of America

Damals kriegte ein Orchideenfach Auftrieb. In der Ethnologie kreierte sich der Typus der experimentellen Drogenethnologin. Die Bochumer Ethno-Pharmakologin Claire Kopezky erschien als barock-bramarbasierende Vermittlerin zwischen singulärer Wirklichkeit und einer Geisterinnenwelt aus dem Land der Jaguarin. In einer Teestube erzählte Claire, wie stümperhaft Burroughs auf „der Suche nach Yagé“ vorgegangen sei. Noch heute würde man sich in kolumbianischen Käffern an einen Mister Burro erinnern. Burro wie Esel.

Claire hatte Yagé am Stück mitgebracht. Sie erläuterte den Dreh bei der Zubereitung der Knolle, so dass die Pflanze ihre halluzinogene Potenz den Eingeweihten zur Verfügung stellte. Claire redete sehr inspiriert. Sie warnte vor einem uninspirierten Umgang mit Yagé. Ihr Vortrag stellte Burroughs in den Schatten. Sie kolportierte das lange Gerücht eines unterkühlten Gringos, el hombre invisible, der an einem toten Punkt von Lateinamerika aus dem Bus steigt und sich in einer Taberna nach dem Mann mit den Drogen umhört - delierende Stimmungen wie aus Malcolm Lowrys Roman „Unter dem Vulkan“.

Wie Walter Benjamin reagierte Burroughs intensiv auf Paul Klee. Claire erklärte die Teestube zurInterzone. Sie präsentierte Burroughs’ Engel der Geschichte. Das Bild zeigt ein aztekisches Totem oder einen Vulkan als Vulva oder so was Ähnliches. Burroughs habe Figuren geschaffen, die sich unter gewissen Umständen, in einem besonderen Licht, als puren Schleim zu erkennen gäben. Sie könnten die Gestalt wechseln, doch immer saugten sie ihre Wirte aus: Parasit:innen seit den Pharaon:innen.

Gleich mehr.

17:29 10.06.2021
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