Bigamie in der Prärie

Texas Ranger Sie waren keine US-Amerikaner mehr und würden nie Mexikaner werden. Man nannte sie Texaner, noch bevor sie sich selbst so nannten.
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Sam Houston verglich die Aussichten seiner Miliz in den Jahren der Texas Revolution von 1835/36 mit einem Schneeball in der Hölle.

Eingebetteter Medieninhalt

Dies ist der Tag und dies ist die Stunde. Mit diesen Worten rief Samuel Rutherford Houston (1793 – 1863) Texas zu den Waffen. Unterstützung verlangte er auch von seinem Förderer, dem US-Präsidenten Andrew Jackson. Jackson wollte Texas lieber kaufen als erkämpfen. Er ließ Houston im Stich. Das war der Anfang der Lone Star Story.

John Wayne Going Junior folgte dem Ruf in Minuteman Manier. Er stand in seiner Schmiede am Angelina River, als ein reitender Bote Houstons Botschaft überbrachte, ohne aus dem Sattel zu steigen oder die Milch anzunehmen, die Frau Going ihm anbot.

Dies ist der Tag und dies ist die Stunde.

Shae Buster Going war eine geborene Rogers aus dem Stamm der Tennessee Hellfire Rogers. Trotzdem bezeichnen sie manche Autoren als Dutch, was in den 1830er Jahren sowohl holländisch als auch deutsch bedeuten konnte. Ihr Mann war zu seiner Zeit einer von wenigen angloamerikanischen Geburtstexanern. Seine Eltern hatten illegal in Spanish Texas Land genommen. Um 1790 spielte sich da das Siedlungsgeschehen im Schatten der Missionsstationen ab. Die Zentralregierung saß tausend Kilometer entfernt in Mexiko-Stadt. Die Zentralgestirne dieser Welt, Papst und König, lebten auf einem anderen Kontinent wie auf einem anderen Planeten. Alles was zählte, war weit weg. Apachen und Kiowas beherrschten die Räume zwischen den katholischen Exklaven. Der geografischen Randlage eine eigene politische Gestalt zu geben, erschien notwendig. John Wayne Junior wusste, dass sein Freiheitswille eine mexikanische und tejanische Entsprechung hatte. Er blieb trotzdem auf der weißen Seite des Geschehens. Anders als Houston, der Jahre unter Cherokees lebte, von einem Führer der Nation adoptiert wurde, und, wie es schamvoll heißt, in die Nation einheiratete. Er heiratete als Black Raven in traditioneller Manier Talahina. Er ließ sich scheiden, Talahina starb auf dem Marsch der Tränen 1838. Die 1828 geschlossene Ehe mit Eliza Allen war ein Spuk. Eliza Allen folgte Margaret Moffette Lea (1819 –1867), die First Lady in Houstons zweiter Amtszeit als Präsident der Republik Texas.

Houston schlief gern auf dem blanken Boden und verbesserte seine Erscheinung mit indianischen Accessoires. Ich finde ihn gut charakterisiert in einem Leserbrief:

This is a man whose reputation was clouded in his own time (divorce, rumors of infidelity, heavy drinking, a Cherokee wife, unpopular political ideas), but who is greatly admired today because of what he accomplished in spite of the negative political and social consequences, as well as how independent he remained from those forces that would seek to move him from what he believed to be morally right. Some quotes from Sam Houston: I am aware that in presenting myself as the advocate of the Indians and their rights, I shall stand very much alone; I love Texas too well to bring civil strife and bloodshed upon her.

Houston führte den entscheidenden Sieg über die mexikanische Armee in achtzehn Minuten herbei. Das geschah am 21. April 1836 bei San Jacinto.

Houston stellte eine Reihe von Rekorden auf. Doch beeindruckt mich nichts mehr, als seine Unabhängigkeit. Er fand die Kraft, seine innere Freiheit mit politischen Entscheidungen zu verbinden. Es spricht für Texas, dass der kontrovers diskutierte Charakter als Nationalheld nicht demontiert wurde.

