Milchreis im Zipfelhut

Auf der Ziellinie Die Gravitationen offenbaren sich stets. Wer ist das Kraftfeld? Wer wird angezogen?
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Der schwedische König fragte Tilde beim Bankett nach ihrer Berufstätigkeit. Sie entgegnete ...

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Da kommt Chaska von Eulenburg. Sie hat eine Vergangenheit als Pianistin und sucht nun Zuflucht in anekdotischer Evidenz. Ihre Erinnerungen könnten einem Stück von Tschechow entnommen sein: „Jenseits von Moskau waren Künstler eine Erfindung und Pferde real.“ In der Gegenwart des beschworenen Damals geben Leute einen Monatslohn für zwei Konzertkarten her. Ihre Nöte schmieden sie zu Komödien.

Sie leben in einer Proponentengesellschaft und werden zur Selbstkritik angehalten. Reue kann befohlen werden. Der Alltag eines UdSSR-Untertanen verlangt gegenüber den administrativen Instanzen einen Vorsprung an dummer Schläue. In den Duellen mit ewigen Instanzen ist das zu wenig.

Scheiß drauf. Das ist vorbei. In der Handlungsgegenwart steht Chaska mit ihrer realsozialistischen Prägung und lauter Untergangserfahrungen auf verlorenem Posten. Die Welt hat sich an ihr vorbeigedreht, die Musikerin erscheint wie ein plapperndes Nachbild.

Sie spielt schon lange nicht mehr. Ihre Schöpferin (ich) gestatte ihr ein paar grandiose Züge, die das Depot nicht mehr verlassen. Der Mann ist tot, die Kinder sind weg … Chaska ist allein. Etwas anderes als die Aussicht auf den Tod gibt es nicht mehr, sieht man ab von einem italienischen Restaurant mit freundlicher Bedienung und von dem fahlen Interesse der Erzählerin, die Chaska seelisch nicht überragt.

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Als Romain Rolland ein Jahr vor Carl Gustaf Verner von Heidenstam und drei Jahre nach Gerhart Hauptmann 1915 den Nobelpreis bekam, war er der vierzehnte Empfänger einer Ehre, die auch über hundert Jahre später noch mit dem größten jährlich wiederkehrenden Gesellschaftsereignis Schwedens verbunden ist. In diesem Zeitraum fand das Komitee nur vierzehn Schriftstellerinnen preiswürdig: Selma Lagerlöf, Nelly Sachs, Nadine Gordimer, Grazia Deledda, Sigrid Undset, Pearl S. Buck, Gabriela Mistral, Toni Morrison, Wislawa Szymborska, Elfriede Jelinek, Doris Lessing, Herta Müller, Alice Munro und Swetlana Alexijewitsch.

Dieses eklatante Missverhältnis stiftet das Gespräch des Abends. Signe von Gallard schlägt den scharfen Hashtaghagelton eines Feminismus an, der radikale Aushandlungsmodelle feiert. Signe widersetzt sich Tilde von Bienenstichs Forderung, jeder Feminismus müsse in einem flaubertin-proustianischen Sittenbild des Westens verankert sind; anderenfalls stünde sie jedenfalls nicht zur Verfügung.

Wie kindisch, sagt ihr. Von mir aus. Denkt, was ihr wollt. Ich schenke Punch und Bowle nach und befleißige mich eines lächerlichen Eifers als Gastgeberin. Chaska macht mir die Freude, mich großartig zu finden.

Mit Signe ist nicht viel los. Sie macht Frederike von Milchreis mit der gleichen Masche an, die sie vor Jahrzehnten bei der damals teuer gehandelten Chaska einsetzt. Es tut ihr nicht weh, sich selbst beschränkt zu finden. Nach außen regiert sie pompös, doch in ihrer Familie steckt Signe wie das gekochte Ei im Zipfelhut.

Die Gravitationen offenbaren sich stets. Wer ist das Kraftfeld? Wer wird angezogen? Die jugendliche Tilde brachte die literarische Produktion ihrer Geliebten und späteren Gattin zur Publikationsreife. Sie hat(te)) die Ideen und eine lebhafte Familiengeschichte. Tilde ist immer noch eine von sich selbst gelangweilte, puritanisch geprägte Verweigerin ihrer WASP-Herkunftsstandards. Makeda von Saba zu heiraten, War Rebellion und ihre Texte zu verbessern, war besser als Sex. Das war alles lange lustig.

Als Ehefrau übernahm Tilde die ganze Geniearbeit. Sie schrieb die Romane, mit denen Makeda berühmt wurde. Täglich saß sie acht Stunden am Schreibtisch, während Makeda ihr die aus Heimen geholten Kinder vom Hals hielt und all das mehr schlecht als recht erledigte, was mit dem Management der Haushalte zusammenhing.

Das war der Deal. Tilde trug das Weltniveau zur Vertragserfüllung bei und Makeda liefert die Attitüde und eine Biografie, die für Homestorys taugte. Beide wähnten sich auf der sicheren Seite des eigenen Vorteils.

Inzwischen spielt das alles keine Rolle mehr. Wir sind beinah alle auf der sicheren Seite angekommen. Uns alten Schachteln geht es um Diskretion im Darkroom des Vortodes. Wir lieben die coole Performance, das parfümierte Understatement, die weißen Privilegien selbstverständlich ungeachtet der Hautfarbe.

Makeda weiß, dass sie eine (nicht völlig) taube Nuss ist. Sie spielt ihre Rolle vortrefflich und patzt selten. In dreifacher Hinsicht war sie die erste Sowieso, Soundso und Pipapo, der die höchste literarische Auszeichnung zuteil wurde. Das Paar donnerte nach Stockholm, wo die Fassade beinah brach. Aber auch das ist längst Schnee von gestern.

Es hat uns aber darüber belehrt, dass nichts gefährlicher ist, als der Augenblick der Vollendung. Wenn man endlich kassieren will, brechen die Tragflächen und der Schmetterlingsleib der Leichtigkeit geht in Flammen auf.

Ein Hoch auf jede erfahrene Pilotin.

Makeda spielte die Schreibgranate als bourgeoise Schlehmila und schlaue Dummy. Sie hatte mit so vielen Männern Affären, dass wir uns auch heute noch manchmal fragen, ob Makeda nicht vielleicht nur aus strategischen Gründen in einer gleichgeschlechtlichen Ehe überwintert. Ich weiß, wie rassistisch euch der Verdacht erscheint. Der einzigen Schwarzen an Artusas Tafelrunde unterstellt das Gerücht Unredlichkeit.

Uns allen, die wir über die Maßen gesegnet sind, geht um Intelligenz, Talent, Integrität, Glück. Der schwedische König fragte Tilde beim Bankett nach ihrer Berufstätigkeit. Sie entgegnete stolz wie Bolle: Ich bin eine Königinnenmacherin.

Gleich mehr.

08:44 04.02.2021
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