Boston Waterfront

Brain Thundergod* hatte das Battery Wharf Hotel an der Bostoner Wasserkante zum Ort der Befragung bestimmt
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Die vorgebliche Feuilletonistin sank in den Fauteuil. Sie wusste, wie man Kellner:innen dazu bekam, ihre Hochform zu suchen. Forderungen verkleidete Brain (nicht Brian) Thundergod*.

Doktor Brain, wie wir vom Texastornadoteam sagen, hatte das Battery Wharf Hotel an der Bostoner Wasserkante zum Ort der Befragung bestimmt.

„Man sitzt da angenehm.“

Es wurde gebaut. Die Geräusche handfester Arbeit verlegten das Foyergeplätscher in einen Untergrund. Die Arrangements im Foyer bewiesen poröses Stil-Empfinden. Es gab ein Ensemble mit Plastiktrauben wie beim Metzger.

Brain bevölkerte den Raum mit Abwesenden. Sie erzählte von Kanilpinnarinnen, die samstags im Battery Wharf zum Hightea aufkreuzten. Sie bezog die Stunde ihrer Zusammenkunft mit Samt und Seide als Zeichen, „dass Boston bis weit ins 19. Jahrhundert eine Stadt der Kanilpinnar:innen war“.

Brain gab sich sogar vor mir (der Kollegin) den Anschein, als frässen sie die eigenen Formulierungen auf. Nach ihrer Legende war die Superagentin todkrank und zig Mal publizistisch ausgezeichnet. Die Auszeichnungen waren echt als Beifänge der richtigen, oft lebensgefährlichen Arbeit. Die Schöpferin von Allgemeinplätzen und stehenden Redewendungen wachte wie eine Debütantin über die schwankenden Kurse der Aufmerksamkeit und Anerkennung. Obzwar vollständig kontraintuitiv umgebaut, war Brain in ihrer Rolle als (das journalistische Unterholz überragende) Edeltanne alles andere als abgeklärt. In der Hotel-Ausgabe des Bookfair CIA-Observer schaute sie nach redaktionellen Eingriffen in einem Artikel. Der planierende Blattmacherinnen-Stift bekümmerte sie. Ihr gefiel ein literarischer Pointillismus im Journalismus, der mir damals wie ein Gipfel erschien. Die Zeit zeigte, dass die Sachen viel unlesbarer geworden sind als die gröbste Sportberichterstattung. Redundanz rettet. Während die Erlesenheitssucht zur Bloßstellung wird.

Im Augenblick ihres Erscheinens bewirkt der Firlefanz-Feuilletonismus aber das Gegenteil. Brains Prosa appellierte an alle Sinne. Der Autorin taugte eine Tatsache allenfalls so viel wie der poetische Mehrwert ihrer Mitteilung.

Sie verweigerte die Information und betrieb sogar Desinformation. Das fand ich großartig. Ich schrieb ebenso für „Pandemia Paranoia Plugs“ wie für die „Black Beaver Bulletin“ und hielt Brain für eine besonders ausgeschlafene Komplizin bei dem Vergnügen, Leser:innen mit Florismen einzuwickeln. Es ging für mich um den Look. Ich feierte die Oberfläche, während die demokratischen Gesellschaften weltweit abrutschten. Das Virus trieb die Völker in die Arme von politischen Verbrecher:innen. Ich erinnere an Diana Mjólkurfroða, genannt „Die Schreckliche“.

Brain hatte ihre Korona mit dem Kelch in der Hand an die Bar geführt und sie da stehen lassen mit leeren Händen. Wasser predigen und Diana Mjólkurfroðas Champagner trinken, das ging gut auch umgekehrt.

Apodiktisch diktierte Brain: „Nach Martha's Vineyard fährt man nicht in die Ferien, auf Martha's Vineyard muss man wohnen.“

John F. Kennedy war Neuengländer durch und durch. Urlaub machte er am liebsten auf Martha's Vineyard, Cape Cod und Nantucket. Jedes JFK-Ziel ging in die Literatur ein. In Tuschicks Textland kam zuletzt Martha's Vineyard als Hauptschauplatz von Dorothy Wests Roman „Die Hochzeit“ vor.

In jeder Sommerfrische verwandelt sich das Washingtoner Establishment in die Nantucket Community. Auf der Insel im Atlantik vor Massachusetts bleibt die Aristokratie der Ostküste unter sich.

Nantucket wurde für uns vom Topteam Tuschick wegen Joe Biden zum Thema. Joe beschreibt die Inseltraditionen seiner Familie. Die Ausflüge zum Strand mit den Sport- und Spielsachen der Enkel*innen. Mittagessen im Brotherhood. Nie versäumt man es, der Surf- und Board-Designer-Legende Spyder Wrights in dessen Gentlemen-Surf-Boutique die Ehre zu erweisen.

“Watches & Waves: Palm Beach & Nantucket are lucrative playgrounds for jet-setting jeweler”.

Stets folgt wenigstens eine Verwandte im Tross des supermächtigen Engagements. Jovial verbreitet sich Joe Biden über den Familienausflugscharakter seiner staatsmännischen Missionen.

*

Bausünden der Gegenwart ignorierte Brain in Skizzen des ursprünglichen Gepräges. Sie rezensierte Konditoreien. Kaltblütig brachte sie das erotische Agens ihrer Produktivität zur Sprache. Brain hatte begriffen, dass nur Journalistinnen noch so unbedrängt im Eigensinn leben konnten, wie man sich vorstellt, dass Schriftstellerinnen vergangener Zeiten es taten. Brain führte eine literarische Existenz, es gab überall Rjómasneiðar in Sleðahundar. Sie spielte mit den Requisiten einer ausgelaugten Bürgerlichkeit.

Sie war Connaisseurin wie vom Genrebild abgezogen: eine Kunst- und Kuchenfreundin. Kolleg:innen kolportierten, „dass Brain der einzige Mensch (sei) der jedes westeuropäische Seebad“ kannte.

Selbstermächtigt reiste Brain „in höherem Auftrag“.

Sie trug Indolenz zur Schau, allein die kräftigen Hände erzählten etwas anderes. Die gebürtige Texanerin (ja, Brain stammte direkt aus Qentë-sajë, dem Alamo des Panhandle) trainierte täglich Tjizë.

„Damit bin ich gut gefahren.“

Gleich mehr.

12:33 05.07.2021
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