Eine Weile lebte Houston in Nacogdoches. Anfang der Neunzehnhundertachtzigerjahre verbrachte ich viel Zeit damit, da Zeugnisse der Texas Revolution von 1835/36 zu sichten. Überall öffneten sich Türen; das Entgegenkommen war eruptiv. Ich begriff das Wesen und spürte die Anziehungskraft eines Gründungsmythos. Die texanische Lava war noch nicht erkaltet; ihr Relief hatte keine erdgeschichtliche Dimension. Alles war erst gestern geschehen und glühte alltäglich nach. Die Leute in Nacogdoches County kramten Artefakte hervor. Oft waren das Gegenstände wie aus dem Fundus einer Wildwestshow. Die Nähe der historischen Fundamente zu ihren populären Nachbildungen frappierte. Die Pionierzeit hatte sich den Nachkommen der Pioniere eingeprägt. Sie standen in einer Tradition mit Verpflichtungen. Kein Texaner hatte das Recht, seinem Land die kalte Schulter zu zeigen.

Der Kansas-Nebraska Act

Ich befasste mich mit Dokumenten, die zu einer Urschrift gehörten und die Kraft der Bibel hatten. Ich bekam einen Bedeutungskoller. Ich war froh, in der Gesellschaft durchhängender Typen wie Lamar Monroe, Buckminster McIntrie, Crobbet Joe Leland und einem Dutzend junger Männer in Lucies Mills Café Bier trinkend den mythischen Text in Kneipenweisheiten aufzulösen wie in einer heilsamen Säure, bis die Prinzessinnen von Nacogdoches aufkreuzten, um die Auslage zu inspizieren, allen voran Naomi DeWitt und Evangeline Gerrish Going, und alle zur Flirtfront mit seinen Nonsense Geboten aufrückten. Einer von Evangelines Vorfahren hatte Sam Houstons Aufruf Dies ist der Tag und dies ist die Stunde heroisch beherzigt. In Nacogdoches wusste das jeder. Es war, als wäre John Wayne Going Junior (auch schlicht The Son genannt) gerade aus dem Feld zurückgekehrt und als baumele sein Pulverhorn an der Stelle von Evangelines Handtasche. Die jungen Männer überschlugen sich …

Damals ging das los, dass viele sich für Stand-up-Comedians hielten und öffentliche Räume zu Schlachtfelder für Witzbolde wurden. Das war natürlich extrem unsexy, insofern die törichte Natur junger Männer in die falsche Richtung gelenkt wurde. Es wäre dem Nachwuchs besser bekommen, sich in seiner Unbeholfenheit niedlich finden zu lassen.

Der ganze Quatsch änderte nichts daran, dass sich in Lucies Café jeder dem Komment eines Southern Gentleman verpflichtet fühlte. Alle erschienen auf die gleiche Weise erzogen. Als (nach eigener Einschätzung unerzogener) Gesamtschuldeutscher mit Siedlungskindvergangenheit hielt ich die jungen Texaner zuerst für wahnsinnig höflich, offen, neutral und politisch korrekt. Dabei strotzten sie vor fertigen Meinungen. Jeder, der aus seinem Staat herausgekommen war, hatte Ärger gehabt. Um es kurz zu machen, für meine Bekannten war New York ein Haufen Scheiße.

Eingebetteter Medieninhalt

Ohne viel zu wissen, hatten die meisten einfach nur Respekt vor Sam Houston, dem Washington von Texas. Wer sich aber in der Geschichte auskannte, sah den großen Mann eher kritisch. Die Kritik setzte spät ein, Houston war längst über seinen Zenit hinaus, als er wenige Jahre vor dem amerikanischen Bürgerkrieg gegen den Kansas-Nebraska Act votierte, der vorsah, dass Siedler in Territorien, die von Louisiana abgezogen worden waren, namentlich in Nebraska und Kansas, in der Sklavenfrage mündige Bürger sein sollten. Das führte zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen. Entscheidend war, dass Houston nicht den Standpunkt der Cotton States vertrat, also aus der Solidarität des Südens scherte. Man erkennt das heute noch an der Standardformulierung. Historiker schreiben durch die Bank by his refusal to support. Es ging um die Verweigerung einer Unterstützung mit geografisch eindeutigen Frontverläufen. Es ging um die Frage: Wer macht die Arbeit auf den Baumwollfeldern?

Das wird hervorgehoben: A Southerner by birth, der selbst Sklaven hielt, paktierte mit Sklavengegnern. Er verriet seine Gesellschaft. Das wurde 1984 nicht grundsätzlich anders gesehen als 1856. Jemand wie Evangeline Gerrish Going mochte bei vielen Gelegenheiten auf eine gute Figur bedacht sein und den Scherz als ständigen Begleiter akzeptieren, der Spaß hörte da auf, wo sich die Frage stellte: Gibt es eine Schranke für deine Heimatliebe?

