Betreutes Trinken

Tille in Hamburg Tille war ein Pastorensohn, sorgfältig erzogen und voller Register. Maeve war aggressiv, doch mehr noch theatralisch und daran gewöhnt, Eindruck zu schinden.
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„Das Hohelied Salomos“ benennt ein Buch des Alten Testaments. In seiner ursprünglichen Bezeichnung heißt es „Das Lied der Lieder“ - „Canticum Canticorum“ – „Song of Songs“. Für uns war „Milk and Alcohol“ von Dr. Feelgood das Lied der Lieder. Asche fand keine Band auf der Welt besser und den Sänger Lee Brilleaux fand er überwältigend. Wir fuhren hierhin und dahin und einmal sogar nach Enzberg (bei Pforzheim), um Dr. Feelgood live zu erleben. Die Band spielte in den alten Gaststättentanz- und Gesellschaftssälen, die Anfang der Achtzigerjahre allmählich in den Besitz von Griechen übergingen, die Sinn hatten für die festgemauerten Öfen, von Meisterhand gezimmerten Tresen, grandiosen Windfänge, schmiedeeisernen Handläufe und merkwürdig ziselierten Säuferampeln.

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Wie ein Stern vor dem Erlöschen, leuchtete Mücke noch einmal auf, um dann doch nicht zu vergehen. Fand ich in Kassel einen Grund zum Bleiben, schlief ich bei ihr. Gerda wusste das und glaubte mir meine Treue zurecht.

Mücke und ich ergaben ein Wir nur mit Bier. Wir rutschen bloß zusammen auf einem schmalen Brett über unseren Abgründen. Gern arbeiteten wir in Kneipen. Wir blieben nach den Schichten, bis die Jugoslawin kam, es war immer eine Jugoslawin, die von sechs bis elf alles Mögliche tat. Sie kümmerte sich um das gastronomische Randgeschehen und den Bedarf der Nachbar*innen, die irgendwie beteiligt werden mussten am Kneipenleben im Haus. Verhornte Altmieterinnen, Espen in Kittelschürzen und Nylonkniestrümpfen, erinnerten sich an das Vorgängergeschäft.

Das bringt mich auf Bettine Müller, die mit ihrem Mann einen geerbten Feinkostladen geführt hatte. Im ersten Witwenjahr übergab sie an ihren seit der Lehre zum Einzelhandelskaufmann im Geschäft fleißigen Großneffen Joachim „Asche“ Zwirnhoff. Asche hatte in seinem jugendlichen Leichtsinn einen politischen Sportverein aufgezogen, der die Krummen, Lahmen und Halbblinden zusammenbrachte. Vom geschützten Politisieren ging man zum betreuten Trinken über.

Es herrschte gute Kameradschaft. Man ging von Freundschaften fürs Leben aus. Die einen rappelten sich auf und wurden sagenhafte Berufsschullehrer und Busfahrer der Kasseler Verkehrsgesellschaft; Gestalten im Gedächtnisraum von Generationen. Andere schlugen sich durch als am Limit lebende Taxifahrer. Besser man machte morgens um drei Feierabend, um dann bei Asche weiterzutrinken. Wehe war ihnen alle Tage, so unruhig wie ihre Herzen schlugen in der galaktischen Eiseskälte der Lieblosigkeit. Für sie war Mücke ein Spatz in der Hand und die Kneipe, in der Mücke allabendlich wie in einer geschützten Werkstatt arbeitete, weil Arbeit für sie Geselligkeit und Ansprache und eine Versicherung gegen die häusliche Antriebslosigkeit war, hatte Asche eher aus Versehen im Laden der Großtante aufgemacht.

Wie war das nochmal genau gewesen?

Ich weiß es nicht mehr. Es war jedenfalls nicht wie Asche sollte und vielleicht noch nicht mal wie er wollte.

Asche hatte das große Los gezogen. Die Kneipe machte ihn zum Chef von ungefähr fünfzig Hängern und brachte ihm die Treue von genauso vielen Bringern ein. Er konnte alles an seinem Tresen regeln.

Wenn ich je jemanden beneidet habe, dann Asche. Ich erinnere diesen besonders gelogenen & gelungenen Ausdruck von Besorgnis wie angepappt an den Hohlkopf.

Allgemein herrschte gähnende Gedankenleere.

