Bordell der Erwartungen

Jane Jakarta lernt von Tschechow: „Alles, was uns wichtig war, streicht die Natur einfach durch.“ Soll keiner so tun, „als sei das Unglück abgeschafft.“
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Drei Schwestern langweilen die Provinz: so ist Tschechow noch nicht verstanden worden, seit der Uraufführung des Dramas 1901 in Moskau. Die Offizierstöchter erscheinen als larmoyante Nebelkrähen. Sie heißen Olga, Mascha und Irina.

Eine Mascha der Gegenwart widerspricht ihren Schwestern in Wiesbaden, wo Russ:innen auf ihrem Kreuzügen durch die Shopping Malls Europas wie eh und je ins Casino gehen. Auferstanden aus Limousinen und unter dem Pelz Prosorows Not. Tschechow wäre nicht verkehrt, käme er jetzt um die Ecke, mit Olga oder Irina am galanten Arm.

Mascha steilt den Rumpf. Sie verdient die beste Haltungsnote, bis sie die Nerven verliert. Dann weiß sie nicht mehr weiter. Und dann weiß sie nicht mehr, was das soll. Das alles. Manche sagen dazu Leben, vermutlich um zu prahlen.

„Kaum fängt es an, wird es vollkommen stumpfsinnig.“

Die Story ist im Nu abgesungen. Drei Schwestern sehnen sich nach Moskau, wo Löw:innen Empfänge in Galauniform heimsuchen. Der Vater ist hin, allgemein wird wenig gearbeitet. Einzig Olga unterrichtet mit der gebotenen Unzufriedenheit.

„In dieser Stadt ist es unnötiger Luxus, drei Sprachen zu können.“

Olga verblasst zwischen den Fotomodellen, die sie geschwisterlich in die Mitte nehmen.

Die verwaisten Schwestern haben einen mickrigen Bruder. Andrej kürzt seine akademische Laufbahn ab. Sie endet in der Vorläufigkeit eines von Spielsucht nicht ganz aufgebrauchten Familienvermögens.

In einem Kaff kaum größer als der Bahnhof warten drei Eliteelevinnen auf Besserverdienende im Generalsrang. Um den Bruder kümmert sich Natascha. Sie zwingt Andrej in die Unterwerfung.

Offiziere gehen ein und aus in einem Bordell ihrer Erwartungen. Sie sind ideale Witwen- und Waisentröster, zum Betrügen geboren. Sie rücken bald ab, um anderenorts Eindruck zu schinden.

Mascha macht sich zur Gattin eines greisen Kriechers. Ihre Achtung ist ein Hündchen an der Launen Leine. Mascha setzt dem Lehrer Fjodor Iljich Kulygin Hörner auf mit Oberstleutnant Werschinin. Ich glaube, Werschinin ekelt sich vor der Effektivität seiner Fassade. Auf seinen Allgemeinplätzen heulen die Frauen den Mond an.

Bei Fjodor reicht es nicht für einen Kanten Würde.

Bleibt Irina, sie gerät in ein Casino betrunkener Uniformen.

„Keinen Handschlag mehr seit dem Studium“, haben die Uniformen geleistet. Allgemein weiß man von der Natur: „Alles, was uns wichtig war, streicht sie einfach durch.“ Soll keiner so tun, „als sei das Unglück abgeschafft.“

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Einer Waldläuferin fällt ein, dass die Pretty Things einst als ernstzunehmende Konkurrenten der Rolling Stones galten.

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Im nächsten Durchgang agiert Irina weit weg von Wiesbaden in Shawinigan am Rivière Saint-Maurice noch halbwegs im Sankt-Lorenz-Basses-terres. Sie steckt knietief in der kanadischen Provinz Québec. Irinas Isolation entspräche einer Totalität, wäre da nicht Jane Jakarta. Man trifft sich in dem Coureur-des-bois-Hotspot Castorpīvar de Flic.

Jane sitzt im Strandkorb, wie das Bänkchen neben dem Buffet der Blockhausgaststätte genannt wird, und guckt Irina auf die Finger. Wir erinnern uns: Jeanne Beaverfraise hat Cerfpovi Radisson gegen die Wand geknallt und im Gegenzug den Laden übernommen. Nach den Begriffen der Eingeschweißten war das eine freundliche Übernahme.

Eine Waldläuferin zählt auf, was man zum Sportkegeln alles braucht. Eine erstaunt mit dem Wort Artikulationsfitness. Einer fällt ein, dass die Pretty Things einst als ernstzunehmende Konkurrenten der Rolling Stones galten.

Ob Drogengeld die Eigentumsverhältnisse in der Gegend dauerhaft verändert hat? Rockerinnen in der zweiten Lebenshälfte vergessen nie die Schlagkraft der Royal Canadian Mounted Policewomen. Ihre Erinnerungen umkreisen die Ära ihrer höchsten Freiheitsgrade. Auf der Strecke geblieben ist manche. Ob Freund oder Feind spielt schon keine Rolle mehr.

Gleich mehr.

06:26 05.07.2021
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