Evangeline hätte die Grenze ihrer Texas Liebe jedenfalls nicht zu benennen gewusst. Wie ihr Ahne John Wayne Going Junior wäre sie beim ersten Alarm dem Sam Houston von 1835/36 entgegen geeilt.

Bigamie in der Prärie oder Die verschollene Landkarte

Nicht anders, als es in Fort Parker bei Groesbeck im Tehuacana Distrikt (seit 1846 Limestone County) Henry Blix tat, der aus Aarhus in Dänemark kommunistisch gestimmt nach Texas gekommen war und nach ein paar Experimenten mit ausgehängter Klotür und durchgesessenen Sofas den Marsch in die angloamerikanische Normalität angetreten hatte.

Nicht anders, als es Goings direkter Nachbar am Angelina River tat.

Plötzlich fliegt ein Vorhang der Geschichte auf und Rutherford Calloun tritt auf. Rutherford ist der einzige überlebende Nachkomme von Bull Calloun (1771–1812), der zu jenen spärlichen Belfast-Iren gehörte, die im 18. Jahrhundert dem großen Exodus vorangegangen waren. Sein Vater ist eine Legende. Als Jugendlicher fing Bull Calloun auf eigene Rechnung Mustangs in Spanish Texas. Er kannte sich in einem Gebiet aus, dass man das unbekannte so wie das verbotene Land nannte. Kaum je durchstreifte ein Weißer Spanish Texas. Die spanische Kolonialmacht wusste mit ihrem Tejas wenig anzufangen und Ausländern war der Zutritt verboten. Illegale wie Bull Calloun lieferten die einzigen Informationen, die nach außen drangen. Sie berichteten von unberührter Weitläufigkeit. Die erste angloamerikanische Kartografierung unternahm der Filibuster James Johnson zumindest als Gerücht. Jedenfalls tauchte die Karte nie in einem verbürgten Zusammenhang auf. Einige wollen sie immerhin gesehen haben. Alfons Blattschneider behauptet, Bull Calloun habe Johnsons Texas Karte gekannt …

1795 diente Bull Calloun einer Filibuster Expedition als Pfadfinder. Ein Jahr später ließ er sich in Nacogdoches registrieren.

Calloun received no education ever, heißt es in den Erinnerungen von Rumour Clark Cochise Claiborne, einem Cousin von Louisianas erstem US-Gouverneur William Charles Cole Claiborne. Bull Calloun vertrat gleichwohl geschäftliche Interessen des Durchstechers und Hochverräters James Wilkinson. Wilkinson verkaufte US-amerikanische Staatsgeheimnisse an die spanischen Kolonialmacht in Mexiko. Bull Calloun entging nur knapp seiner von Esteban Rodríguez Miró y Sabater als vorletzter Maßnahme im Amt eines Gouverneurs von Spanisch-Texas, -Louisiana und -Florida befohlenen Hinrichtung. Er lebte drei Jahre unter Natives. Mit hundert Mustangs überrollte er eines Tages die Grenze zu Französisch-Louisiana. Er erschien wie von den Toten auferstanden. Gouverneur Baron de Carondelet schickte Bull Calloun nach Nacogdoches. Der Mustanger reiste zum ersten Mal in offizieller Mission und mit Papieren, die Türen öffneten. Ausschweifend erzählt Claiborne wie der Delegierte von den Granden Manuel Muñoz und Pedro de Nava eingeseift wurde. Bull Calloun stand in Spanish Texas überall unter dem Verdacht, ein Spion zu sein. Die Vereinigten Staaten waren seit ihrer Unabhängigkeit 1783 bei Monarchien als Brutstätten der Revolution verschrien. Außerdem unterstellten die Spanier Fremden, mit der ursprünglichsten Bevölkerung zu konspirieren. Eins kam zum anderen und schon war Bull Calloun wieder als unerwünschter Ausländer auf der Flucht. Er erreichte New Orleans im Dezember 1802 mit tausend Pferden und heiratete im gleichen Monat Marianne, die von ihm schwangere und kurz vor der Niederkunft stehende Tochter eines Plantagenbarons. Er bemühte sich um ein neues Visum für Texas. Doch wurde ihm das verwehrt.

Claiborne schreibt: Calloun left New Orleans at the head of a body of well-armed men in March 1803 and made his way to the area west of Nacogdoches. Da errichtete er eine provisorische Festung und zimmerte einige Koppeln zusammen. Er legte den Grundstein von Fort Calloun.

