Beifanggeschehen

Migration Noch auf der letzten Schwelle hält sich Akim Wladimir Iljitsch für unsterblich.
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„Hierzulande ist man verschwiegener und zugleich besser informiert als die Polizei in Diktaturen. ... Wenn du Besuch hast, kann dir am nächsten Tag im Gemüseladen ... ein Blick von biblischer Tiefe begegnen ... . Wenn man hier jemanden verklagt, ... so muß man sich einen Rechtsanwalt von außerhalb nehmen.“ Joseph Brodsky, Ufer der Verlorenen
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Noch auf der letzten Schwelle hält sich Akim Wladimir Iljitsch für unsterblich. Das hat er sich mit fünf geschworen: Alle werden vor mir sterben. Doch nähert sich der Aufstand gegen die irdische Endlichkeit seinem ewigen Ende. Iljitsch stellvertretende (und nun kommandierende) Kaderchefin verkündet den Tod des Patriarchen der Revolution in einem Vorgriff. Iljitsch lebt noch, vermindert von Gedächtnisverlusten, als bei seiner Tochter Naomi der Nigerianer Adeola Akono aufkreuzt und behauptet, ein Enkel ihres Vaters und im Weiteren ein Prinz zu sein. Der neue Neffe etabliert sich mit dem Narrativ einer unfassbaren Leidensstrecke.
Im Powerpräsens des Überlebens

Prinz Akono passiert die Sahara auf einer Schlepperroute. Er überwindet Sandgrenzen mit kolonialen Vorgeschichten und linealen Anfängen. In Libyen erlebt er den Höllenkreis gnadenloser Gefangenschaft; ein Martyrium auf Kaskaden der Agonie. Eines Tages öffnen sich Türen und Tore und die Sonnenfaust der Freiheit trifft Prinz Akono gemeinsam mit den Hieben der Soldaten, die das Konzentrationslager räumen. Die auf die Straße Geprügelten verdienen nach Ansicht der Schergen nur Verachtung und Schläge.

Viel später erst begreift Prinz Akono den Grund seiner Entlassung.

Der unbekannten Verwandten begegnet er just an jenem Tag, als der italienische Staatschef Muammar al-Gaddafi in Rom empfängt und so den Diktator aufwertet. Es geht um Gas und Öl. Zum Deal gehört die temporäre Schließung der übelsten libyschen Kerker. Silvio Berlusconi steht an der Spitze einer Pyramide der Korruption. Die Zweifelhaften haben den Staat übernommen. Berlusconi verschleiert kaum, dass er sich als Erbe Mussolinis sieht. In der Beletage ist der Faschismus salonfähig.

Naomi, links, ledig, Lehrerin, eine Bastion des Widerstands gegen die Krypo-Faschisten an der Macht, liebt mit durchgreifender Leidenschaft einen Gefolgsmann Berlusconis. Ein Anruf des Abgeordneten kann Karrieren starten und beenden. Er ist ein Objekt der Begierden in einer verfilzten Gesellschaft. Ein Bruch und Plunder der Beliebigkeit verstellt alle Wege zur Integrität.

Das ist alles ist nur Beifanggeschehen einer Odyssee. Nach der afrikanischen Logik zählt Prinz Akono zu den Siegern. Er hat die Wüste und das Gefängnis überlebt und ist auf dem Seeweg nach Europa weder ertrunken noch verdurstet. Nun raten ihm Auguren der prekären Migration, sich als ... auszugeben und die Erstaufnahmeeinrichtung von S. aufzusuchen. Da wird Prinz Akono abgelehnt.

In Naomis Familiengeschichte jagen sich späte Offenbarungen. Die Tochter eines Bigamisten erfuhr im Verlauf ihrer Jugend von einem halben Dutzend Halbgeschwistern. Der Vater legte eine Genspur durch Europa und Afrika. Die Produkte von mehr als einem Doppelleben umschwirren Naomi, die ihre Tochterkarriere als vermeintliches Einzelkind begann.

Iljitsch führte ein Leben ohne Reue. In der Blüte seiner Jahre war er so korrupt wie alle, die es in seinem Milieu zu etwas gebracht haben. Daraus ergibt sich ein besonderer Blick auf Durchstechereien: die italienische Perspektive. Da, wo sie sich mit der afrikanischen Logik trifft, entsteht ein Schaufenster der Zukunft. Ohne die Exploitationskampagnen seit den westindischen Abenteuern des Kolumbus wäre Europa zu schwach, um auch nur eine Grenze zu halten. Die alten Kolonialreiche erheben als Demokratien weiterhin Anspruch auf Überlegenheit. Sie wollen, so sagt es Patrick Chamoiseau, „Elend, Terror und Armut“ an einem anderen Ende der Welt „anpflocken“. Jahrhundertelang konnten sie vom Youth Bulge über die Lohnkosten und den Müll bis zu ihren Schwerverbrechern Belastungen exportieren und sonst wo vergesellschaften. Jetzt kommt die koloniale Verwüstung Afrikas in Europa an.

Gleich mehr.
07:23 07.02.2021
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