Barrierefreie Action

Klimastreik Berlin ist die Stadt der revolutionären Greise. Rauchend und krauchend kapern sie eine Jugendbewegung. Rauchen für das Klima. Die Omas gegen Rechts sind absolut ...
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Berlin ist die Stadt der revolutionären Greise. Sie wittern Morgenluft an ihrem Lebensabend. Endlich wieder Aufstand und Rollator-gerechte, barrierefreie Action. Krauchend kapern sie eine Jugendbewegung. Sie sind auch die einzigen, die noch rauchen. Rauchen für das Klima. Die Omas gegen Rechts sind als Omas gegen den hausgemachten Klimawandel jederzeit einsetzbar.

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„Zusammenarbeit hat uns evolutionär-effektiv gemacht.“

Das ist das Credo einer Sprecherin, die für Distinction Rebellion wirbt. Die Aktivistin fordert ihre Zuhörer*innen auf, sich zu organisieren und die Klimapolitik außerparlamentarisch aus der Entschleunigung zu führen.

„Es geht um unsere Zukunft.“

So lautet das Postulat der Stunde.

„Es gibt keinen Planeten B.“

Das ist der griffigste Klimastreikslogan weit und weit. Während auf dem Potsdamer Platz Vorbereitungen für eine weitere Protestrednerrunde getroffen werden, stauen sich auf der Friedrichstraße klimaaktive Bürger*innen, die den Anschluss an jene suchen, die auf der Strecke zwischen Siegessäule und Brandenburger Tor bereits massenhaft geworden sind. Aus allen Seitenstraßen quellen Züge, die in jedem Fall lang genug für eine Demonstration gegen kleinere Übel erscheinen. Ab und zu taucht eine Formation mit geschultertem Widerstandsequipment in einen Schacht unter den attraktiv bemusterten Asphaltbahnen und zeigt sich sogleich verschwunden in der Anderswelt beruflicher und familiärer Anforderungen oder auch nur des über Gleise kreischend gleitenden Untergrundbetriebs. Offenbar nutzen einige ihre Mittagspause für ein Tête-à-Tête mit engagierteren Zeitgenoss*innen. Nach amtlichen Feststellungen sind Hunderttausend den Aufrufen gefolgt. Ich glaube, es sind sehr viel mehr. Der Tiergarten ist ein Schauplatz temporärer Separationen. Man sonnt und labt sich sonst wie, dann latscht man weiter. Da sind Tausende mit Kind und Kegel im Feiertagsmodus.

Berlin ist die Stadt der revolutionären Greise. Sie wittern Morgenluft an ihrem Lebensabend. Endlich wieder Aufstand und Rollator-gerechte, barrierefreie Action. Krauchend kapern sie eine Jugendbewegung. Sie sind auch die einzigen, die noch rauchen. Rauchen für das Klima. Die Omas gegen Rechts sind als Omas gegen den hausgemachten Klimawandel jederzeit einsetzbar.

Die Traditionalist*innen gewinnen in einzelnen Abschnitten die Oberhand. Wäre eine Altersbestimmung anhand von Sachen angebracht, böten die phantasievolleren Accessoires einen verlässlichen Anhalt für den Gesellschaftsveränderungsdrang von Rentnern. Auch das ganze Getrommel ist ein Repertoirerelikt oder auch -delikt.

Jemand sagt in einem Kreis Erwachsener: „Wir machen etwas Gutes für die Erde;“ als wäre sie bei uns zu Besuch. Als wären wir die Gastgeber*innen.

Biertrinken gegen den Klimawandel gemeindet den Protest ein in den Berliner Alltag. Auf der breiten Transmissionsleiste des Feierabends wird Berlin zur Nuckel-Ambulanzgemeinschaft.

Auch Bob Dylan geht noch immer, gern mit dazu gedichteten Strophen.

Der große Spaziergang hat keinen Prozessionscharakter. Der Fun-Faktor dominiert. Adorno: „Fun ist ein Stahlbad.“

Gegen halbzwei ergibt sich auf dem Potsdamer Platz folgendes Bild:

Die halbe Stadt zieht die Mittagspause vor Cafés in die Länge oder steht im Stau. Sie staunt oder ärgert sich über eine perforierte Latschlinie. Die Sammelbewegung wird von Auflösungs- und Erweiterungsphänomenen ständig belebt. Ständig bröckelt etwas ab und kommt etwas dazu im Spektrum zwischen heiligem Ernst, staatsbürgerlicher Ansage und Überbietungslust in einem Wettbewerb der Seltsamkeiten.

09:33 21.09.2019
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