Bull Calloun machte das, was er am besten konnte. Er holte Mustangs aus der Prärie. Als er siebenhundert Tiere zusammen hatte, schickte er Mortimer Slash, Grandslam Coogan, Texas Thunderbolt und ein paar Knechte ohne Rechte mit der Herde nach Natchez, einer Ortschaft in Natchitoches Parish, Louisiana. Mit dem Erlös ritten die Männer geschwind wieder nach Natchitoches, Texas, und rechneten sauber mit ihrem Kommandanten ab. Das ist eine Version der Geschichte. In einer anderen Fassung heißt es, die Expedition um Mortimer Slash sei von spanischen Soldaten dezimiert worden und die Überlebenden spent years in prison for their part in Calloun’s mustanging expedition. Man betrachtete sie als Filibusters who helped to free Texas from Spanish and Mexican rule. Interessant ist und von mexikanischer Herrschaft. Schon um das Jahr 1800 gab es Bestrebungen, alles in den Arsch und unter die Grasnarbe zu treten, was in Texas ursprünglich oder angestammt lebte. Für Bull Calloun war Texas ein großer leerer Raum, in dem es kein anderes, vor allem jedoch kein durchsetzungsfähiges älteres Recht gab, als die Rechtsprechung seiner Flinte. Er hatte erkannt, dass die spanische Kolonialherrlichkeit auf tönernen Füßen stand und die kolonisierten Mexikaner kein fundamentales Gegengewicht zu dem angloamerikanischen Expansionsdrang darstellten. Jahre vor dem Beginn des mexikanischen Unabhängigkeitskampfes (1811 – 1821) antizipierte Bull Colloun die Verhältnisse von 1848. Er verhielt sich zu Beginn des 19. Jahrhunderts so, als sei Texas bereits ein US-Bundesstaat. Die Spanier verloren ihre Hoheitsrechte an seine Halsstarrigkeit.

Neuenglische Gebärmutter

Er kämpfte einfach gegen alle, erzählte Rutherford Calloun, sich auf Erzählungen seiner Mutter Janis Lucrezia berufend, einer Großtante von Evangeline Gerrish Going, die ihre Erinnerungen zu Papier brachte. In Texas wurde Bull Calloun genannt als Vater der Tochter Augustine und der Söhne Elias, Samuel, Porter und Rutherford. Die Mutter war aber in keinem Fall jene überstürzt geheiratete Marianne, die zwar eine weitere Tochter von Bull Calloun zur Welt brachte, die nicht lang am Leben blieb, es aber unterließ, den Erzeuger als Vater zu verpflichten. Marianne wurde uralt und blieb folglich vor Gott und dem Gesetz Bull Callouns Ehefrau.

Augustine, Elias und Samuel waren früh verstorbene oder verschollene Nachkommen von Elisabeth Calloun, geborene Going. Elisabeth erfuhr nie, dass sie ihre Kinder von einem Bigamisten bekommen hatte. Sie starb den Tod der Pionierfrau im Kampf gegen Apachen, glücklich bis zum Überschwang, dem Feind nicht lebend in die Hände gefallen zu sein.

Jetzt wird es kurios.

Elisabeth, die einen Pfeil durch den Hals geschossen bekam, und ihr zur Hilfe herbeigeeilter Vater starben gleichzeitig. Ein stumpfer Gegenstand hatte effektiv auf den Mann eingewirkt. Seine hochschwangere Witwe war weit und breit die einzige Person mit einer neuenglischen Gebärmutter. Janis Lucrezia stand dem Schwiegersohn selbstverständlich bei.

Porter war ein ganzer Going. Darüber wurde Stillschweigen bewahrt. Mit drei fiel Porter Kiowas in die Hände und war fortan für die Zivilisation verloren. Er beteiligte sich an Überfällen auf den Calloun-Going Klan, dessen Mitglieder er intensiv hasste. Sein Blut kochte jedes Mal auf, wenn er auf die Verwandtschaft schoss. Der im Todesjahr seines Vaters geborene, über die Zeit junggesellig mit seiner Oma-Mutter wirtschaftende Rutherford Calloun ritt eines Tages dem verwilderten Halbbruder hinterher to take him out (und nahm ihn aus dem Rennen) wie es in der „Texas Chronik“ von Heavy Peyote heißt. Er empfand nichts dabei außer einer leisen Bewunderung, die er gewissenhaft stets für sich selbst übrig behielt.

Morgen mehr.

06:40 11.03.2018
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare