Biete Traumdeutung, suche Klavierträger

Premiere/Berlin I In der “Wechselstube” haben Sie zurzeit die Chance, Leute zu treffen, die ihrer Wege in einem anderen Alltag gehen
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Die Angelegenheit gibt Rätsel auf. Vor dem Deutschen Theater steht eine Bude auf einem Überbau. Leuchtbuchstaben bezeichnen sie als Wechselstube. Sie überragt Schalterbatterien, die dem Zulauf ein Ordnungsprinzip bieten. Ein Anreißer nennt die Vorplatzmutation “Freihandelszone”. Was das ist und was das soll, wird erst einmal von keinem begriffen, der als Aktivzuschauer eincheckt. Die erste Übung besteht darin, sich nach Sprachen zu vereinigen. Hoch im Kurs steht Arabisch. Junge Leute fallen sich muttersprachlich gegenseitig ins Wort. Eine Sprache kann ich noch nicht einmal seinem Land zuordnen, später erfahre ich, so klingt Georgisch. Der kakophonische Tenor zielt auf internationale Solidarität. Jeder soll seine wishes & needs notieren, gern über den Termin hinaus. Man muss nur seine Anschrift auf dem GMX-Jupiter hinterlassen, um im Geschäft zu bleiben.

Ich wünsche mir nichts und weiß auch nichts herzugeben. Das trennt mich von der Mehrheit, die meine Erwartung, auf einem Rummelplatz der schnöden Fantasie gelandet zu sein, wie Kegel kippen lässt. Angeboten wird von Fahrrädern über Praktika, Traumdeutungen, nächtelangem koedukativen Kochen und sogar einem Schnuppertag bei Radioeins jede Menge Brauchbares. Im Gegenzug sollen starke Männer ein Klavier bewegen, Köche ihr Wissen weitergeben, Schreiner tischlern.

Manche bietet sich schlicht zum Gespräch an. Manche suchen Unternehmungslustige. Das ist mir wieder nicht eingefallen, dass man auch etwas gemeinsam unternehmen kann.

Unterrichtsangebote grassieren.

In einer anderen Abteilung wird in der Konfrontation mit einem Zufallspartner barrierefreies Sprechen geübt. Es geht um Vertrauen. Eine Frage lautet: “Was erfährt man normalerweise erst von dir, wenn man dich sehr lange kennt?”

Ich rede mit Arthur, er hat ein einnehmendes Wesen. Es scheint bei ihm noch nicht viel schief gelaufen zu sein. Arthur sucht für einen Kurzfilm einen alten Schauspieler, den er in der Gegend von Weimar ins Wasser stoßen kann.

“Würdest du für Sex eher bezahlen oder dich dafür bezahlen lassen?”

Diese Frage bespreche ich mit Franziska. Schon erstaunlich, was man erfährt, wenn Zurückhaltung sanktioniert wird. Franziskas Vater ist Kaufmann, die Familie bewahrt sich in einem konventionellen Rahmen. Ein Subtext sagt: Ich fühlte mich geborgen. Bei jedem Mann suche ich Eigenschaften meines Vaters. Franziskas Antwort auf die in Rede stehende Frage gebe ich nicht preis.

An der nächsten Station geht es um die Chemie des Vertrauens. Mein Gegenüber trägt die Oxytocin-Formel auf der Brust. Er lässt mich weitergleiten zu einer russischen Virtuosin von höchstens zehn Jahren. Sie spielt vor, mit unirdischem Ernst. Ich bin an ein Wunderkind geraten. Am Ende stehe ich neben Old Griesgram in urinaler Keramik. Keiner ging mürrischer durch die Gänge der Freihandelszone als Griesgram. Ich bin so aufgeschlossen, dass ich ihn in einer Situation anspreche, in der ich regulär jede Ansprache perhorreszierend verweigern würde.

“Was haben Sie sich gewünscht?” frage ich.

Wir teilen das Schicksal der Wunschverweigerung. Griesgram entwickelt seine Zugänglichkeit kongenial zu meiner. Er kommt aus Pforzheim, gerade so wie meine Oma. Ja, die Grenze zwischen Baden und Württemberg verläuft unweit von Pforzheim. Das spiegelkabinettale Theatertoilettenfoyer avanciert zum ministre occulte. Geheimräte (mit einer (immer noch) erkennbaren Neigung zur Distanz) kämmen, vom Oxytocin erobert, die Flöhe der Erinnerung aus. Ich glaube, “Flöhe der Erinnerung”, das habe ich von Bismarck oder einem Bismarckbiografen.

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Mit Mohammad Abdulqasem, Sahar Abdulqasem, Sara Abdulqasem, Thalfakar Ali, Fernanda Aloi, Angel Alschofi, Roberto Alschofi, Mohammad Ashour, Teona Butsashvili, Berta Correig, Martin Fischer, Janna Gockel, Laura Jiménez González, Olaf Grolmes, Jan-Hendrik Hermann, Ayham Hisnawi, Ayman Hisnawi, Homayon Hosseini, Selin Kavak, Marion Krämer, Maria Krupitskaia, Sven Legler, Josephine Lenk, Konstantin Leondarakis, Basam Madamani, Abel Meseen, Kawa Muhammad, Ilia Norouzi, Michael Pietzcker, Mihneea Popov, Hatem Salama, Aziz Salim, Beatrix Schnippenkötter, Sven Seefluth, Yael Sherill, Zana Showesh, Ahmad Solaiman, Hans-Peter Sondermann, Heidi Trull, Sara Vahedi, Mert Yesildağ

Künstlerische Leitung Ruth Feindel, Frank Oberhäußer

Dramaturgie Birgit Lengers

08:46 02.05.2016
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