Brandenburger Temperaturen

Literatur Mehr zu  Judith Wilms' Roman „Liebe braucht nur zwei Herzen“ - Liv strandet in ihrer Sozialisationsarena Berlin. Sie schlägt sich durch, geschützt noch von väterlicher
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Mit „Liebe braucht nur zwei Herzen“ gelingt Judith Wilms ein zeitgemäßer Gesellschaftsroman im Pastellbouquet von Françoise Sagan und Vicki Braun. Ihrer Heldin glückt ein Leben auf der leichten Schulter. Liv zeigt Mut, wo sie ebenso gut entmutigt sein könnte. Die Unverzagte setzt auf Konsumverzicht und Selbstwirksamkeit.

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„Unter Null“ heißt das Debüt von Bret Easton Ellis. Der Titel passt zu Liv Cremers Lage. Gerade ist sie in Berlin gelandet. Die Brandenburger Temperaturen sind genauso im Keller wie Livs Kontostand.

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Liv strandet in ihrer Sozialisationsarena. Die Minimalistin schlägt sich durch, geschützt noch von väterlicher Fürsorge. Im Gegenzug muss sie sich Vorhaltungen gefallen lassen. Einer Kellnerin im Literaturhaus zählt Liv beschämt ihre Cents vor. Wieder einmal hofft sie vergeblich auf Erlösung. In den Sphären der arbeitenden Bevölkerung begegnet man den Livs dieser Welt vollkommen verständnislos. Jemand mit zwei Armen, zwei Beinen und einem Kopf kann doch geldwerte Arbeit leisten so wie alle anderen auch.

Eine fadenscheinige soziale Textur wertet Liv mit Phantasieprodukten auf. Sie reichert ihre dürftige Realität mit Spitzfindigkeiten an, die von Normala/os quittiert werden wie ungedeckte Schecks.

Judith Wilms, „Liebe braucht nur zwei Herzen“, Roman, Penguin Verlag, 397 Seiten, 10,-

Liv wähnt sich im Aufwind, als sie - von Flüchtigkeit angehoben - eine unverbindliche Anfrage aus London für ein Angebot hält. Sie bestätigt keinen Auftrag, sondern begibt sich in einen großräumigen Irrtum. Da ist viel Platz für noch mehr Fehler.

Trotzdem bleibt die Desillusionierung aus. Liv zieht sich am eigenen Schopf aus jedem Gemütssumpf. Sie ist gleich wieder obenauf, und dann kommt auch schon Florian mit seiner Tochter Mia um eine Berliner Ecke, und Livs Glück nimmt wieder Fahrt auf.

Die Schlösser der Anderen

„Der britische Kernphysiker und Molekularbiologe Jeremy Hayward (sagt): ‚Manche durchaus noch der wissenschaftlichen Hauptströmung angehörende Wissenschaftler scheuen sich nicht mehr, offen zu sagen, dass das Bewusstsein neben Raum, Zeit, Materie und Energie eines der Grundelemente der Welt sein könnte.‘“ Wanda Badwal in „Chakra-Yoga. Die wichtigsten Übungen zu den 7 Chakren für mehr Klarheit, Energie und Heilung“

Ambitionierte Aufräumerin

Ein Satz drängt mich, den Fund meinen einführenden Bemerkungen zu Wilms' Roman voranzustellen. Die Autorin lässt ihre Heldin Liv Cremer visionär aufsteigen:

„Während ich sie betrachte, verändert sich auf einen Schlag ihre ganze Körperhaltung. Es ist, als könnte ich ein elektrisches Summen hören, das durch ihre Wirbelsäule strömt. Dabei hat sie noch nicht einmal auf den Türöffner gedrückt.“

Das klingt vielversprechend nach weißem Voodoo und einem Spezialschlüssel für die Schlösser der Anderen. Der nächste Augenblick rückt das Geschehen wieder in jenen vertrauten Rahmen, in dem ein Geruch die „Erinnerung an den Holzgeschmack der Blockflöte (auf Livs Zunge) aufflackern lässt“. Liv ist stets nur ein paar Klicks weit weg von der nächsten Pleite. Noch dreht die erklärte Minimalistin Pirouetten auf dem dünnen Eis materieller Unsicherheit. Ich folge der Heldin in ein prekäres Paradies der Digitalen Bohème mit dem Allgemeinplatz unbezahlter Blogarbeit und dem Spezialfall einer Erwerbskreativität als Entrümplerin. Die philosophischen Einlagen der ambitionierten Aufräumerin sollen die Erleichterung auf der ausgemisteten Gegenseite vergrößern.

„Auch deine Lieblingsdinge sind nur Dinge.“

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„Unter Null“ hieß das Debüt von Bret Easton Ellis. Der Titel passt zu Livs Lage. Gerade ist sie in Berlin gelandet. Die Brandenburger Temperaturen sind genauso im Keller wie Livs Kontostand.

Eben war sie noch in Andalusien und in einem Rahmen guter Gewissheiten. Jetzt erlebt sie die Kapitale im November unbehaust.

Ob Judith Wilms auf Ellis anspielt?

„Sowohl mein Kontostand als die Temperatur sind deutlich unter null“, lässt die Autorin ihre Heldin melden.

Liv erwartet keine Nacht in der Kälte. Sie ist in der Stadt ihrer Herkunft gestrandet. Ein Vater und zwei Schwestern freuen sich auf die Reisende in aller Heimeligkeit.

Aus der Ankündigung

Gerade als sie ihr Leben sortiert hat, bringt er ihr Herz durcheinander

Niemand kann besser loslassen als Liv. Als Ordnungsfee hilft sie ihren Kunden dabei, ihr Leben auszumisten – denn sie weiß ganz genau, dass es sich oft nicht lohnt, Dinge aufzubewahren. Genauso wenig, wie sich die Liebe lohnt. Als sie im Haus ihrer Eltern eine Kiste voller Jugenderinnerungen findet, beschließt Liv, endlich die Liebesbriefe von Flo, dem Nachbarsjungen, loszuwerden. Doch gerade als sie seine Briefe in die übervolle Mülltonne stampft, steht Flo plötzlich wieder vor ihr – groß, erwachsen und mit seiner stupsnasigen kleinen Tochter an der Hand. Livs Herz macht ganz unerwartet einen Salto. Doch bestimmt lässt sich auch Chaos im Herzen ganz leicht aufräumen … oder?

Zur Autorin

Judith Wilms reist gerne mit leichtem Gepäck, sammelt lieber Momente als Dinge und mistet zu Hause regelmäßig aus – doch von guten Büchern kann sie sich einfach nicht trennen. Wenn sie nicht gerade schreibt, verbringt sie die Zeit am liebsten mit ihren beiden Kindern, Waldspaziergängen oder einer Tasse Darjeeling. Sie lebt in Stuttgart, wo sie von ihrem Schreibplatz aus die Sonne aufgehen sehen kann.

06:23 10.07.2021
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