Berliner Bullshit

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Die dazwischen quakenden Leistungsnachweise und die sich geschwisterlich solidarisierenden Partner:innen erfüllen Funktionen beim Einheimsen von Aufträgen. Der Bullshit braucht Berlin. Das versteht Sıyığı in Steinhain zu spät.

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Steinhain füllt auf Sand und Lehm einen nordhessischen Winkel. Ein Steinhainer könnte jedem Dahergelaufenen Artifakte aus der vorfränkischen Zeit vorlegen und ihn unter Eschen und Eichen auf einen Thingplatz führen, nur, warum sollte er das tun? Er überblickt als Informierter zwölfhundert Jahre Ortsgeschichte. Erst im 19. Jahrhundert ließ man sich dazu herab, gemeinsam mit den Marschbacher:innen von nebenan größer zu werden. Dazu muss gesagt werden, dass der Bürgermeister stets ein Steinhainer war. Inzwischen wurde man zwar zum Riss der Bestien Gebietsreform und kommunale Neuordnung. Immerhin ist man im Zuge der Eingemeindung nicht verblutet.

So liegen die Verhältnisse idyllisch herb, in die akademisch blöd und mit entzündeten Existenzzahnhälsen Karma Semolina mit ihrer Tochter Gentile, dem alten Sack Sıyığı und der Hündin İrmik aufschlägt, als wäre kein Platz mehr in Berlin.

Die Familie bringt das Übliche mit, also nichts, was vor Ort zu gebrauchen wäre. Die Neuen fühlen sich großstädtisch überlegen, während die Rohrzange Anpassung sie kneift. Karma arbeitet für die kleinste Münze legaler Löhnung in einer IT-Laube. Sıyığı überlässt ihr die Hausarbeit. Hat sie studiert, um sich als ihre eigene Magd vorzusagen: mir geht es gut? Der Dorfspäti wartet an der nächsten Ecke. Die Nachbar:innen sind nett. Mir geht es gut. Der Sıyığı ist rücksichtslos, die Gentile launisch: mir geht es gut. Sıyığı weiß als Nerd, wie man sich aus dem Alltag drückt und in einer Seidenspinnerei alle und alles an sich vorbei laufen lässt. Noch ernährt er die Familie mit seinen Wolkenkuckucksheimprojekten.

Allmählich geht Sıyığı auf, wie wichtig es war, für seine drei, vier Auftraggeber:innen persönlich erreichbar zu sein. Viel ergab sich im Rahmen von Begegnungen auf einer Basis flüchtig formulierter Verabredungen. Ständig traf man sich auf einen Kaffee zwischen Tür und Angel. Dann hatte man sich wieder festgequatscht. Die Angehörigen stießen zum Kern. Alles kriegte Bedeutung im schicken Stehgreif, den aus der Luft gegriffenen Argumenten. Dazwischen quakende Leistungsnachweise und sich geschwisterlich solidarisierende Partner:innen erfüllten Funktionen beim Einheimsen der als Freundschaftsdienste deklarierten Aufträge.

Der Bullshit braucht Berlin. Das versteht Sıyığı in Steinhain zu spät. Seine Provinzanschrift stigmatisiert ihn. Er lebt jetzt da, wo niemand sein will, zumindest in der hauptstädtischen Wahrnehmung. Dazu kommt, dass die doppelt qualifizierte Karma gerade ihr minderes Berufsprofil in Anschlag bringt.

Die Neufremden schwanken über morsche Stege im weiterwachsenden, wurzelechten Hochmoor in der Marschbacher Aue. Es hat sein eigenes Klima, von den Steinhainer:innen die gute Moorluft genannt. Seine Verluste sind Gewinne des Marschbachs, der nach Verschwisterungen mit Urff und Losse (Lossbach) zur Eder fließt. Kein Wort, das nicht wenigstens fünfzehnhundert Jahre Geschichte bei einem Namen nennt. Urff und Loss sind Landschaftsbegriffe im Edertal. Berge, Bäche und Täler heißen so, vereinzelt Ruinen - und Leute, die niederhessischen Geschlechtern nachkommen, auch in abweichenden Schreibweisen von Loss und Urff. An erster Stelle zu nennen ist Vara Los, gelernte Straßenbahnführerin mit ruhender KVG-Betriebszugehörigkeit, wohnhaft in Kassel, da aber kaum anzutreffen. Gerade beobachtet sie Uferschnepfen, Waldwasserläufer und Grauwürger. Sie entspannt auf einem Bult voller Sonnentau, Rosmarinheide, Moos- und Schwarzer Krähenbeere.

Zu Vara Los später mehr.

Die Marschbacher Aue ist eine kaum beachtete Attraktion im Nationalpark Kellerwald-Edersee. Sie fällt aus dem Rahmen eines Eichen- und Buchenwaldes, in dem der Türkenbund vorkommt. Jahrhunderte bot sich die Gegend zu Sichtungen von Wildkatzen und als lebende Apotheke an. Im Mittelalter scheiterte der Versuch einer agrarischen Nutzung. Nichts deutet auf ältere Eingriffe hin.

Die Berliner:innen erleben ihren ersten Steinhainer Zissel. Es gibt die Hüpfburg und das Nostalgiekarussell und jede Menge eingefallener Schaumkronen. Die „Owensboro Fabulous Four“ aus Grollstein spielen Lieder der Sechziger nach, das hätte es früher nicht gegeben. Da wurde von den Steinhainer Skatbrüdern persönlich in die Hörner gestoßen, gleich nach dem „Kegelschlag“, einem archaischen Ritual im Spektrum zwischen Tauziehen und Schweizer Schwingen. Man betrieb Push & Pull in einer hessischen Spielart, man hörte keine Knights in White Satin in einer Bluegrass-Version.

Während Sıyığıallmählich von einer langen Bank kippt, findet die mikrophone Rückkopplungstheatralik im Festzelt das Interesse der Toningenieurin Karma. Sie faselt in ihr Telefon von Pappbechern, Plastikgabeln und Gummiflaschen voller Rotz, als sähe sie die Dinge an einem Ende von Island. Oder als sei der Kram von Obsoleszenz bedroht. Klar, Karma versucht mit Exotismus bei ihren Berliner Freundinnen zu punkten. Steinhain darf kein totaler Reinfall sein. So aufgeschmissen wie Karma sich gerade fühlt, kennt sie sich gar nicht. Mal geht sie brutal in die Genauigkeit, dann rutscht sie wieder über den Senf des bekennenden Lalala. Die Resonanzköpfe ergänzen und fügen Nebendeutungen ein in dieser Reportage aus einer Bierblase. Keine möchte mit Karma tauschen. Alle ahnen das langgestreckte Desaster der taffen Tonmeisterin im Abseits. Da ist nichts Vertrautes mehr. Wenn Sıyığı wenigstens.

Ich sag es euch vorab. Gentile ist drauf und dran nach Berlin abzuhauen. So wie einst Karma und Sıyığıaus den elternhäuslichen Zwingburgen ...

07:48 05.08.2021
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