Ich schrieb Reportagen über das Innenleben von Misthaufen. Abgehalfert schon vor dem Start, beackerte ich gemeinsam mit Tillmann „Tille“ Freischmidt, der später in Hamburg als koksender Spätzeuger unter die Räder eines verschmockten Lebensstils kam, das Grenzland zwischen Nordhessen, Südniedersachen und Ostwestfalen. Wir besprachen die Premieren von Theateraufführungen in Turnhallen, während meine Jugendliebe Iris Leise sich anschickte im eigenen Haus Weltkarriere in Braunschweig zu machen. Ihr schwebte Bochum als Beispiel der illuminierten Provinz vor. Ich brauchte das nicht, ich liebte meine Landkreise so schlicht wie sie waren. Und ich liebte Asches Kneipe. Ich war einige Male kurz davor, mich als Zapfer aus allem anderen herauszuziehen.

„Das Hohelied Salomos“ benennt ein Buch des Alten Testaments. In seiner ursprünglichen Bezeichnung heißt es „Das Lied der Lieder“ - „Canticum Canticorum“ – „Song of Songs“. Für uns war „Milk and Alcohol“ von Dr. Feelgood das Lied der Lieder. Asche fand keine Band auf der Welt besser und den Sänger Lee Brilleaux fand er überwältigend. Wir fuhren hierhin und dahin und einmal sogar nach Enzberg (bei Pforzheim), um Dr. Feelgood live zu erleben. Die Band spielte in den alten Gaststättentanz- und Gesellschaftssälen, die Anfang der Achtzigerjahre allmählich in den Besitz von Griechen übergingen, die Sinn hatten für die festgemauerten Öfen, von Meisterhand gezimmerten Tresen, grandiosen Windfänge, schmiedeeisernen Handläufe und merkwürdig ziselierten Säuferampeln.

In einer Kasseler Kneipennacht erklärte mir eine Fremde auf der Durchreiche, wo sie den Ursprung der Sprache vermutete: im Delta zwischen den Flüssen (der Zivilisation) Euphrat und Tigris. Sie routete von den hängenden Gärten der Semiramis via Sulamith bis zum Hortus Conclusus – (bis zu) dem geschlossenen Garten. Da lag Baal nah und unser Kasseler Baal Erich Weinteufel war auch sofort zur Stelle und übernahm die Baalkönigin.

Mitte der Neunziger besuchte ich Tille in Hamburg, lustlos, dem Freund entfremdet und angeödet von seinen Verhältnissen, die sich zuspitzten. Er hatte gerade seine künftige Ehefrau kennengelernt. Maeve Silvester war noch verheiratet und sah Tille zweifelnd an. Für ihn wäre es besser gewesen, wenn das Wünschen nicht geholfen hätte. In seinem Wohnzimmer hing ein Bild, das Kurt Cobain 1993 auf der West 42nd Street in Manhattan vor einem Kino zeigt. Die Anzeigetafel (das Menetekel) meldet Men Don‘t Protect You Anymore. Der Satz taucht bereits in den Survival Series (1983–1985) der Konzeptkünstlerin Jenny Holzer auf.

Maeve konnte solche Verbindungen nicht herstellen, das irritierte Tille auch noch im Sinnesvollrausch. Er war ein Pastorensohn, sorgfältig erzogen und voller Register. Maeve war aggressiv, doch mehr noch theatralisch und daran gewöhnt, Eindruck zu schinden. Aufmischen und durcheinanderwirbeln: das war ihr Programm. Sie spielte eine hysterische Erotik an, so Bikini-Atoll und atomar.

Maeve kam aus der Gegend von Hamburg, die Stadt war immer schon ihre Piste gewesen. Sie hatte sich ihren Platz in einer Schwarzen Gang namens The Diver erkämpft und sich als einzige Weiße gegen übermächtige, ethnisch gestraffte Konstellationen behauptet. Mit einer erbitterten Aufgeschlossenheit für alles Nötige wollte Maeve Kinder. Da stimmte was nicht mit ihrem Mann. Sie war entschlossen, ihre Kinder in den Festungsgrenzen einer Gated Community aufwachsen zu lassen; Privatschule inklusive. Die Entschlossenheit hatte sie von der Straße mitgebracht. Der Extremismus passte weiß Gott nicht in unsere Welt.

11:59 01.04.2019
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